Krankenhäuser kontern Kritik des AOK-Chefs
Jedes Bett wird gebraucht

Von wegen zu viele Betten: 568 vollstationäre Plätze weist das Klinikum St. Marien derzeit auf. Während einer Grippewelle braucht man die auch, sagt Klinikumsvorstand Manfred Wendl. Bild: Hartl
Politik
Amberg in der Oberpfalz
01.03.2018
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"Momentan ist das Klinikum bis unter die Decke voll. Wir könnten gerade nicht viele Betten entbehren." Zitat: Manfred Wendl, Vorstand Klinikum St. Marien Amberg

Gibt es zu viele Betten an bayerischen Krankenhäusern? Der scheidende Chef der AOK Bayern, Helmut Platzer, hat das in einem Zeitungsinterview behauptet. Jetzt erntet er Widerspruch in der Region.

Der Vorstand des Klinikums St. Marien, Manfred Wendl, bezeichnet die Äußerungen als "sehr gewagt". Der Chef des St.-Anna-Krankenhauses in Sulzbach-Rosenberg, Klaus Emmerich, pflichtet Wendl bei. "Momentan ist das Klinikum bis unter die Decke voll. Wir könnten gerade nicht viele Betten entbehren", sagt Wendl. Die Auslastungsquote von St. Marien liege im Jahresschnitt bei etwa 80 Prozent. Wenn man die Bettenzahl reduziert, so dass der Wert bei 90 oder 95 Prozent liegt, "haben wir keine Reserven mehr". Aufgabe des Staates sei es auch, eine Infrastruktur zu unterhalten, die Spitzen abdecken könne.

Alleine im Doppelzimmer

"Die bayerischen Krankenhausbetten werden definitiv benötigt", unterstreicht Emmerich. Etliche Experten im Gesundheitswesen berücksichtigten nicht, "dass im Jahresverlauf signifikante Belegungsschwankungen auftreten". Aktuelles Beispiel sei die Grippewelle. "Es gibt Auslastungen unseres St.-Anna-Krankenhauses und unserer St.-Johannes-Klinik im Februar oberhalb von 90 Prozent. Das Problem: Trotz rechnerisch nicht zu 100 Prozent belegter Krankenhausbetten kommen wir an Aufnahmegrenzen." Infektiös erkrankte Patienten werden zur Vermeidung von Ansteckungen alleine in Doppelzimmern untergebracht und blockieren gleich zwei Betten. "Das ist gewollt, sinnvoll und entspricht den Hygienestandards."

Das St.-Anna-Krankenhaus in Sulzbach-Rosenberg verfügt über 165 Betten, die St.-Johannes-Klinik in Auerbach über 83. Das Amberger Marien-Klinikum weist 568 voll- und 20 teilstationäre Plätze auf. "Es wäre gut, wenn sich Spitzenvertreter der Krankenkassenverbände während ausgeprägter Grippewellen ein Bild vor Ort machen würden", sagt Emmerich. "Sie würden schnell feststellen, dass die aktuellen Krankenhausbetten in Bayern in diesem Umfang notwendig sind - nicht immer, aber in jedem Fall zum Jahreswechsel."

Ein Trugschluss

AOK-Chef Platzer hatte eine weitere Aussage getroffen, die auf Kritik stößt. Er sagte in dem Interview, das bayernweit für Schlagzeilen sorgte: "Gäbe es nur so viele Krankenhausbetten, wie für die Versorgung der Bevölkerung nötig, dann hätten wir auch keinen Mangel an Pflegekräften." Ein Trugschluss, wie Manfred Wendl meint. "Wir versorgen ja keine Betten, sondern Patienten", betont der Chef von St. Marien. Mit dem Abbau von stationären Plätzen in den Krankenhäusern könne man den Mangel an Pflegekräften jedenfalls nicht beheben.

GrippewelleDas Amberger Klinikum ist derzeit nahezu voll. Die aktuelle Grippewelle hat ihren zweiten Höhepunkt erreicht. Vor zwei Wochen behandelte St. Marien etwa 20 bis 25 Influenza-Patienten stationär, am Mittwoch waren es 35. "Wir verzeichnen den zweiten Ausschlag nach oben in dieser Saison", sagt Stefan Röckelein, der Leiter der Abteilung Krankenhaushygiene. "Wir haben einen starken Bettendruck und deswegen auch eine tägliche Lagebesprechung." Das Klinikum St. Marien musste sich aber noch nicht regional abmelden. Die Grippewelle verläuft heuer ähnlich intensiv wie im Winter 2012/13. Stark betroffen sind aktuell auch die Regionen Regensburg und Nürnberg. (upl)


Momentan ist das Klinikum bis unter die Decke voll. Wir könnten gerade nicht viele Betten entbehren.Manfred Wendl, Vorstand Klinikum St. Marien Amberg
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