17.07.2004 - 00:00 Uhr
Oberpfalz

Wunderbare Grammer-Welt: Wie viel Demokratie verträgt ein Global Player? Techniker lernen sprechen

Ein eisiger Wind weht durch deutsche Werkshallen: Arbeitgeber stellen Arbeitszeit und Mitbestimmung auf den Prüfstand. Umso mehr lässt die Grammer-Vision aufhorchen: Mitdiskutieren, mitmachen, miteinander Erfolg haben - wie viel Substanz hat dieses globale Leitbild "made in Amberg"?

von Jürgen Herda Kontakt Profil

"Wenn Sie uns fragen, ob wir mit der aktuellen Situation zufrieden sind: absolut nicht. Partizipation ist ein Eckpfeiler unserer neuen Unternehmensphilosophie", beschreibt Vorstandsvorsitzender Heinz-Jürgen Otto den Status Quo. "Der Weg ist das Ziel."

Natürlich ist die Mitmach-Demokratie auch für den Grammer-Vorstand kein humanistischer Selbstzweck. "Wie verhält sich ein Technologie- und Qualitätsführer am Markt" - diese Leitfrage definiert den Verhaltenskodex. "Wir wollen durch Innovation Qualität für Menschen schaffen", holt Otto aus, "und dazu ist eine Balance der Interessen von Konzern, Mitarbeitern und Kunden notwendig." Die Kommunikation zwischen allen Akteuren müsse stimmen - nur so ließen sich alle Bedürfnisse unter einen Hut bringen.

Nicht nur die Hände

Flache Hierarchien, Kaizen - ein japanischer Ansatz der 80er Jahre, der in der heutigen Managementlehre schlicht Kontinuierlicher Verbesserungsprozess heißt - all das klingt an, wenn Otto feststellt: "Wir können es uns nicht mehr leisten, nur die Hände unserer Mitarbeiter zu bezahlen."

Auch die Köpfe und Herzen sollten dem Unternehmen zugute kommen. Ist das der neue Global-Player-Marxismus, denn schließlich forderte auch der Linksaußen der deutschen Philosophie eine ganzheitliche Betrachtung des Produktionsprozesses? Stefan Badura, Leiter des Kompetenz-Zentrums Sitz-Systeme, konkretisiert: "Es geht mehr darum, die Stärken der Mitarbeiter weiterzuentwickeln, als an den Schwächen rumzudoktern." Im Bereich Vorschlagswesen und Ideenmagagement schlummere noch ein gewaltiges Potenzial, das es auszuschöpfen gelte.

Den Mitarbeitern ist's egal, wie die Lehre heißt. Für sie ist wichtig, was hinten dabei raus kommt. Sichere Arbeitsplätze, interessante Aufgaben, ordentliche Bezahlung - das sind greifbare Größen. Eine aktuelle Zufriedenheitsstudie belegt: Im Schnitt benoten die Grammer-Angehörigen ihren Arbeitgeber mit dem Prädikat "gut". "Natürlich hat die Standortdebatte manche Mitarbeiter verunsichert", gibt Otto zu. "Entscheidend ist aber, wie wir damit umgehen." Führung ist Kommunikation, postuliert der Manager mit US-Erfahrung.

Und das lebe er selbst vor: Keine Woche, ohne dass der oberste Angestellte seine Leute informiert oder bei wechselnden Teams auftaucht, um sich über aktuelle Stimmungen an der Basis zu informieren. "Das geht so weit, dass wir schon Klagen des mittleren Managements hörten, man solle sich auch um sie kümmern", grinst Volkhart Meyder, Bereichsleiter Entwicklung Seating Systems. Dass nicht nur geredet, sondern auch gehandelt wird, beweist nicht nur die Marktführerschaft in den Kernmärkten. Auch die Durchlässigkeit der Hierarchien ist ein Beleg dafür. Lebendes Beispiel dafür ist Robert Scholz: "Ich habe an der Werkbank angefangen und bin jetzt Leiter Operations West Automotive."

Englische Krankheit

Auf dem hart umkämpften Zulieferer-Markt sei Weiterentwicklung eine tägliche Hausaufgabe - Kommunikation auch in Englisch das zentrale Werkzeug eines Konzerns mit über 7000 Mitarbeitern in 13 Ländern. "Das müssen Techniker oft erst lernen", stöhnt Meyder über hervorragende Fachleute, die nicht gerade als Plaudertaschen verschrien sind. "Kommunikation muss natürlich immer einen Zweck erfüllen", schließt Unternehmensprecherin Barbara Zanzinger Kaffeekränzchen aus.

"Als ich die erste Videokonferenz mit unseren internationalen Standorten einberufen wollte", wunderte sich Otto, "meldeten sich plötzlich eine Menge Leute krank." Alle mussten erst in den globalisierten Anzug hineinwachsen. "Ich fahr' jetzt für ein paar Monate in die Staaten", illustriert Badura die neue globale Normalität.

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