08.05.2018 - 09:10 Uhr
Oberpfalz

Antisemitismus und die Oberpfälzer Juden Eine Kappe auf der Kippa

Auschwitz in Rapsongs, Angriffe in Youtube-Videos: Der Antisemitismus ist zurück in den Medien - nicht alleine als Problem des Rechtsradikalismus, sondern auch der Muslime. Wie gehen Oberpfälzer Juden mit dem Hass um?

Ambergs Rabbiner Elias Dray.
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Rabbiner Elias Dray betreut seit fünf Jahren die Israelitische Kultusgemeinde Amberg mit rund 130 Mitgliedern. Der 40-Jährige hat Erfahrung mit neuem und mit altem Antisemitismus. Und dennoch ist er weit davon entfernt, generelle Verurteilungen auszusprechen. Viel mehr arbeitet er daran, durch Begegnungen Vorurteile zu überwinden.

Herr Dray, haben Sie Bedenken, wenn Sie oder eines Ihrer Gemeindemitglieder mit einer Kippa auf dem Kopf durch Amberg laufen?

Elias Dray: Manchmal bin ich mit Kippa unterwegs, manchmal lasse ich sie weg. Auf jeden Fall macht man sich Gedanken darüber.

Gab es bei Ihnen konkrete Anlässe, die die Bedenken ausgelöst haben?

Hier in Amberg ist mir noch nichts passiert, in Berlin schon.

Was ist vorgefallen?

Es war 2013. Ich habe damals in München gearbeitet und war es gewohnt, mit Kippa zu laufen. Am Rosenthaler Platz in Berlin Mitte haben arabische Jugendliche mich dann beleidigt und versucht, mich zu attackieren. Seither trage ich häufiger eine Kappe über der Kippa, damit man diese nicht sehen kann.

Häufig ist nun die Rede von neuem Antisemitismus, der von Linken oder Muslimen ausgeht, die ihre Ablehnung gegen Israel auf Juden allgemein übertragen?

Es kommt immer wieder vor, dass Leute bei ihrer Israelkritik nahe am Antisemitismus liegen, zum Beispiel wenn sie den Umgang mit den Palästinensern mit dem Holocaust in Deutschland gleichsetzen. Das heißt aber nicht, dass es nicht berechtigte Kritik am Verhalten des Staats Israel gibt. Diese wird ja auch innerhalb Israels geäußert.

Sehen Sie sich als richtiger Ansprechpartner für diese Kritik?

Natürlich nicht. Wir sind eine Religionsgemeinschaft, das wird oft vergessen oder übersehen. Ich bin nicht einmal Israeli, ich bin Deutscher mit jüdischem Glauben.

Seit 2015 kamen viele Flüchtlinge aus arabischen Staaten als Flüchtlinge in die Oberpfalz. In ihren Heimatländern herrscht scharfer Antisemitismus. Hat sich damit Ihr Alltag oder der Ihrer Gemeindemitglieder in Amberg verändert?

Nein. Es gab bisher keine Probleme. Mir sind aus den vergangenen Jahren keine Vorfälle bekannt.

Oft sieht man vor jüdischen Zentren und Synagogen Polizeipräsenz. Das ist bei Ihnen hier in Amberg derzeit anders. Ist das üblich?

Polizeischutz gibt es, wenn wir Gottesdienste feiern. Aber wir sind trotzdem immer wachsam. Wir sind uns bewusst, dass die Sicherheitslage angespannt ist.

Woran merken Sie das?

Wir bekommen immer wieder Hassschreiben per Post, es gibt eindeutige Anrufe oder auch antisemitische Einträge auf unserer Internetseite.

Wie bewerten Sie die Vorfälle bei der Echo-Verleihung?

Es geht natürlich nicht, dass man Auschwitz in Texten so trivial behandelt. Es zeigt, dass viele Leute nicht wissen, was Auschwitz wirklich bedeutet. In Israel besucht fasst jede Schulklasse Auschwitz. Ich denke, dass dies für Deutschland noch viel wichtiger wäre. Zu sehen, was dort passiert ist, ist für das Verständnis der Bedeutung unserer Demokratie so wichtig. Ich kann nicht verstehen, wieso es nicht die Regel ist.

Was kann man noch tun gegen Antisemitismus?

Ich bin überzeugt, dass Begegnungen wichtig sind. In Berlin betreibe ich das Projekt "Meet2Respect". Dabei besuchen ein Imam und ein Rabbiner gemeinsam Schulklassen. Es hilft sehr, wenn Schüler Juden und Muslime persönlich treffen, wenn sie sehen, dass ein Imam und Rabbiner respektvoll miteinander umgehen, dass die Religion im Grunde keinen Anlass für Konflikt geben müssen. Das ist für arabische Jugendliche wichtig, aber auch für deutsche.

Wieso für deutsche Jugendliche?

Man darf nicht vergessen, dass auch hier der Antisemitismus verbreitet ist. 20 Prozent der Deutschen sind der Meinung, dass Juden zu viel Einfluss haben in der Welt. Wir sind aktuell mit verschiedenen Bundesstellen im Gespräch, um das Projekt zu erweitern. Demnächst soll es eine Tandemtour durch Berlin geben. Rabbiner und Imam werden gemeinsam mit Tandems durch Berlin fahren, um ein Zeichen für das Miteinander der Religionen zu setzen.

Haben Sie Pläne, das Projekt auch in die Oberpfalz zu bringen?

Ja, dafür gibt es Pläne. Es müssen aber noch einige Gespräche dazu geführt werden.

Wir halten Sie Kontakt zur muslimischen Gemeinde in Amberg?

Wir hatten vor einiger Zeit eine gemeinsame Veranstaltung in der Moschee unter dem Motto "Versammlung der Religionen". Wir haben sehr netten und freundlichen Kontakt. Auch dabei hat sich wieder gezeigt, wenn sich die Gruppen begegnen, verschwinden viele Vorurteile wie von selbst.

Sie sind gebürtiger Oberpfälzer, waren dann lange weg, unter anderem in Israel. Seit fünf Jahren sind Sie wieder hier in der Provinz und der Diaspora. Wieso haben Sie sich für diese Rückkehr entschieden?

Ich finde es wichtig, dass jüdisches Leben in Deutschland weitergeht, auch hier in der Oberpfalz. Dazu will ich beitragen, vor allem in der Jugendarbeit. Schließlich hat das Judentum hier eine Tradition von tausenden von Jahren.

Manchmal bin ich mit Kippa unterwegs, manchmal lasse ich sie aber auch weg.Der Amberger Rabbiner Elias Dray

Verdienstkreuz für Campino

Der neue Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, fordert in einem Interview mit der Funke Mediengruppe das Bundesverdienstkreuz für Campino, den Sänger der "Toten Hosen". "Campino sollte für sein Engagement auf der Echo-Verleihung unbedingt gewürdigt werden, am besten mit dem Bundesverdienstkreuz." Der Sänger solle die Ehrung bekommen, "weil er vielleicht sogar langfristig unsere Gesellschaft verändert hat". Durch die Diskussion, die er angestoßen habe, "haben wir dem Antisemitismus im Pop, in der Kunst, in der Gesellschaft neue Grenzen gesetzt".

Bei der Echo-Verleihung hatte Campino in einer Rede die antisemitischen Textzeilen der Rapper Farid Bang und Kollegah kritisiert und eine Debatte über "moralische Schmerzgrenzen" gefordert. "Gottseidank gab es Campino, der klar Stellung bezog. Ihm müssen wir danken", sagte dazu der Antisemitismusbeauftragte.

Dass im Vorfeld der Verleihung kaum einer empört gewesen sei, habe etwas mit der Verrohung der Gesellschaft zu tun. "Provokation und das Überschreiten roter Linien werden hingenommen." Bei den Verantwortlichen habe ganz klar der Kommerz im Vordergrund gestanden. "Aber wenn die Gefühle von Holocaust-Überlebenden verletzt werden, muss Schluss sein mit dem Geschäftemachen." (KNA)

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