29.07.2013 - 00:00 Uhr
Oberpfalz

Völlig unverhofft wendete sich das Blatt - Geldautomatenbetrügereien nicht nachweisbar Von der Haft zum Freispruch

von Autor HWOProfil

Ein Vergleich aus dem Sport ist angebracht, um das zu beschreiben, was sich in genau 90 Minuten plus dazwischen eingelegter Pause vor einer Strafkammer des Amberger Landgerichts abspielte. Zwei grundverschiedene "Halbzeiten", bei denen sich gegen Ende der Begegnung das Blatt unverhofft wendete und es schließlich zu einem Ergebnis kam, mit dem keiner gerechnet hatte.

Unschuld beteuert

Nach zwanzig Minuten schien alles klar zu sein. Da saß ein 51-jähriger Schwandorfer auf der Anklagebank, der wegen illegaler Geldabhebungen in erster Instanz zu acht Monaten Haft verurteilt worden war und keine Chance auf "Rabatt" zu haben schien. Der Mann hatte mit einer ihm nicht gehörenden Bankkarte innerhalb weniger Stunden in zwei Schwandorfer Sparkassenfilialen etliche Hundert Euro abgehoben.

Der Beschuldigte beteuerte ebenso lautstark wie händeringend seine Unschuld. Die Abhebungen gab er zwar zu, ließ aber anklingen: "Die Karte und die dazugehörige PIN wurden mir ausgehändigt." Von wem? Richter Gert Dressler erfuhr, dass es da eine am Schwandorfer Stadtrand wohnende Frau gebe, die der 51-Jährige ("Ich war damals auf der Flucht vor der Polizei") an einem Dezembertag letzten Jahres besuchte. Dabei sei ihm die Karte plus PIN mit der Maßgabe übergeben worden: "50 Euro hätte ich behalten sollen, die anderen 600 Euro wollte sie haben, um davon ihre Monatsmiete zu zahlen."
"Ein Märchen", befand Staatsanwalt Dr. Johannes Weber und auch Richter Dressler ließ anklingen: "Das stimmt doch alles nicht." Der Verdacht, so befanden beide, liege nahe, dass die Karte und die PIN-Nummer gestohlen wurden, als der Angeklagte die Frau besuchte. "Gestohlen? Niemals!", konterte der 51-Jährige und berichtete, er habe der Frau die von ihr erwünschten 600 Euro bei einer weiteren Visite gleich danach ausgehändigt.

Zu diesem Zeitpunkt des Berufungsprozesses stand der Beschuldigte auf verlorenem Posten. "Sie sollten ein Geständnis ablegen", riet Richter Dressler und gab Zeit zu einem Gespräch des Angeklagten mit seinem Verteidiger Ekkehard Zink (Amberg). Zehn Minuten später begann die zweite "Halbzeit." Allerdings ohne Schuldeingeständnis. "Ich sage die Wahrheit und Sie wollen mir hier eine reinwürgen", entrüstete sich der Schwandorfer, den zwei Polizisten aus momentan abzubüßender Haft vorgeführt hatten.

Also keine Milde? Es sah alles danach aus. Bis die 59-jährige Frau als Zeugin vernommen wurde und sich das Blatt wendete. Die angeblich um 650 Euro Betrogene machte völlig wirre Angaben, die sich in keiner Weise mit dem deckten, was sie in erster Instanz gesagt hatte. Mal war der Mann zu Besuch in ihrer Wohnung, mal wieder nicht. Mal hatte sie ihm ihre EC-Karte gegeben, dann wieder nicht. Und die PIN? "Die befand sich immer in meinem Geldbeutel."

Zeugin nicht glaubhaft

Zum Schluss konnten sich weder das Gericht noch der Staatsanwalt und der Verteidiger einen Reim auf das machen, was die 59-Jährige zum Besten gab. "Auf so eine Zeugin kann man sich nicht stützen", sagte später Richter Dressler.

Die Strafkammer sprach den Angeklagten, bei den Behörden in Schwandorf amtsbekannt, nach gleichlautenden Anträgen des Rechtsanwalts und des Staatsanwalts frei. "Danke, dass Sie mir geglaubt haben", freute sich der 51-Jährige danach. Geglaubt hat man ihm wahrscheinlich nicht. Nur war eben der Bankkarten-Betrug unbeweisbar. Und deswegen hieß es: "Im Zweifel für den Angeklagten."

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