07.09.2017 - 18:42 Uhr
Oberpfalz

Heinrich Aigner holt mit 33 Jahren das Direktmandat "Vater des europäischen Rechnungshofes"

Als Heinrich Aigner im Jahr 1988 überraschend starb, war die Trauer über die Grenzen seiner Heimat hinaus groß. Die Europäische Kommission ehrte ihn als "Vater des europäischen Rechnungshofes", die ZEIT schrieb vom "europäischen Chef-Denker der CSU" und selbst Franz Josef Strauß, mit dem Aigner ein kompliziertes Verhältnis pflegte, pries "Heinrich den Löwen".

Der Dritte in der AZ-Serie, die die früheren Bundestagsabgeordneten des Bundeswahlkreises Amberg porträtiert: Heinrich Aigner. 1957 holte er hier mit 65 Prozent das Direktmandat. Er blieb bis 1980 Bundestagsabgeordneter. Zudem wirkte er 27 Jahre im Europäischen Parlament. Bild: Meinen
von Matthias SchöberlProfil

Als der 33-jährige Jungpolitiker im Jahr 1957 mit 65 Prozent Zustimmung das Direktmandat im Bundeswahlkreis Amberg errang, zitierte die Amberger Zeitung einen örtlichen Bauern, um die Stimmung des Wahlvolks zusammenzufassen: "Solange des Bundeswirtschaftsministers Zigarre raucht, weiß ich, dass auch die Schlote rauchen, und solange Adenauer an der Regierung ist, weiß ich, dass ich ruhig schlafen kann."

Mit dem Kanzler-Slogan "Keine Experimente!" war Aigner sicher einverstanden. Veränderung wollte er dennoch. Da war er sich mit seinem Parteifreund Hans Raß, Landtagsabgeordneter und Landrat, einig. Gemeinsam leiteten sie Finanzmittel in die Region Amberg um. Dabei war es nützlich, dass Heinrich Aigner in Bonn die Karriereleiter hochkletterte. Sein Ehrgeiz machte sich früh bemerkbar. Nachdem er auf der Oberrealschule sein Abitur gebaut hatte und drei Jahre als Soldat überstanden waren, studierte Aigner Jura. Seit 1954 arbeitete er als Regierungsrat im Bayerischen Landwirtschaftsministerium. Nebenbei war er stellvertretender JU-Landesvorsitzender.

Kaum im Bundestag angekommen, begann Aigner, Kanzler Adenauer brieflich Ratschläge anzubieten. Der promovierte Jurist kümmerte sich stets um die große Politik - die Westintegration und die europäische Verteidigungsgemeinschaft. Gleichzeitig achtete er darauf, die "harten" Themen zu besetzen und arbeitete maßgeblich im Haushaltsausschuss mit. Für Aigner und für Amberg zahlte sich das aus: Ob Gelder für die Erweiterung des Krankenhauses oder einen Zuschuss für das neue Hallenbad, ob die Erschließung des Demonstrativ-Programms DEMO oder die Autobahn A 6 (laut AZ im Volksmund "Aigner-Autobahn" genannt) - überall war der MdB beteiligt. Sechsmal wurde er von den Wählern nach Bonn delegiert. Damit ist Aigner der Rekordhalter unter Ambergs Abgeordneten.

Sein besonderes Steckenpferd war jedoch die Europapolitik. 27 Jahre lang gehörte er dem Europäischen Parlament an. Neun Jahre lang leitete Aigner den Brüsseler Ausschuss für Haushaltskontrolle, ein Sitzungssaal trägt seinen Namen. Der Amberger hatte auch die Europa-Kandidatur Otto von Habsburgs auf der Liste der CSU eingefädelt. Wenig bekannt ist, dass sich Aigner auch sehr für die Entwicklungshilfe - insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent - stark machte. Oder dass er bereits in den 1980er Jahren für die Anliegen der Imker in Brüssel trommelte. Ebenso engagiert kämpfte er gegen den Eurokommunismus des "moskauhörigen Willy Brandt". Engagiert war der MdEP bis zum Schluss: Er brach während einer Rede - sozusagen im Dienst - zusammen.

Nur wenige Wochen vor seinem Tod hatte Heinrich der Löwe im Interview mit der Amberger Zeitung eine Liebeserklärung an seine Heimatstadt abgegeben: "Und jedes Mal, wenn ich von Bonn oder Brüssel kommend den Mariahilfberg erblickte, dachte ich: Europa entsteht in Amberg!" Sein Bundestagsmandat verlor Aigner übrigens bereits im Jahr 1980 - er musste einem Jüngeren Platz machen: Hermann Fellner.

On-Off-Beziehung

Aigner und Strauß pflegten eine komplizierte On-Off-Beziehung. Der langjährige CSU-Europaabgeordnete Bernd Posselt meint, dass gerade die große charakterliche Ähnlichkeit der "starken, barocken Mannsbilder" zu Reibungen führte. "Aigner war ein unglaublich phantasiebegabter Mensch, der durch seine guten Ideen großen Einfluss auf Strauß hatte", erinnert sich Posselt. Der bayerische Ministerpräsident bediente sich auf der "Blumenwiese Aigner'scher Ideen", indem er diejenigen pflückte, welche ihm gefielen. Manchmal prallten die beiden Egos öffentlich zusammen. Posselt erzählt von einer Pressekonferenz der christsozialen Europaabgeordneten, zu der verspätet auch FJS dazu stieß. Aigner, gerade am Beginn seiner Ausführungen, wollte offenbar die Chance ergreifen, dem Parteichef seine Qualitäten vorzuführen, sprach ebenso ausführlich, wie detailreich und geschliffen. Strauß, der sich lieber selbst an die Journalisten wenden wollte, beendete Aigners Ausführungen mit einem geknurrten Rüffel: "Heiner, jetzt halt des Maul, jetzt red ich." Wie heftig die streitbaren Charaktere immer wieder aneinandergeraten sein müssen, zeigt eine Bemerkung von Aigners Gattin zehn Jahre nach dessen überraschendem Tod. Da Aigner und Strauß kurz nacheinander 1988 starben, äußerte sie den - vielleicht nur halb spaßig gemeinten - Verdacht: "Mein Mann hat sich den Strauß geholt."

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