21.07.2017 - 11:16 Uhr
Oberpfalz

"Amberg hilft Menschen" steigt aus Wohnungsvermittlung für annerkannte Flüchtlinge aus: Ab sofort Rückzug beim Umzug

Amberg hilft Menschen - künftig nicht mehr bei der Wohnungssuche und dem Umzug. Die Ehrenamtlichen geben es auf, sich um Unterkünfte für anerkannte Flüchtlinge zu kümmern. Die Organisation möchte ihre Schwerpunkte neu setzen und sich auf ihren ureigensten Anspruch konzentrieren: Integration.

Sven Markert (oben), Michael Geiss (Mitte) und Werner Konheiser (vorne) beim letzten Umzug, den Amberg hilft Menschen organisiert. Hinter den Ehrenamtlichen liegen 31 vergleichbare Einsätze. Bilder: Kosarew (2)
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

Michael Geiss, der Vorsitzende des gemeinnützigen Netzwerks, findet deutliche Worte: "Die Belastungsgrenze ist erreicht. Es geht einfach an die Substanz." Als Gründe nennt er die immer schwerer werdende Situation auf dem Wohnungsmarkt, den zunehmenden Bürokratismus und die Verschärfung der Auflagen durch das Jobcenter, wenn es um den Sachleistungsschein geht, der die Finanzierung der Erstausstattung der Wohnungen regelt.

"Man muss davon ausgehen, dass 99 Prozent kein eigenes Bett, keinen eigenen Kühlschrank und keine eigene Herdplatte haben. Deswegen sind sie ja Flüchtlinge", sagt Geiss und ergänzt, dass sich die gesetzlichen Vorgaben massiv verändert haben: "Erst wenn der Mieter bei der Stadt auf die neue Wohnung angemeldet ist und den Bescheid beim Jobcenter abgegeben hat, wird der Antrag auf Möbel bearbeitet." Mit anderen Worten: "Die von uns betreute Flüchtlingsfamilie muss in eine leere Wohnung ziehen, ohne Schlaf- und Kochgelegenheit." Erst ein bis zwei Wochen nach dem Einzug gebe es den Schein, mit dem beim Werkhof die Möbel bestellt werden können. Die Vorlaufzeit für die Lieferung mit Aufbau liege bei mehreren Wochen: "Unsere Schützlinge sind somit mindestens vier Wochen ohne Möbel."

"Gegen Menschenwürde"

Und genau das sei der Fehler im System, sagt auch Vorstandssprecher Werner Konheiser: "Amberg hilft Menschen wird sich deshalb aus der Wohnungsvermittlung zurückziehen. Wir können Familien mit Kindern nicht wochenlang in leeren Wohnungen hausen lassen. Das wäre gegen die Menschenwürde." Das Jobcenter lenke trotz Intervention nicht ein. Zum Verständnis: Sobald Neuankömmlinge bleiben dürfen, müssen sie laut Geiss die Gemeinschaftsunterkünfte verlassen und selbst eine Bleibe finden, die der Staat zahlt.

Auf der Suche nach eigenen vier Wänden sind die Ausländer aber auf sich alleingestellt. "Das Jobcenter vermittelt keine Wohnungen. Die Stadt und die Caritas schicken die Leute teilweise zu uns", sagt Werner Konheiser und nennt Zahlen. Seit Februar 2015 seien für 136 Frauen, Männer und Kinder 35 Wohnungen vermittelt worden: "31 davon von uns." Der Vorstandssprecher nimmt mit Blick auf den angekündigten Rückzug beim Umzug kein Blatt vor den Mund: "Die Sachbearbeiter beim Jobcenter werden uns noch lange nachweinen, weil wir alles fertig mitbringen." Gemeint sind damit sämtliche Verträge und Formulare. Auch darum werde sich Amberg hilft Menschen künftig nicht mehr kümmern.

Schwerpunkt Integration

In dem Ordner, den Konheiser bei sich zu Hause liegen hat, stehen die Namen weiterer rund 200 Personen, bei denen noch Bedarf besteht. "Es gibt da drei Härtefälle, um die wir uns noch kümmern." Den Rest werde sich Amberg hilft Menschen sicher nicht mehr antun. Die Ehrenamtlichen wollen aber nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht, wie Michael Geiss sagt: "Wir bleiben als Ansprechpartner weiterhin erhalten." Nur die Schwerpunkte würden eben anders gesetzt: "Wir konzentrieren uns künftig wieder mehr auf die Betreuung der Flüchtlinge bei der Bewältigung ihrer Alltagsprobleme" - sprich Hilfe bei der Ausbildung und Jobsuche sowie bei der Integration durch Kultur- und Sportangebote. Denn bisher ist es laut Werner Konheiser eher so: "Wenn die Menschen in der Wohnung drin sind, haben wir keine Zeit mehr für sie."

Die Neuregelung des Jobcenters ist politisch motiviert. Sie ist eine Fortführung der bayerischen Abschreckungspolitik gegen Asylbewerber. Sie ist inhuman und ein Schlag ins Gesicht aller Ehrenamtlichen.Michael Geiss, Vorsitzender von Amberg hilft Menschen

Beratungsstelle schließt zum Jahresende

Zum Jahresende schließt die Initiative Amberg hilft Menschen laut ihrem Vorsitzenden Michael Geiss auch die Beratungsstelle an der Herrnstraße: "Die Mietkosten laufen uns davon." Die Stadt habe 2015 keine entsprechenden Räume anbieten können. lediglich ein Zimmer im Rathaus "zur Nutzung ab 14 Uhr innerhalb der Geschäftszeiten". Vorstandssprecher Werner Konheiser schüttelt den Kopf: "Wie sollen wir das machen? Wir gehen ja alle arbeiten." Von 18 bis 19 Uhr wäre ein akzeptables Angebot gewesen. Auch die Bitte um Lagermöglichkeiten für gebrauchte Möbel sei im Rathaus abgelehnt worden. Michael Geiss dazu wörtlich: "Hier hat uns dankenswerterweise der Lions-Club Amberg geholfen, der uns kostenlos eine Garage zur Verfügung gestellt hat." Der Vorsitzende bedient sich an dieser Stelle der Geschichte erneut relativ deutlicher Worte: "Wir sind enttäuscht, wie wenig doch die Arbeit der Ehrenamtlichen von der Politik gewürdigt wird." (tk)

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