05.09.2014 - 00:00 Uhr
Oberpfalz

Vor 50 Jahren begann eine turbulente Zeit - Mit den "Cannonballs" und den "Dynamites" ging ... Als der Beat nach Amberg kam

Der Stein kam vor 50 Jahren ins Rollen und er löste Lawinen aus, die mit Getöse niedergingen. Amberg sah sich plötzlich von einer Welle erfasst, die den Beat aus Liverpool herüberschwappen und das "Yeah!, Yeah!, Yeah!" zum Schlachtruf einer jungen Generation werden ließ. Was sich abspielte, das ist ist ein Stück turbulente Geschichte. Der Musiker Günter Kälberer, Gitarren-Protagonist der ersten Stunde, hat sie niedergeschrieben.

"Purple Haze" von Jimi Hendrix hätte auch von ihm stammen können: Otto Bergler, Bandleader der "Rotten Bones". Das Bild machte der vor wenigen Jahren verstorbene AZ-Fotograf Werner Lischka.
von Autor HOUProfil

Was sich zwischen 1964 und den beginnenden 1970er Jahren zutrug, hat Günter Kälberer in Anlehnung an einen Songtitel von Sonny and Cher benannt. Seine Chronik trägt den Namen "The Beat must go on." Für ihn selber gilt das bis heute als Maxime. Denn seine Gitarre hat der 1944 geborene Amberger nie aus der Hand gelegt. Wohl aber viele andere, die auf lokaler Ebene die schrille Musik zu einem Markenzeichen weit über die Oberpfalz hinaus machten.

Kälberer wohnte damals am Wingershofer Tor und er hörte durchs geöffnete Fenster jemanden, der auf der Gitarre übte. Der Sound kam aus dem Obergeschoss des Josefshauses. Günter Kälberer ging den Klängen nach, traf auf einen jungen Mann, der Rainer Tuschinski hieß. Noch am gleichen Abend wurde beschlossen: "Lass uns eine Band gründen." Das war der Start auf einer Rollbahn, die zu dieser Zeit Idole wie The Beatles und The Rolling Stones zu Höhenflügen abheben ließ.

Die Amberger Stadtmauern, Jahrhunderte zuvor von Kanonenkugeln attackiert, bekamen erneut Beschuss. Diesmal von "The Cannonballs". Zu Kälberer und Tuschinski gesellten sich Peter Becker und Hans-Peter Nißl. Sie probten im Gradl-Wirtshaus, erhielten von dem später tödlich verunglückten Roland Riedel eine Anlage finanziert und hatten 20 Songs parat, als sie 1964 ihren ersten Beatabend im Hahnbacher Café Siegert gaben. "Gut, dass spätabends einer mit dem Schifferklavier ins Lokal kam", erinnert sich Kälberer. "Mit ihm zusammen konnten wir dann das Programm etwas erweitern." Der Stein kam vor 50 Jahren ins Rollen und er löste Lawinen aus, die mit Getöse niedergingen. Amberg sah sich plötzlich von einer Welle erfasst, die den Beat aus Liverpool herüberschwappen und das "Yeah!, Yeah!, Yeah!" zum Schlachtruf einer jungen Generation werden ließ. Bilder: privat

Jungs mit langen Haaren

Gab es Konkurrenz? Etwa zur selben Zeit waren auch die "Four Dynamites" aktiv. Frontmann Reiner Meier, ein begnadeter Gitarrist, konzentrierte sich mit seiner Band auf Musik der "Spotnicks", der "Shadows" und der "Tielman Brothers". Peter Becker gehörte auch dort zur Anfangsformation, außerdem Schlagzeuger Joe Bruckner und später Sänger Erich Wein. Legendär sind die "Dynamites"-Auftritte im Malteser, danach im Ring-Café und in der Flamingo-Bar. Unvergesslich auch ihre Version des Beatles-Titels "Cry for a Shadow".

In der Amberger Zeitung erschien seinerzeit der Leserbrief eines Jazzmusikers, der sich kritisch mit dem auseinandersetzte, was die Jungs mit den langen Haaren in ihre Gitarren hämmerten. Doch der Beat überrollte all das, was Louis Armstrong und Dizzy Gillespie bis dahin auf die musikalische Speisekarte geschrieben hatten. "Hang on Sloopy" gegen Jazz und Bigband-Sound. Die Eltern der Langmähnigen tobten.

Die "Cannonballs" gab es nicht lange. Doch wie die Pilzköpfe vom Mersey-River schossen andere Amberger Bands wie Pilze aus dem Boden einer Zeit, die den Umbruch markierte. Keine andere oberpfälzische Stadt hatte so viele Gruppen. Wieder tauchte der Name Roland Riedel auf. Der konnte zwar weder spielen noch singen. Aber er besaß trotz seiner jungen Jahre Managerqualitäten. So kam es, dass Amberger Beatnicks Gastspiele in ganz Nord- und Ostbayern gaben.

Was 1964 begonnen hatte, geriet zu einer Art Flächenfeuer. Bands gründeten sich, die bis heute unvergessen sind. Sie nannten sich "The Rotten Bones" und "League 66", "The Nightwalkers" traten auf, "The Sharks" gab es, die "Sound Society" machte Musik, "Hardy and Cash" spielten Protestsongs wie "Eve of Destruction" von Barry McQuire. Hans "Cash" Merten spielt heute noch, Hardy Richter ist gestorben.

Die Rolle des Jugendamts

Wilde Jahre, argwöhnisch verfolgt vom Amberger Jugendamt und der von dieser Behörde zur Verstärkung angeforderten Stadtpolizei. Was dann bei Beatabenden geschah, nimmt sich für heutige Verhältnisse peinlich aus. "Sie haben uns", weiß Günter Kälberer bis heute, "nicht in Ruhe gelassen." Wenn sogenannte Beatabende stattfanden, kam es nicht selten vor, dass die Fans der Amberger Bands in Scharen abgeführt und zu ihren Eltern gebracht wurden. Einmal sperrte man sie in einen Nebenraum des Josefshauses. "Mir", erzählt Günter Kälberer, "hat man mit Ebrach gedroht." Erst später erfuhr er, dass es sich um eine Jugendstrafanstalt für Kriminelle handelte.
Im Archiv Kälberers befinden sich viele Presseartikel. Kaum einer ist darunter, in dem nicht von Zugriffen des Jugendamtes geschrieben wird. Gleichwohl heißt es dann aber auch in einem der Berichte: "Es wurden keine Autos demoliert und keine Fensterscheiben eingeschlagen." Fast schon ein erleichtertes Aufatmen des Schreibers. Er hatte damals offenbar gelesen, was bei Auftritten der Rolling Stones passiert war. In Amberg aber blieb es immer ruhig und sittsam. Auch wenn es dem Jugendamt nicht so recht ins Konzept passte und hinter allem moralisch Verwerfliches gewittert wurde.

Alles Geschichte. Ein halbes Jahrhundert her und bei vielen bis heute im Gedächtnis. Damals, als ein gewisser Johann K. der Amberger Zeitung schrieb, man möge doch bitte sehr angesichts der bedauerlichen Berichterstattung über die Amberger Beat-Stadtmeisterschaft den Rezensenten auswechseln.

Eine tolle Zeit

Dieser Mensch sei, erregte sich der Leserbriefverfasser, "eindeutig ein Fan der League 66". Die Band hatte seinerzeit den Wettbewerb im Josefshaus gewonnen und stattliche 150 Mark erhalten. Ach ja: Der Kritiker von damals ist auch Schreiber dieses Rückblicks. Er war Anhänger aller Gruppen, die in Amberg für eine tolle Zeit sorgten.

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