Bauernverband fürchtet Kettenreaktion
Glyphosat-Verbot bei Goldsteig

Goldsteig nimmt keine Milch mehr von Erzeugern, die Glyphosat einsetzen: "Das ist auf der Weide ohnehin kaum notwendig", schimpft EU-Abgeordneter Albert Deß über die "Augenwischerei". Bild: Sebastian Gollnow/dpa
Politik
Amberg in der Oberpfalz
09.01.2018
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"Ich halte das für einen Winkelzug von Monsanto." Zitat: Albert Deß, Vorstandsvorsitzender der Bayernland eG
 

Während die Politik streitet, gehen die Chamer Goldsteig-Käsereien in die Offensive: Sie folgen der Molkerei Berchtesgadener Land, die als erste ihren Lieferanten die Verwendung des umstrittenen Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat untersagte. Oberpfälzer Molkereien und der Bauernverband reagieren unterschiedlich.

Cham/Schwarzenfeld/Nürnberg. Dem Goldsteig-Beschluss vom 20. Dezember, der seit 1. Januar gilt, sei eine Diskussion in den Aufsichtsgremien vorausgegangen: "In Abwägung der Interessen der Milcherzeuger und dem verständlichen Wunsch der Verbraucher auf das höchst umstrittene Herbizid zu verzichten" habe man ihn gefällt, teilt das Unternehmen mit. Mit dieser Entscheidung fordere man von den Milchbauern "ein weiteres Stück Flexibilität" ein. "Die klare Mehrheit für das Verbot der Glyphosatanwendung belegt indessen in hohem Maße die Bereitschaft unserer Lieferanten, hier Verantwortung zu übernehmen."

Auch die Privatmolkerei Bechtel mit ihrem Produktionsbetrieb in Schwarzenfeld (Landkreis Schwandorf), in dem täglich über eine Million Kilogramm Milch verarbeitet wird, "beschäftigt sich seit längerem mit diesem Thema", wie Geschäftsführer René Guhl unserer Zeitung sagt. Zusammen mit Lidl habe man schon 2016 die Regionalmarke "Ein gutes Stück Bayern" entwickelt - im Sinne des Tierwohls und sowohl Gentechnik- als auch Glyphosat-frei.

Vorreiter Bechtel

"Wir wollten von den Erfahrungen der Landwirte lernen", bilanziert Guhl, "die entstandene Dynamik beobachten wir mit Sorgfalt." Etwa 60 der insgesamt 1600 Landwirte aus Nordostbayern seien an dem Programm beteiligt. "Wir haben festgestellt, dass viele Betriebe das Totalherbizid ohnehin nicht einsetzten." Insofern habe es kaum größere Umstellungen gegeben. Mit einem engmaschigen Kontrollsystem und Untersuchungen garantiere man die versprochenen Standards. Der Mehraufwand für die Bauern würde vergütet: "Sie erhalten einen signifikanten Zuschlag auf den Milchpreis." Das Programm werde von den Verbrauchern aber auch gut angenommen.

Das Unternehmen reagiere damit auf eine "breite Verunsicherung der Verbraucher, die durch die politischen Diskussionen eher noch befeuert wird". Zudem widersprächen sich selbst Wissenschaftler: "Ist das Präparat nun krebserregend oder unbedenklich? - für uns stellt sich deshalb die Frage, ob wir mit dieser Unsicherheit leben wollen." Insofern vermutet Guhl, dass weitere Schritte folgen werden: "Das wird die Entwicklung befeuern."

"Ich habe darum gebeten", sagt Albert Deß, Vorstandsvorsitzender der Bayernland eG , "dass wir Untersuchungen machen lassen, ob überhaupt Rückstände von Glyphosat zu finden sind." Den Agrarexperten (CSU) im Europaparlament ärgert "die verlogenste Diskussion der letzten 50 Jahre": "Milch ist eines der bestgeprüften Produkte - warum sollten wir unsere Landwirte drangsalieren, wenn keine Spuren zu finden sind?" Deutschland habe die strengste Pflanzenschutzverordnung der Welt: "Grenzwerte für Rückstände müssen eingehalten werden."

Wissenschaftlich sei ein Glyphosat-Verbot in keinster Weise haltbar: "Mir tut der Vytenis Andriukaitis leid", sagt Deß. "Der arme Kerl ist EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit und Herzchirurg - der versteht die Welt nicht mehr." Gesundheitspolitisch, habe dieser ihm gesagt, müsste er es eigentlich 15 Jahre verlängern - stattdessen würde ohne Glyphosat das Vierfache an Diesel verfahren, um die Böden umzupflügen. "Durch den vermehrten CO2-Ausstoß wachsen wenigstens die Pflanzen besser", ergänzt der 70-Jährige sarkastisch.

Deß vermutet hinter der Anti-Glyphosat-Kampagne einen cleveren Schachzug des Herstellers selbst: "Ich finde es äußerst seltsam, dass Monsanto zu keinem Zeitpunkt bei uns vorsprach", sagt einer der einflussreichsten Agrarpolitiker Europas. "Nicht mal eine E-Mail haben sie geschrieben." Ihn erinnere das an die Verteufelung des Herbizids Atrazin: "Als das Patent auslief, kostete es nur noch 9 Euro." Plötzlich habe man entdeckt, dass es krebserregend sein soll. "Kurz darauf hat der Hersteller ein Nachfolgeprodukt auf den Markt gebracht - für 39 Euro."

Für die Landwirte sei die Entwicklung zwar nicht existenzbedrohend, gleichwohl aber extrem ärgerlich, sagt Josef Wittmann, Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) in Schwandorf . "Die Entscheidung von Goldsteig ist auch eine Reaktion auch den Druck der Lebensmittel-Discounter wie Aldi, die einen Brief an die Molkereien geschrieben haben." Eine "Erpressung" nennt Politiker Deß diese Methode der marktbeherrschenden Handelskonzerne. "Dabei ist das reine Augenwischerei, ein Werbegag", schimpft der Bayernland-Chef.

Kettenreaktion erwartet

Und BBV-Vertreter Wittmann befürchtet: "So etwas zieht immer eine Kettenreaktion nach sich." Auch die Umweltverbände würden jetzt die Daumenschrauben anziehen: "Hubert Weiger vom Bund Naturschutz hat alle Molkereien angeschrieben und eine Frist bis Ende Januar gesetzt." Was die Glyphosat-Kritiker aber nicht berücksichtigten, seien die umweltschädlichen Nebenwirkungen: "Wir werden schwer zu bekämpfendes Unkraut wie die Quecke mechanisch mit vierfachem Aufwand - sowohl Zeit, Diesel und Bodenbeeinträchtigung - beseitigen müssen.

Dabei sei Glyphosat in der Landwirtschaft ohnehin nur noch als Nothelfer bei bestimmten Indikationen eingesetzt worden: "Ich habe es zuletzt vor 23 Jahren verwendet." Ein solcher Fall sei nach milden Wintern, wenn der Bestand nicht abgefroren sei: "Dann können Sie halt keine Zwischenfrucht mehr anpflanzen mit allen negativen Folgen wie ausgelaugte Böden oder Erosion."

Im Übrigen müsse man Glyphosat dann auch im Garten verbieten: "Dann müssen die Leute halt mit der Harke ran - das kostet mehr Zeit und Muskelschmalz." Mit Spannung erwartet Wittmann die Entscheidung, wie man in dieser Frage die Deutsche Bahn behandeln wird: "Die verbrauchen 60 Tonnen reinen Wirkstoff jährlich, um die Gleise von Unkraut zu befreien."
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Kommentar

Die Glypho-Saga oder die Macht gefühlter Fakten

Man muss kein eingefleischter Herbizid-Liebhaber sein, um die Glypho-Saga als tragikomischen Beleg für die Macht gefühlter Fakten zu verstehen. Seit Monaten wird auf widersprüchliche Analyse-Ergebnisse der Internationalen Krebsforschungsagentur (IARC) und des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) verwiesen - dabei widersprechen sich diese gar nicht.

Dass die IARC, eine Unteragentur der WHO, den Wirkstoff als "wahrscheinlich krebserregend" einstuft, liegt an deren Methode: Sie prüft nicht das konkrete Risiko, sondern testet, ob ein Stoff grundsätzlich gesundheitsschädlich sein könnte. Demnach fallen Wurst und Mate-Tee in dieselbe Kategorie. Dem gegenüber steht der logische Schluss des BfR, die Chemikalie bei fachgerechter Anwendung als unbedenklich einstuft. Dagegen wenden Umweltschützer nicht grundlos ein, dass Glyphosat-Hersteller Monsanto gute Lobby-Arbeit leistet.

Warum stand dann aber, wie ein einflussreicher EU-Agrarpolitiker erzählt, während des ganzen Entscheidungsprozesses kein Lobbyist des Saatgutherstellers auf der Matte? Fährt der US-Konzern sein Produkt selbst an die Wand, weil das Patent ablief und der Verkauf weniger lohnt? Sollte demnächst ein Wundermittel à la "Unkrautvernichtung ohne Nebenwirkungen" auf den Markt kommen, sollte man hellhörig werden.
5 Kommentare
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Rene Kinderlein aus Sulzbach-Rosenberg | 10.01.2018 | 12:41  
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Stefan Kreuzeck aus Weiden in der Oberpfalz | 10.01.2018 | 16:56  
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H. Werner aus Schmidgaden | 12.01.2018 | 01:03  
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Roberta Orlek aus Zell | 15.01.2018 | 01:11  
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Stefan Kreuzeck aus Weiden in der Oberpfalz | 15.01.2018 | 10:15  
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