22.03.2018 - 22:32 Uhr

Der neue Ministerpräsident im Amberger Cineplex Söder: "Das Geld sitzt jetzt in der Oberpfalz"

Das Empfangskomitee beim Kinoeingang lässt Großes erwarten: „Den schönsten Mann Bayerns" etwa, wie Stefan Ott manchen begrüßte – im Vorgriff auf das ganz große Kino, das Oberbürgermeister Michael Cerny, Bürgermeister Martin Preuß und Landtagsabgeordneter Harald Schwartz jeden Moment erwarten: Markus Söder, Mensch und neuerdings Ministerpräsident. 

Sie sitzen im Kino mit dem neuen Ministerpräsidenten Markus Söder (Mitte) in der ersten Reihe: Stefan Ott, Vorsitzender des CSU-Kreisverbands Amberg-Stadt, Harald Schwartz, Vorsitzender des CSU-Kreisverbands Amberg-Land, Ambergs Oberbürgermeister Michael Cerny sowie der zweite Bürgermeister Martin Preuß (von links). Bild: Wolfgang Steinbacher
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Und dann schreitet der 1,94-Meter-Mann die Treppen des Cineplexsaals hinab – „Grüß Gott und Servus" händeschüttelnd die erste Reihe entlang zum Tisch vor der Großbildleinwand. Sat-Moderator Ralf Exel blickt im grellen Scheinwerferlicht auf das hauptsächlich CSU-nahe Publikum im bis auf den letzten Platz gefüllten Raum: „Heute sehen Sie nicht ,Fifty Shades of Grey', aber in den nächsten 90 Minuten eine genauso spannende Geschichte wie einen Kinofilm – Markus Söder privat." Vor dem jetzt mächtigsten Mann Bayerns eine große Tüte Popcorn und ein Glas Wasser.

Auftakt des Gesprächs natürlich die zurückliegende „spannende Woche“, der Moment, als der Nürnberger erstmals im Landtag nicht einen Ministerpräsidenten wählt, sondern gewählt wird: „Das ist echt anders, ob man wählt oder gewählt wird“, gesteht er erneut seine Nervosität in diesem entscheidenden Moment seiner Karriere. „Harald Schwartz hat mich gewählt“, nennt er zum ersten Mal den Namen des Amberger Lokalmatadoren, der zum meistgenannten Mann des Abends avancieren sollte. „Nehme ich jedenfalls an.“ Ein Kichern läuft durch den Saal wie die Laolawelle. Unterhalten kann der Söder, das weiß man.

Aufbruch aus einem Guss

Den Aufbruch habe er mit seinem neuen Kabinett signalisieren wollen, verjüngt, weiblicher, bei wichtigen Themen wie Wohnen oder Zuwanderung aus einem Guss: „Harald Schwartz wäre auf jeden Fall geeignet, von seiner Kompetenz her in einem bayerischen Kabinett zu arbeiten", tröstet er die nicht Berücksichtigten. Das habe nicht immer mit Qualität, sondern manchmal auch mit Männlein oder Weiblein, jung oder erfahren, Niederbayern oder Oberbayern zu tun. „Dran bleiben", wie er selbst, der lange auf den Ruf seines Mentors Edmund Stoiber warten musste, rät der 51-Jährige.

Für die Oberpfalz hat der clevere Wahlkämpfer nur warme Worte: „Nach dem Ministerpräsidenten die wichtigste Aufgabe hat Finanzminister Füracker - das Geld sitzt jetzt in der Oberpfalz.“ Ein Fan der Nachbarn Frankens sei er und mit Blick auf Veitshöchheim: „Wir sind ein tolerantes Volk, wir lassen uns sogar beleidigen.“ Kleine Retourkutsche Richtung Altneihauser Feierwehr: „Wenn der Albert reinkommt, spielen wir den Oberpfälzer Defiliermarsch, ,hou hou hou, die Oberpfalz ist dou.“ Der ernste Kern seines Regionalpatriotismus: Die Förderung ländlicher Räume soll in der Hand Fürackers weiter voranschreiten.

„Ich habe nie ein Amt angestrebt“

Im privaten Teil der freundlichen Plauderstunde wird Söder nicht müde, das Vorurteil zu widerlegen, er habe schon in der Wiege an den Pforten des Maximilianeums gerüttelt: „Ich habe nie ein Amt angestrebt“, streitet er jeden karrieristischen Charakterzug ab. Die Schulzeit sei „konjunkturell schwankend“ verlaufen mit einer doppelfünfigen Baisse in der schwierigen 8. Klasse.

Der Vater, nicht so sehr Anhänger moderner Pädagogik, habe ihn vor die Wahl gestellt: „Entweder schaffst du‘s oder du gehst auf den Bau.“ Seine zwei linken Hände und die große Goschen hätten letztendlich auch in den Augen des Herrn Papa den Ausschlag gegeben: „Ein Handwerk schaffst du ned, entweder Pfarrer oder Politiker.“ 

Karriere im CSU-Zonenrandgebiet

Politik also, die große Leidenschaft des Strauß-Fans wurde sein Spielfeld – angefangen im CSU-Zonenrandgebiet Schweinau, wo fünf sehr erfahrene Persönlichkeiten im dichten Zigarrenrauch über den Kindergarten diskutierten. „Ich dachte mir, entweder lass ich das oder ich übernehm’s – ich hab‘s übernommen.“ Über den damals noch schüchternen Jungunionisten sagt er: „Wenn man mich hätte verhindern wollen, damals wäre die Gelegenheit gewesen.“

So aber kam es, wie es kommen musste: Als Franke musste er zum JU-Landesvorsitz gedrängt werden – vorgeschlagen von einer gewissen Ilse Aigner. Das Landtagsdirektmandat holt er in der SPD-Hochburg Nürnberg mit ein paar hundert Stimmen Vorsprung. Und eines Tages dann, nach zermürbendem Warten, der Anruf Stoibers: „Eine Dreiviertelstunde hat er mir von seinem Gespräch mit Chirac erzählt, dann aufgelegt.“ 20 Minuten später habe erneut das Telefon geklingelt. „Äääh, was ich noch sagen wollte, natürlich wirst du Generalsekretär.“

Zurück zum Glauben

Klar, der junge Wilde von damals, wie Bayerns Irokese Vidal immer etwas rotgefährdet, habe einiges falsch gemacht: Ein Plakat mit den Sozis Renate Schmidt, Oskar Lafontaine und … Stalin.“ Das habe für Stimmung und fliegende Kugelschreiber im Landtag gesorgt. Auch für damalige Verhältnisse schwächere Wahlergebnisse hätten zu Unmut in der CSU geführt, aber Edmund Stoiber sei immer hinter ihm gestanden.

Eine entscheidende Weichenstellung: Der Tod der Mutter mitten im ersten Landtagswahlkampf. Ein klinisch reines Krankenhauszimmer, drei zusammengerollte Plakate, mit der die Mutter für ihn geworben hatte. Etwas später ein weiterer Schicksalsschlag: Herzinfarkt des Vaters, Koma, Hospiz. Damals habe er zum Glauben zurück gefunden. Und eine Überzeugung mit in die Gegenwart genommen: „Wir geben viel Geld für Schönheitsoperationen aus, wirklich wichtig war die Krankenschwester, die meinem Vater die Hand hielt – sie hat ihm die Würde zurückgegeben.“

Schwartz: „Es war mir fast etwas unangenehm“

Wenn Söder, der nichts von Spin-Direktoren und großen Konzepten hält, ein Credo hat, dann das: „Den kleinen Leuten zuhören, ihre Sorgen ernst nehmen.“ Nicht Machtmensch wolle er sein, sondern Macher. Die Amberger Schwarzen weiß er mit dieser Philosophie schon einmal hinter sich. „Mir imponiert, dass das Menschliche bei ihm im Zentrum steht“, lobt Michael Cerny. „Ich kenne ihn seit JU-Zeiten“, hat Martin Preuß nichts anderes erwartet, „er ist ein lustiger, nahbarer Mensch.“

Und der meist genannte Mann des Abends? „Es war mir fast etwas unangenehm“, sagt Harald Schwartz bescheiden, „aber davon abgesehen, man hat gespürt, er ist in seiner Funktion angekommen.“ Was Moderator Exel mit Zahlen untermauert: „Den Wechsel begrüßen 63 Prozent, dass Söder Bayerns Spitzenposition erhält, meinen 68 Prozent.“

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