19.01.2013 - 00:00 Uhr
Oberpfalz

Wanderausstellung im Stadtmuseum Amberg erzählt vom Leben und den Konflikten Ludwigs II. - Bis ... Königlicher Paradiesvogel einer untergehenden Epoche

Das offizielle Staatsporträt von Ferdinand Piloty d. J. zeigt Ludwig mit Königskrone und Krönungsmantel, obwohl er - wie alle wittelsbachischen Könige vor ihm - nicht gekrönt wurde. Das Porträt wurde gleich nach seiner Entstehung in Reproduktionen weit verbreitet, um das Bild des jungen Königs in der Bevölkerung bekannt zu machen. Bild: Bayerische Schlösserverwaltung
von Rudolf BarroisProfil

Als Außenseiter und Paradiesvogel zugleich verspottet und bewundert, als "Märchenkönig" vermarktet und schließlich als Ikone der Moderne gefeiert, gehört Bayerns letzter König Ludwig II. zu den berühmtesten und zugleich rätselhaftesten Persönlichkeiten der europäischen Geschichte. Die Bayerische Landesausstellung, die 2011 über 575 000 Besucher ins Schloss Herrenchiemsee lockte, wurde zur erfolgreichsten kulturhistorischen Ausstellung im wiedervereinigten Deutschland. Bis 8. Mai wird die Wanderausstellung in verkürzter Form im Stadtmuseum in Amberg gezeigt.

Ludwig wurde als ältester Sohn und Thronfolger von Maximilian II. in eine Zeit hineingeboren, in der nach den napoleonischen Kriegen, einer aufbrechen bürgerlichen Revolution und einer sich rasch entwickelnden Industrialisierung das Ende des herrschenden europäischen Hochadels eingeläutet wurde. Er wuchs an der Seite seiner Mutter, der preußischen Prinzessin Marie, vor allem in einer "Parallelwelt" auf.

Der junge Prinz probte die Rollen seines Lebens vorzugsweise im Schloss Hohenschwangau, wurde früh inspiriert von einer märchenhaften Landschaft, in der seine Mutter ihn und seinen Bruder Otto begleitete. Als der Vater ganz plötzlich starb, wurde der erst 18-Jährige im 1864 König - in einem schicksalhaften Jahrzehnt für Bayern, für ganz Deutschland und für Europa.

Er musste zwei Kriege führen, sich mit dem preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck auseinandersetzen und letztlich dulden, dass nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 ein deutscher, preußischer Kaiser vor ihn gesetzt wurde. Die Ausstellung in Amberg zeigt in riesigen, üppigen Tableaus die brutale politische Realität, der sich Ludwig letztlich nicht gewachsen fühlte. Bayern verlor seine Unabhängigkeit, der junge König zog sich in seine Fantasiewelten zurück.

Er errichtete sich, enttäuscht und vom Kabinett in München misstrauisch belauert, eine Gegenwelt. Das Theater, vor allem die Opern von Richard Wagner, verschafften ihm die Begegnung mit von ihm verehrten Gestalten und Mythen. Hier begegneten sich der König und Richard Wagner, den Ludwig nicht nur verehrte. Wagner, als gefährlicher Freigeist aus Dresden geflüchtet, beugte sich wohl nicht den monarchischen Vorstellungen seines Gönners, befruchtete allerdings die Fantasiewelt des Königs mit seinen Inszenierungen, mit seiner Musik. In Amberg wird das Duo noch einmal lebendig in einem filmischen satirischen Dialog. In der Rolle des Königs brilliert der Kabarettist Christoph Süß.
Während in den europäischen Zentren der Aufbruch in die Moderne begann, beschworen Ludwigs Schlösser in Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee die Vergangenheit, den Mythos eines christlichen Königtums wie im Mittelalter. Neuschwanstein, mit modernsten technischen Mitteln gebaut, wurde aus der Ruine einer alten Burg errichtet, die der Bub mit seiner Mutter wohl Dutzend Mal besucht hatte. Die Schlösserprojekte wurden für den König zur eigentlichen Realität.

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Steinerner Traum

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Diesem seinem Ideal erwies er Reverenz durch höchsten künstlerischen und handwerklichen Anspruch und mit einem für die Zeit unglaublich technischen Aufwand. Neuschwanstein, steinerner Traum einer untergegangenen mittelalterlichen Idylle, beherbergt in seiner Substanz eine moderne Stahlkonstruktion. Beim Bau wurden mechanische, von Maschinen angetriebene Lastenseilbahnen eingesetzt. Die märchenhafte Illusion der Grotten in Linderhof und Herrenchiemsee beruhen auf modernen Generatoren, die dem König die gewünschten Farb- und Lichteffekte lieferten.
Die Besucher der Ausstellung können Mithilfe von 3-D-Animationen sehen, wie die Bauten entstanden. Darunter sind auch Projekte, die nicht verwirklicht wurden, wie die Burg Falkenstein, ein byzantinischer Palast und die chinesische Pagode. Fantastisch und modern zugleich mutet die fliegende Gondel in der Form eines goldenen Pfaus an, mit der Ludwig über den Alpsee schweben wollte.

Die Gegenwelt dazu: Bayern wird, vor allem um die städtischen Zentren herum, zum modernen Industriestaat. Die Nürnberger Firma Schuckert konnte auf der Weltausstellung in Chicago 1893 beispielsweise einen Riesenscheinwerfer vorstellen. Lokomotiven wurden gebaut, die Waffentechnik vervollkommnet. Zukunftsweisende Erfindungen vor allem in Bereich Chemie und Elektrizität führten Bayern an die Spitze des Fortschritts. Andererseits hielt sich hartnäckig das Image vom Agrarstaat und ländlicher Idylle, die die Touristen ins Land lockte. Sommerfrische in Bayern war Urlaubs- und Ferienschlager Nummer eins.
Das Bild des Monarchen wurde zu Lebzeiten überschattet von Schulden, angeblicher Geisteskrankheit und vor allem der Homosexualität, die man ihm nachsagte. In München betrieb man die Absetzung Ludwigs, zumal er sich über die Mahnungen des Kabinetts, keine neuen Bauschulden mehr zu machen, hinwegsetzte. Ein Gutachten des renommierten Psychiaters Bernhard von Gudden war der Anfang vom Ende. Aus Neuschwanstein wurde er schließlich weggebracht und in Schloss Berg unter Arrest gestellt. Die "Götterdämmerung" hatte begonnen.

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Tod im See

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Das Drama endete am 13. Juni 1886, als der König mit von Gudden am Starnberger See einen Spaziergang machte und plötzlich ins Wasser stieg. Gudden konnte ihn wohl nicht mehr zurückhalten, es kam zum Kampf. Gudden ertrank, ebenso der König. In der Nacht fand man die Leichen der Vermissten. Bis heute ist nicht klar, was wirklich passiert ist. Sofort bildete sich nach Bekanntwerden der Ereignisse eine Verschwörungstheorie, die sich bis heute hartnäckig hält. In Amberg kommt das alles noch einmal zur Darstellung.
Die Fülle des historischen Materials zwang die Aussteller zur Auswahl, zur Zusammenfassung, die allerdings glänzend gelungen ist. Das Haus der Bayerischen Geschichte legt besonderen Wert darauf, dass die Besucher aktiv werden können. Es gibt mehrere Mitmach-Stationen: Man kann das Parfüm des Königs schnuppern, seine Kraft an einer Fingerhakelmaschine testen oder sich mittels Leserollen in die Verschwörungstheorien rund um Ludwig II. vertiefen.

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