01.09.2014 - 00:00 Uhr
Oberpfalz

Wie die Amberger an der "Heimatfront" den Auftakt zum Zweiten Weltkrieg heute vor 75 Jahren und ... "Germaniens Schwert kämpft fürs Winterhilfswerk"

Als heute vor 75 Jahren mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg begann, gab es in Deutschland - im Gegensatz zum August 1914 - keinen Jubel. Die Stimmung der an die Front ziehenden deutschen Divisionen war gedrückt, die Furcht der Deutschen, aus der polnischen Angelegenheit könne ein Weltkrieg werden, war unverkennbar. Auch in Amberg.

Paraden wie diese gehörten in den ersten Kriegsjahren zum Straßenbild. Die Niederlage Frankreichs etwa wurde am 29. September 1940 in einer Siegesparade des 41. Infanterieregiments bejubelt. Vorbei an den begeisterten Ambergern marschierten die Soldaten blumengeschmückt am Gürtel und zum Teil am Stahlhelm durch die Altstadt. Ein Plakat aus der militärhistorischen Sammlung fordert dazu: "Amberg muß an diesem Tag bis ins letzte Haus ein Fahnenmeer sein. Die Straßen, durch die die Truppen marschieren, sollen S
von Redaktion onetzProfil

Die ersten Gefallenen

Am Polenfeldzug war auch das 41. Infanterieregiment aus Amberg beteiligt. Bereits in den ersten Augusttagen hatte es seine Garnison (Kaiser-Wilhelm-Kaserne, heute Fachhochschule) zu "Herbstmanövern" in Schlesien verlassen. Am 12. September 1939 erschien die erste Todesanzeige eines Gefallenen in der Amberger Zeitung: Johann Stauber, 24 Jahre, gefallen am 1. September.

Fast jeden Tag erscheinen nun Anzeigen mit dem hervorstechenden Eisernen Kreuz. Junge Männer, die ihr Leben "im Kampf für Deutschlands Freiheit und Ehre" lassen mussten: Hans Wagner, 27 Jahre; Hans Hammer, 21; Hans Bauer, 23; Franz Lotter, 22; Georg Weiß, 18; Hans Michl, 19; Karl Inzelsperger, 24; Fritz Höpfel, 22. Alle gehörten zum 41. Infanterieregiment, das als Vorausabteilung an der Warthe kämpfte. Mit Beginn des Feldzugs brachte der Rundfunk nach jeder Nachrichtensendung den Marsch "Weichsel und Warthe", der den Untertitel trägt "Marsch der Deutschen in Polen".

Gedenkstunde in derAufbauschule

Zu den ersten Gefallenen aus Amberg zählten zwei ehemalige HJ-Führer des Bannes 345 der Bayerischen Ostmark. Sie fielen bei Barrikadenkämpfen in Warschau als Führer eines Freiwilligen-Stoßtrupps. Ihnen zu Ehren wurde im Festsaal der Aufbauschule (heute Max-Reger-Gymnasium) eine Gedenkstunde gehalten: "Der höchste Sinn des Opfertodes". Fahnengruppen der HJ und des Jungvolks nehmen auf der geschmückten Bühne Aufstellung, zwei Fackelträger entzünden das Feuer in den Opferschalen. Nach dem Lied "Heilig Vaterland" spricht Kreisleiter Kolb. "Sie haben ihr Leben gegeben und dieses Sterben und dieser Opfertod hat den höchsten Sinn, den es überhaupt in der Geschichte eines Volkes geben kann."

Glockenläuten undFahnenschmuck

Nach dem Sieg über Polen stand am 5. Oktober in der Zeitung unter der Schlagzeile: "Nun wehen die Fahnen des Sieges! - Die Banner Großdeutschlands über Amberg": "Amberg hat sich in ein Fahnenmeer gehüllt. Überall in den Straßen ... bauschen sich die siegreichen Banner Großdeutschlands. Und in das Gewoge der Fahnen mischte sich gestern mittag erstmals die eherne Stimme der Glocken, die zum Siege läuteten. Während zehntausende polnischer Soldaten in die Gefangenschaft gehen, die deutsche Kriegsbeute sich zu phantastischen Bergen häuft und die deutschen Regimenter in ... Warschau einmarschieren, gedenken wir im rotwallenden Schmuck der Fahnen und Dröhnen der Glocken des Abschlusses des Feldzuges. Es war ein Blitzkrieg, wie ihn die Weltgeschichte noch nicht verzeichnet hat."

Jahrelang hatte sich die katholische Kirche vehement dagegen gewehrt, die Glocken von St. Martin zu nationalsozialistischen Feiern zu läuten. Mit Beginn des Krieges ist von dieser Verweigerungshaltung nichts mehr übrig geblieben. Alle Bischöfe äußerten sich zustimmend für ein "Glockengeläute bei einer eventuellen Siegesfeier". Bereits am 17. September gab der Bischof von Regensburg allen Pfarreien genaueste Anweisungen für das Läuten der Glocken aus Anlass eines Sieges: Zu Beginn drei Minuten alle Glocken, danach das Totenglöcklein allein, verbunden mit einem Gebet für die Soldaten, die für das Vaterland gefallen sind. Es folgt die mittlere Glocke, um Gott zu danken für seine bisherige Hilfe, danach die große Glocke, damit Gott weiterhin das Vaterland segnen und beschützen möge. Zum Abschluss nochmals alle Glocken drei Minuten lang. Am 30. September 1939 lautet die Anordnung des "Reichsministers für die kirchlichen Angelegenheiten" an alle Kirchenbehörden: Beim Einmarsch der deutschen Truppen in Warschau müssen alle Glocken sieben Tage lang von 12 bis 13 Uhr eine Stunde lang läuten.

Wehrkraftzersetzung und "Heimtückegesetz"

Die Wehrkraftzersetzung war ein Sonderstrafrecht im Krieg gegen jeden, der den Willen des deutschen Volkes "zur wehrhaften Selbstbehauptung zu nehmen oder zu zersetzen sucht". Das "Heimtückegesetz" war das "Gesetz gegen heimtückische Angriffe auf Staat und Partei". Bestraft wurde, wer das Ansehen der Reichsregierung und der NSDAP schädigte. Am 13. Januar 1940 tagte das Sondergericht in Amberg wegen eines Vergehens gegen das Heimtückegesetz. "Der nicht ganz 50-Jährige Georg Winter aus Kleinfalz bei Großalbershof sah sich am 1. September, dem Tag des Kriegsausbruchs, bemüßigt, einem Bekannten gegenüber abfällige Kritik an der Kriegsführung zu üben, den Nachrichtendienst des Reiches herabzusetzen und die Person des Führers zu verunglimpfen." Das Gericht ahndete dies mit neun Monaten Gefängnis, abzüglich drei Monate Untersuchungshaft.

Das Kriegs-Winterhilfswerk

Mit Beginn des Krieges wurde das Winterhilfswerk (WHW) in Kriegs-Winterhilfswerk umbenannt, öffentlich wirksam durch Sammlungen und Verkauf von Spendenabzeichen. Im Dienste des Krieges hatte es bereits im Oktober 1939 zahlreiche Aktionen. Mehrere Sonntage wurden zu Eintopfsonntagen/Opfersonntagen erklärt. "Alle an die Gulaschkanone bei einer einfachen Mahlzeit wie der Führer bei seinen Truppen." Gemeinschaftliches Eintopfessen aus der Gulaschkanone!

Die Opfersonntage und die Sammelergebnisse wurden als Mittel des Kampfes gegen England betrachtet. "Wir haben erkannt, dass das Kriegs-WHW eine ungeheuer scharfe Waffe im Kampfe gegen das stolze England ist; darum wollen wir auch von dieser Waffe den entsprechenden Gebrauch machen. Wir werden am kommenden Opfersonntag wieder alles tun, um ein Sammelergebnis zu erzielen, das die Herren an der Themse niederschmettern wird. Der nächste Opfersonntag soll für sie wieder ein schwarzer Tag sein, der ihnen die vollkommene Aussichtslosigkeit ihres verbrecherischen Krieges gegen das deutsche Volk erneut vor Augen halten wird. Sie sollen an diesem Tage wieder erkennen, dass wir bereit sind, mit dem Führer zum Siege zu marschieren."

Bei den Straßensammlungen verteilte das WHW kleine Abzeichen und Plaketten. November 1939: "Germaniens Schwert kämpft fürs WHW - Straßensammlung als Symbol der Schlagkraft der inneren und äußeren Front. Am 4. und 5. November werden wir alle Schwert und Dolch als Symbol des deutschen Freiheitskampfes tragen, Abzeichen, die das deutsche Volk aufrufen zur freudigen Opferbereitschaft für den Kampf der Heimat. Die Männer der SA und SS werden diesmal mit diesem Abzeichen und der Sammelbüchse auf der Straße stehen. Sind diese Schwerter und Dolche nicht das Symbol unseres Kampfes? Sie sind Symbole eines kämpfenden Volkes, das sich gläubig und vertrauend wie ein Mann hinter seinem Besten, den Führer, gestellt hat."

Entbehrungen der Heimatfront

Die geringste Entbehrung für die Bevölkerung von Amberg war wohl, dass sie die herbstlichen Ausflüge zum Reichsparteitag nach Nürnberg nicht mehr unternehmen konnte. Der für den Herbst bereits geplante Reichsparteitag, sinniger Weise als "Parteitag des Friedens" bezeichnet, fand nicht mehr statt, auch wenn die Plakate schon gedruckt waren.

Mit Beginn des Krieges wurde eine umfassende Kriegswirtschaftsverordnung erlassen. Private Kfz bedurften einer Genehmigung. Alle freigegebenen Fahrzeuge, die im Dienste der Kriegswirtschaft standen, mussten auf dem Nummernschild einen roten Winkel (V) führen. Nicht zugelassene, durch Reparatur ausgefallene oder abgemeldete Nutzfahrzeuge mussten erfasst und an die Kreispolizeibehörde gemeldet werden. Auf die Einkommensteuer kam ein Kriegszuschlag von 50 Prozent, die Länder und Gemeinden mussten einen Kriegsbeitrag leisten, auf Bier und Tabakwaren kam ein Aufschlag von 20 Prozent. So kostete das Bier zehn Pfennig mehr je Liter.

Mangel an Arbeitskräften

Mit fortschreitendem Krieg wurden immer mehr Männer zur Wehrmacht eingezogen. Deshalb benötigte man vermehrt Mädchen und Frauen als Arbeitskräfte für die Heimatfront. Zur Vermehrung des Reichsarbeitsdienstes (RAD) wurden Mädchen geworben.

5. September 1939 - "Deutsche Mädchen! Die Lager des RAD sollen Stätten des Glaubens an den Führer und der Arbeit für Deutschland sein. Mehr denn je braucht gerade jetzt die deutsche Frau und Mutter auf dem Lande die helfenden Hände der deutschen Jugend."

6. September 1939 - "Frauen Ambergs meldet euch! Große Aufgaben sind der deutschen Frau nunmehr zugewiesen. Es gilt, die Landfrauen zu unterstützen, die Kleinen in den Kindergärten zu betreuen, beim Bahnhofsdienst, in den Nähstuben, in der Nachbarschaftshilfe tätig zu sein.

Auch die SS warb um Nachwuchs und suchte "Arbeitskräfte" für ganz besondere Aufgaben. 16. September 1939 - "Die SS Totenkopfstandarten stellen Freiwillige der Jahrgänge 1921 und 1922 ein. Bedingungen: volle SS-Tauglichkeit, Mindestgröße 168 cm mit 17 Jahren, zwölfjährige Dienstzeitverpflichtung. Spätere Übernahme in den Dienst der Polizei (einschließlich Geheime Staatspolizei) möglich. Untersuchungen bei der SS-Dienststelle in der Ritter von Epp- Str. 20." Diese Straße ist die heutige Bahnhofstraße, alle Dienststellen der NSDAP befanden sich im "Braunen Haus", das sich an der Stelle des heutigen Kaufhauses Wöhrl befand.

Der Polenfeldzug war der Beginn unermesslichen Leides für Deutschland und Europa. Im Mai 1940 folgte der Angriff auf Frankreich, das nach einem weiteren "Blitzkrieg" bereits am 22. Juni 1940 kapitulierte. Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 brachte Hitlerdeutschland den Untergang.

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Der Historiker Günther Rambach, Autor von "Hakenkreuz und Martinskirche - Schicksalsjahre in der Oberpfalz 1933 bis 1959", hat anlässlich des Kriegsausbruchs heute vor 75 Jahren neue Quellen gesichtet und diesen Artikel über die Auswirkungen des Krieges in der Heimat exklusiv für unsere Zeitung geschrieben.

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