09.03.2018 - 15:50 Uhr

Gegen Neuregelung des Ärztlichen Bereitschaftsdiensts Der Unmut der Ärzte

Die Notaufnahmen der Krankenhäuser platzen aus allen Nähten, weil viele leichte Fälle dort die Kräfte binden. Die wären meist ein Fall für den Ärztlichen Bereitschaftsdienst. Der wird jetzt neu organisiert. Die beteiligten Ärzte aber sind zum größten Teil nicht begeistert davon.

An der Nummer 116 117 für den Ärztlichen Bereitschaftsdienst ändert sich nicht. Ab 1. November wird der grundlegend neu geordnet. Nicht zur Freude der teilnehmenden Ärzte, die enorme Nachteile für sich und für ihre Patienten befürchten. Bild: Wolfram Kastl/dpa
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Wie viele seiner Kollegen muss auch Oliver Heisel, der in Amberg eine allgemeinärztliche Praxis betreibt, regelmäßig Bereitschaftsdienst machen. Das tut er eigener Aussage nach bisher aber gern. Bisher. "Denn bisher war das Ganze auch noch ganz interessant", sagt Heisel. Doch die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) habe zur großen Keule gegriffen.

Um den Unmut von Oliver Heisel und seinen Kollegen zu verstehen, muss man wissen, wie der Ärztliche Bereitschaftsdienst derzeit noch organisiert ist. Der Landkreis Amberg-Sulzbach und die Stadt sind laut Heisel in einzelne Dienstgruppen eingeteilt - genannt beispielsweise AM01 oder AM02. Die sind jeweils für einen bestimmten Bereich zuständig. "Ein Dienstgruppenobmann teilt hier die Ärzte ein." Wie Heisel sagt, zu aller Zufriedenheit.

Nun kommt das neue Modell der KVB ins Spiel. Ihr Antrieb sei wohl gewesen, dem drohenden Ärztemangel zuvorzukommen. Und die Notaufnahmen zu entlasten. Dafür wird ab November 2018 ein neuer Dienstkreis mit dem Namen Amberg-Neumarkt geschaffen, der die Landkreise Amberg-Sulzbach und Neumarkt sowie die Stadt Amberg mit rund 270 000 Einwohnern beinhaltet. Für diesen Dienstkreis sind dann insgesamt zwei Bereitschaftspraxen geplant, die am Klinikum in Amberg und in Neumarkt angesiedelt werden sollen.

Ohne die kleinen Häuser

An sich eine gute Idee, wie Oliver Heisel findet, weil damit die leichten Fälle, die in der Notaufnahme aufschlagen, gleich an die ärztliche Bereitschaftspraxis im gleichen Haus weitergeleitet werden. "Weil uns ist ja auch bewusst, dass viele der Patienten erst einmal in die Notaufnahme gehen und nicht den Bereitschaftsdienst unter 116 117 rufen." Nachteil dabei: Die kleineren Häuser wie Sulzbach-Rosenberg fallen durch das Raster. Hier werde es keine solchen Praxen geben, die kranken Menschen aus der Umgebung von Sulzbach-Rosenberg würden aber möglicherweise nach Amberg weitergeschickt.

Trotzdem: Das Praxismodell findet Oliver Heisel generell einmal nicht so schlecht. Was ihn aber aufregt, ist der neue Dienstkreis, in dem künftig zusätzlich nur noch jeweils ein diensthabender Arzt pro Standort die Patienten außerhalb der Sprechzeiten anfahren wird. Am Wochenende sollen es dann zwei bis drei sein. "Dieser Dienstkreis hat aber an seiner breitesten Stelle 137 Kilometer Durchmesser", gibt Heisel zu bedenken. Zusätzlich seien die diensthabenden Ärzte auch noch verpflichtet, notfalls übergreifend in benachbarten Dienstkreisen auszuhelfen, wenn Not am Mann sei.

Patient muss warten

"Dann muss der Patient wohl längere Zeit warten, bis der Artzt kommt", warnt Heisel. Und prognostiziert, aus "normalen" Patienten könnten dann urplötzlich "Notfälle" entstehen und der Notdienst unter der Nummer 112 verständigt werden. "So wie wir es bereits jetzt im Rettungsdienst erleben, wird die Anzahl der Bagatellfälle bei Notarzteinsätzen weiter steigen", vermutet Heisel. Für richtige Notfälle aber würden die Kapazitäten eng und die nicht angegliederten Notaufnahmen der kleineren Häuser weiter überlaufen.

Für die Ärzte auf der anderen Seite bedeute das System vor allem viel zusätzliche Fahrerei und unattraktive Arbeitszeiten. "Das konterkariert dann auch jede Bemühung um die Suche nach medizinischem Nachwuchs."

Hintergrund

"Die Amberger Ärzteschaft hat ihren Protest ganz deutlich nach Regensburg gegeben", sagt Oliver Heisel , hat aber wenig Hoffnung, die Neuordnung des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes noch abwenden zu können. Denn die Kassenärztliche Vereinigung Bayern sieht die naturgemäß ganz anders. "Die Bereitschaftspraxen können von 99,9 Prozent aller Patienten innerhalb von 30 Fahrminuten erreicht werden", heißt es zum Beispiel in der Broschüre der KVB dazu. Und für die Ärzte bedeute die Einrichtung der wesentlich größeren Einheiten unter anderem "einen spürbaren Entlastungseffekt bezüglich der Dienstfrequenz". Außerdem, so schreibt die Vereinigung, lägen bereits sehr positive Erfahrung in den Dienstbereichen vor, die seit 2015 dieses neue System getestet hätten. Schwandorf, so Oliver Heisel, sei einer dieser Pilotbezirke gewesen. "Dort muss der Patient teilweise drei bis vier Stunden auf einen Arzt warten, der manchmal in einer Zwölf-Stunden-Schicht bis zu 800 Kilometer Fahrstrecke zu bewältigen habe - die allerdings mit Fahrer. (ass)

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