24.09.2017 - 22:34 Uhr
Oberpfalz

Momentaufnahmen eines denkwürdigen Wahlabends in Amberg Lange Nacht der langen Gesichter

Als die Sonne hinter dem Martinsturm verschwand, verfinsterte sich auch die Stimmung der Lokalpolitiker. Das Ergebnis der Bundestagswahl stellt auch für Amberg und den Landkreis eine Zäsur dar. Momentaufnahmen eines denkwürdigen Wahlabends:

Bei der CSU gab es nichts feiern. Die Parteifreunde von Bundestagsabgeordnetem Alois Karl (rechts) hatten sich im Gasthaus Schießl in der Unteren Nabburger Straße getroffen, um die ersten Prognosen und Hochrechnungen zu verfolgen. Bild: Wolfgang Steinbacher
von Uli Piehler Kontakt Profil

17.45 Uhr

Die Sonne taucht den Amberger Marktplatz in ein orangefarbenes Abendlicht. Es ist ein friedlicher Sonntagabend. Pärchen und Familien schlendern an den Cafés vorbei. Auf dem Bürgersteig in der Unteren Nabburger Straße spaziert Bundestagsabgeordneter Alois Karl mit seiner Frau entlang. Nervös? "Nicht mehr", sagt der 66-Jährige, der den Wahlkreis Amberg seit 2005 im Bundestag vertritt und wiedergewählt werden will.

18.00 Uhr

Totenstille bei der CSU, die sich in der Gaststätte Schießl versammelt hat. Die Christsozialen können nicht glauben, was da über den Bildschirm in der Ecke der Wirtsstube flimmert. Alois Karl nimmt einen Schluck von seinem Hefeweizen, notiert die Prozentzahlen mit. Schweigen vor und hinter der Theke. CSU-Kreisvorsitzender Stefan Ott schüttelt den Kopf. Bei der Frage nach einem ersten Statement winkt er ab: "Ich kann dazu nichts sagen."

18.05 Uhr

Vorher hatten die Sozialdemokraten auf die 40 Prozent unentschlossenen Wahlberechtigten gehofft. Jetzt herrscht bei der SPD-Wahlparty im Gewerkschaftshaus immer noch Schockstarre nach der 20-Prozent-Prognose der ARD. Kopfschütteln, Fassungslosigkeit über das Ergebnis "der Rechtspopulisten" - Stadtverbandsvorsitzender Martin Seibert will deren offiziellen Namen gar nicht in den Mund nehmen. Die Stadtratsfraktionsvorsitzende Birgit Fruth klatscht laut, als Thomas Oppermann im Fernsehen den Gang in die Opposition verkündet: "Gott sei Dank. Die Große Koalition hat uns nur Ärger eingebracht."

18.15 Uhr

13,5 Prozent bundesweit für die AfD findet ihr Direktkandidat Peter Boehringer "gewaltig" und "sensationell". Zweifel hat er noch, ob es im Wahlkreis Amberg-Neumarkt auch zweistellig wird, bietet aber speziell hier seine Unterstützung für den Sieger der CSU an. Wenn Alois Karl "sinnvolle Dinge" für die Region vorschlage, will Boehringer die mittragen.

18.50 Uhr

Der Vorsitzende des CSU-Kreisverbandes Amberg-Sulzbach, Harald Schwartz, trifft in der Schießl-Gaststätte ein, wo seine Parteifreunde auch nach den ersten beiden Hochrechnungen wie unter Schockstarre stehen. "Wir müssen jetzt inhaltlich und personell entscheiden, wie wir mit diesem Ergebnis umgehen", erklärt der Landtagsabgeordnete nüchtern. Jetzt sei es für die CSU wichtiger denn je, an Inhalten festzuhalten. "Uns stehen sehr schwierige Koalitionsverhandlungen bevor."

19.45 Uhr

Nachdem an diesem Abend viel von Erdrutsch die Rede ist, denkt Yvonne Rösel von Bündnis 90/Die Grünen auch global - an unseren Planeten. Sie bedauert, dass es ihre Partei nicht geschafft hat, mit dem für sie wichtigen Thema Klimawandel zu punkten. Dabei sei es doch höchste Zeit, sich darum zu kümmern, wie zuletzt die verheerenden Wirbelstürme gezeigt hätten. Unnötig aufgebläht wurde nach Rösels Ansicht die angeblich so gefährdete innere Sicherheit. Das so stark zu betonen, sei schon ein "riskantes Unterfangen" gewesen mit dem von den Grünen befürchteten Resultat: "Dass der AfD dadurch Tür und Tor geöffnet wird."

20.09 Uhr

Das Ergebnis von Sulzbach-Rosenberg, der größten Stadt im Landkreis, ist da: Bei den Erststimmen liegt die CSU mit 34,14 Prozent vor der SPD mit 19,13 Prozent, den Grünen mit 14,03 Prozent, der AfD mit 13,38 Prozent, der FDP mit 7,58 Prozent und der Linken mit 7,11 Prozent. Bei den Zweitstimmen verbuchte die CSU 34,80 Prozent für sich, die SPD kam auf 21,64 Prozent, die AfD auf 14,65 Prozent, die Grünen auf 7,23 Prozent, die FPD auf 7,18 Prozent und die Linke auf 7,11 Prozent.

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