01.02.2009 - 00:00 Uhr
Oberpfalz

Zehnstündiger Abstimmungsmarathon beim Landesparteitag in Amberg - Claudia Roth souverän Grüne wollen Bayern „rocken“

Albert Deß hätte die reinste Freude gehabt: Themen wie die bäuerliche Landwirtschaft, erneuerbare Energien - überhaupt die Förderung des ländlichen Raumes standen bei der Landesdelegiertenkonferenz der Grünen im Amberger Congress Centrum (ACC) ganz oben auf der Tagesordnung. Biorind von Bauern aus der Region hatte ACC-Wirt Hubert Eckl für die rund 300 Delegierten extra auf die Speisekarte gesetzt. Und am Nachmittag folgte eine Kampfabstimmung auf die andere.

Gute Stimmung: Die Grünen-Bundesvorsitzenden Claudia Roth (rechts) und Cem Özdemir mit Landeschefin Theresa Schopper. Bild: Steinbacher
von Uli Piehler Kontakt Profil

Was dem CSU-Politiker Deß in christsozialen Kreisen das Attribut „Rebell“ bescherte - nämlich auf einer Delegiertenkonferenz um einen aussichtsreichen Listenplatz zu kämpfen - ist quasi Mindestanforderung bei den Grünen. Mehr als 40 Bewerber stritten sich um die 24 Listenplätze, die am Samstag in Amberg vergeben wurden - teils leidenschaftlich und spannungsgeladen. So musste die Hofer Abgeordnete Elisabeth Scharfenberg um ihren Platz zittern. Beim Kampf um Rang fünf unterlag sie im zweiten Wahlgang ihrer Bundestagskollegin Ekin Deligöz (Neu-Ulm). Schließlich landete Scharfenberg auf dem immer noch als sicher geltenden Platz sieben.

Von der Konferenz ging ein deutliches Signal an frustrierte CSU-Wähler aus: „Ihr seid bei uns gut aufgehoben. Wir vertreten Eure Interessen besser“, sagte Landeschefin Theresa Schopper in ihrer Begrüßungsrede. Und Claudia Roth unterstrich: „Wir stehen für eine Politik, die sich deutlich abhebt vom Hau-Drauf bei der CSU“. Zumindest was das Prozedere der Listenaufstellung betrifft, dürfte ihr schwer das Gegenteil zu beweisen sein. Die CSU-Europaliste war in gut zwei Stunden durchgewunken. Bei den Grünen zog sich das Ringen um die einzelnen Plätze für den Bundestag von elf bis 21.30 Uhr hin.

Seltene Beifallsstürme

„Damit sind wir noch gut in der Zeit gewesen“, sagte ein gedulderprobter Grünen-Pressesprecher Alex Burger. Die glatt gelaufene Kür von Claudia Roth zur Spitzenkandidatin hatte nicht unerheblichen Anteil daran. Sie hatte als einzige keinen Gegenkandidaten und auch sonst einen recht flotten Auftritt. „Die Energiewende gehört ganz nach vorne, gerade jetzt in der Krise - und nicht nach hinten, wie bei der ehemaligen Bundes-Klimaqueen-Darstellerin Angela Merkel“, sagte sie und erntete damit einen der wenigen Beifallsstürme des langen Konferenztages.

Scharf kritisierte die 53-Jährige das Konjunkturprogramm des Bundes. „Wir brauchen keine Abwrackprämie, die die Umwelt mit abwrackt, kein Milliardengrab Marke Betonkopf, das Landschaften killt, statt in kreative Köpfe zu investieren.“ Die Grünen seien auch die Alternative „zu den Aposteln von Schwarz-Gelb, die immer noch von neoliberaler Eiszeit träumen“, sagte die Augsburgerin mit den roten Strähnen: „Lasst uns Bayern im September grün rocken!“ 221 von 269 Stimmen (82 Prozent) waren der Lohn dafür - ein Traumergebnis bei den Grünen und ganze zwölf Prozent mehr als bei der Nominierung 2005.

Bei der Besetzung von Platz zwei kam es zur ersten Kampfabstimmung. Der 20-jährige Patrick Held wollte sich nicht damit abfinden, dass der Hammelburger Abgeordnete Hans-Josef Fell das Berlin-Ticket automatisch bekommt. „Meine vermeintliche Schwäche, mein junges Alter, ist meine Stärke“, heftete sich der Student aus Bayreuth auf die Brust und kündigte an, 60 Prozent seiner Abgeordneten-Diäten zu spenden, wenn er gewählt würde. Da kam Stimmung auf im ACC. „Wollt ihr Guido Westerwelle als Außenminister? Ich werde ihm sein neoliberalistisches Gequatsche um die Ohren hauen, dass ihm hören und sehen vergeht“, rief er und brachte die Delegiertenreihen in Wallung. Um neuer „Held“ der bayerischen Grünen zu werden, reichte es dann aber doch nicht. Aber immerhin für 29,5 Prozent der Stimmen.

Daxenberger fehlt

Global denken - regional handeln, dieses Motto zog sich wie ein roter Faden durch die Redebeiträge im mehr als zehn Stunden dauernden Abstimmungsmarathon. Bundesvorsitzender Cem Özdemir griff das Thema bereits zu Beginn der Tagung auf: „Immer wenn es um Themen des ländlichen Raums geht, kneifen CDU und CSU in Berlin. Auch Wertkonservative Wähler haben ihre Heimat bei uns.“ Einer, der die Symbiose aus grüner Politik und Heimatbewusstsein verkörpert, Landtagsfraktionschef Sepp Daxenberger, fehlte in Amberg. Nach seiner Krebserkrankung gehe es ihm aber gut, sagten Parteifreunde.

(Ein Interview mit dem Bundesvorsitzenden der Grünen, Cem Özdemir (43), lesen Sie in unserer morgigen Ausgabe).

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