09.04.2005 - 00:00 Uhr
Oberpfalz

Feuerwehr Amberg: Heute vor 60 Jahren wurde das Heereszeugamt bombardiert: Das Grauen des Krieges sucht Amberg heim

Der 9. April 1945 beginnt wie viele Tage vor ihm. Die 23-jährige Erna Gürtler sitzt in ihrem Büro bei der Standortverwaltung in der Leopoldstraße. Zur gleichen Zeit spannt der Vater von Joseph Meier in Haselmühl die Kuh Fanny vor den kleinen Wagen. "Es war blauer Himmel, ein herrlich schöner Tag", erinnert sich Erna Gürtler.

von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Während sie ihrer Arbeit im Vorzimmer des Oberstabsintendanten Ernst Jürgens nachgeht, fahren Joseph Meier und sein Vater von ihrem kleinen Hof in Richtung Gärmersdorfer Weg, um bei einem großen Bauern Saatkartoffeln zu kaufen. Sie alle ahnen nicht, dass sich zur gleichen Zeit ein Pulk von 40 Bombern des Typs B 26 der amerikanischen Luftwaffe im Anflug auf Amberg befindet. Dabei hätten sie gewarnt sein können. Denn bereits einen Tag vorher hat die Vierlingsflak des Schafhofer Flugplatzes einen feindlichen Jäger abgeschossen. An Bord findet sich eine Karte, auf der das Amberger Heereszeugamt dick eingekreist ist.

Heute Kristallglasfabrik, früher Waffenlager

Ursprünglich nur Nebenzeugamt ist das Areal im Bereich des heutigen Bergsteig und der Kristallglasfabrik im Zuge des amerikanischen Vormarsches aufgewertet worden. In 30 Holzbarracken und acht Massivbauten lagern Waffen vom Gewehr bis zum 8,8-Zentimeter-Geschütz, finden sich hochwertige Gerätschaften und Fahrzeuge. Zusätzlich sind die Ausrüstungsgegenstände untergebracht, die das Feldzeugkommando 13 und das Heereshauptzeugamt Mainz auf ihrem Rückzug mitgebracht haben. Darunter auch eine ganze Reihe von Löschgeräten, die nach dem Angriff dringend benötigt worden wären.

Luftschutzraum im Keller

Gegen 8.35 Uhr, so hat es der damalige Luftschutzbeauftragte Jakob Stein festgehalten, heulen die Sirenen - Fliegeralarm. Für die Amberger nichts Ungewöhnliches, denn immer wieder sind sie in der Vergangenheit vorsichtshalber alarmiert worden. Erna Gürtler sieht daher auch keine Veranlassung, in den Keller der Standortverwaltung direkt neben der Metzerkaserne (heute Leopoldkaserne) zu gehen, in dem ein Luftschutzraum eingerichtet ist. Doch diesmal bleibt ihr Vorgesetzter eisern. "Erna, Du gehst in den Keller", befiehlt der Oberstabsintendant seiner Sekretärin - und rettet ihr damit wohl das Leben.

Bomberwelle wirft tödliche Fracht ab

Auch der damals zwölf Jahre alte Joseph Meier und sein Vater denken sich zunächst nichts, als die Sirenen heulen. "Wir waren ja bisher auch nicht bombardiert worden", so erzählt er. Doch kaum sind sie beim Gutshof Scharf direkt gegenüber des Heereszeugamtes angekommen, "geht auch schon die Hölle los". Die erste Bomberwelle wirft ihre tödliche Fracht ab. "Wir sind sofort in den Keller. Und dort haben wir ganz schön gebetet", erinnert sich Joseph Meier. Erna Gürtler sitzt derweil im Keller der Standortverwaltung. "Zunächst kam der ganze Sand von der Decke runter." Weil die deutsche Luftabwehr schon sehr schwach ist, können die Bomber sehr tief anfliegen, beinahe präzise treffen sie ihr militärisches Ziel.

Forderung an Feuerwehr

Das Heereszeugamt steht in Flammen. Bei der Feuerwehr in der Zeughausstraße geht eine Anforderung ein. Doch der Wehrführer, so erinnern sich die damaligen HJ-Feuerwehrmänner Karl Seegerer und Bruno Birner, taktiert erst einmal hinhaltend. "Die hatten im Zeugamt doch eine gute eigene Feuerwehr", so Seegerer. Doch erneut geht eine Anforderung ein. Diesmal soll ein einziges Fahrzeug losgeschickt werden. Erst als das Heereszeugamt massiven Druck - diesmal über Bürgermeister Sebastian Regler - ausübt, wird ein zweites Löschfahrzeug frei gegeben.

Volltreffer zerstört Standortverwaltung

Hauptwachtmeister Joseph Pielenhofer, Fahrer Josef Birner und zehn Angehörige der HJ-Feuerwehrschar rücken mit dem LF 15 Diesel aus. Am Nabburger Torplatz angekommen, warten sie die zweite Angriffswelle ab. Kurz zuvor verlassen Joseph Meier und sein Vater den Keller des Bauernhofs, in dem sie Unterschlupf gefunden haben. Die Kuh Fanny mit ihrem hellen Fell könnte die feindlichen Flieger anziehen. Sie wird in eine Scheune gebracht. Dann flüchten sie erneut in einen Keller. Die Bomben fallen, ein Volltreffer zerstört die Standortverwaltung, wo Erna Gürtler auf das Ende des Angriffs wartet.

Mit Händen und Füßen

"Es hat uns kalt erwischt, wir waren verschüttet", erzählt sie. Immer mehr Trümmer stürzen auf die Frauen und Männer herab. Sie versuchen, über den Schutt nach draußen zu kriechen. "Dabei hat mir einer einen Rempler gegeben, so dass ich wieder runter gerutscht bin." Trotzdem gelingt es der 23-Jährigen, sich zu befreien. "Wir haben uns mit Händen und Füßen rausgewühlt, manche sind über den Kamin raus, die waren schwarz wie die Neger." Mindestens neun Personen ließen ihrer Schätzung nach im Gebäude ihr Leben. "Das Schwarz Reserl ist mir direkt gegenüber gesessen. Die hatte ein Brot in der Hand, als das Licht ausging. Dann hat es sie erwischt. Das war für mich erschütternd", erzählt sie weiter.

Feuerschieber bei der Artilleriekaserne

Inzwischen ist Johann Pielenhofer mit seinen jungen Feuerwehrbuben an der Metzerkaserne angekommen. Unterwegs haben sie das zweite Fahrzeug aufgegriffen, das zu diesem Zeitpunkt am Schlachthof stationiert ist. Josef Birner stoppt das LF 15 am Haupteingang der Kaserne. "Am Eingang der Artilleriekaserne gab es einen Feuerschieber. Wir haben angehalten, um ihn umzulegen, damit wir den Zähler umgehen und damit mehr Wasser zapfen konnten", schildert Karl Seegerer. Das zweite Feuerwehrauto fährt inzwischen weiter.

Flugzeuge über den Köpfen

Das LF 15 gerät nun mitten in die dritte Angriffswelle der amerikanischen Bomber. Erna Gürtler und die anderen Stabshelferinnen haben es inzwischen geschafft, sich aus den Trümmern der Standortverwaltung zu befreien. "Wir haben die Bomber über uns gehört und sind auf ein Feld in der Nähe gelaufen, auf dem ganz viel Mist lag." Auch Karl Seeger und Bruno Birner bemerken die Flugzeuge über ihren Köpfen. "Wir haben sogar die Bomben in der Sonne glitzern sehen", sagt Birner. Die Feuerwehrleute versuchen, in Deckung zu kommen. Manche werfen sich hinter die Straßenböschung bei der Gärtnerei März, Joseph Pielenhofer versucht, in Richtung der Eisenbahnschienen davon zu kommen. Er wird vom Druck der explodierenden Bomben gepackt und auf die Schienen geschleudert.

Unter Erde vergraben

Josef Birner versteckt sich hinter einem Baum und bleibt fast völlig unverletzt. Auch der spätere Stadtbrandrat Hans Platzer und Arthur Koll kommen mit dem Schrecken davon. Ihre Kameraden erwischt es voll. Teilweise zerfetzt ihnen der Druck der Sprengungen die Lungen, einige werden unter meterhohen Erdschichten begraben. Bruno Birner kommt glimpflich davon. Er erleidet ein paar Prellungen und Rippenbrüche, bleibt aber sonst unverletzt. Karl Seegerer ist verschüttet. Aber er hat riesiges Glück. Neben ihm hat der Posten der Artilleriekaserne Deckung gesucht. Sein Karabiner ragt noch aus den Erdmassen heraus, ebenso ein Stück des Stahlhelms von Seegerer.

Sieben Tote bei der Amberger Feuerwehr

Beide können von Platzer, Koll und Josef Birner lebend geborgen werden. Doch die Suche nach den anderen Kameraden ist zunächst vergeblich. "Wir haben versucht, nach ihnen zu graben", sagt Seegerer. "Wir haben dann einen nach dem anderen gefunden." Doch die Feuerwehr-Buben sind tot. Ebenso Johann Pielenhofer, der seinen schweren Verletzungen erliegt. Die Bilanz der Amberger Feuerwehr: Sieben Tote (Bilder siehe unten auf dieser Seite), fünf Verletzte. Das LF 15 liegt völlig zerstört auf dem Dach. Bruno Birner läuft mit seinen Rippenbrüchen zunächst zum nahegelegenen Haus des Dr. Krekel, danach macht er sich zu Fuß auf nach Hause. "Das war so leichtsinnig. Wir hatten schließlich auch feldgraue Uniformen an", schildert er die Gefahr angesichts des fortdauernden Tieffliegerbeschusses.

Fliegerbomben zerstörten Gebäude

Das Heereszeugamt hat an diesem 9. April 1945 aufgehört zu existieren. Gleiches gilt für die Standortverwaltung, in der Erna Gürtler beschäftigt war. "Das Gebäude war vollkommen zerstört, es stand nur noch die Innenwand", so blickt sie zurück. Joseph Meier und sein Vater laden nach Ende des Angriffs die Saatkartoffeln auf ihren Wagen, spannen Kuh Fanny ein und fahren wieder heim. Aber die Amberger Straße ist gesperrt. Hier haben Fliegerbomben eine Reihe von Häusern zerstört. "Es waren, so glaube ich, etwa 20 Tote." Das Elternhaus von Joseph Meier steht noch. Aber die Bombensplitter sind bis in die Küche verteilt. "Einer lag sogar auf dem Tisch."

Zahl der Opfer ungewiss

Wie viele Opfer der erste Luftangriff auf Amberg gefordert hat, kann bis heute nicht exakt ermittelt werden. Denn im Heereszeugamt ist eine ganze Reihe von russischen Kriegsgefangenen eingesetzt. Die versuchen, sich nach der ersten Angriffswelle über die angrenzenden Äcker zu retten, schilderte im Jahr 1995 ein Zeitzeuge, der damals mit seinen Eltern im Gelände wohnte. Viele von ihnen finden in den Luftschutzgräben den Tod, sie werden später namenlos bestattet. Teilweise, so der Augenzeuge, liegen die Leichen noch Monate später auf dem Areal herum. Insgesamt gehen die Schätzungen von einer Größenordnung zwischen 50 und 300 Opfern aus.

Luitpoldhütte wird Ziel des Angriffs

Die Amberger haben an diesem Tag das Grauen des Krieges am eigenen Leib erfahren. Nun reißen die Angriffe nicht mehr ab. Tiefflieger durchkämmen die Gegend auf der Suche nach leichten Opfern unter Soldaten und Zivilisten. Am 11. April werden Luitpoldhütte und Schlachthof das Ziel eines weiteren Bomberangriffs. Doch noch wollen manche nicht wahrhaben, dass der Krieg schon bald vorbei und verloren sein wird. Noch gilt der Befehl von SS-Reichsführer Heinrich Himmler, dass Amberg verteidigt werden muss. Aber schon bald wird der braune Spuk ein Ende haben (Fortsetzung in unserer Montagsausgabe).

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