02.01.2018 - 20:20 Uhr
Oberpfalz

Nach der Beziehungstat in Kandel Erös fordert: Täter in afghanischen Knast

Rund 250 000 afghanische Flüchtlinge leben derzeit in Deutschland. Nach der Beziehungstat eines Jugendlichen, dessen Minderjährigkeit umstritten ist, fordert die CSU pauschale Alterstests. Afghanistan-Experte Dr. Reinhard Erös hält das nicht für zielführend.

Hilfe zur Selbsthilfe: Dr. Reinhard und Annette Erös beim Besuch einer der 29 Schulen in fünf afghanischen Provinzen, in denen die Oberpfälzer rund 60 000 Schülerinnen und Schüler unterrichten lassen. Bild: privat
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Amberg/Mintraching. "Das ist ein schlimmes Verbrechen", sagt der ehemalige Bundeswehrarzt über die Tat des angeblich 15-Jährigen, der seine Ex-Freundin im pfälzischen Kandel nach der Trennung erstach. "Genauso der Mord in Freiburg an der Studentin, die auch noch als Fluchthelferin engagiert war." Als absurd empfindet er allerdings die Zuspitzung der Debatte auf afghanische Flüchtlinge: "Zwei oder drei von 250 000 haben ein Verbrechen begangen - das ist schlimm genug." Aber eben alles andere als ein speziell afghanisches Phänomen.

Die logische Schlussfolgerung: Erös fordert eine harte Bestrafung der Täter, ohne die überwältigende Mehrheit afghanischer Jugendlicher unter Generalverdacht zu stellen: "In Afghanistan würde den Tätern Blutrache drohen." Gewalt gegen Frauen sei dort keinesfalls kulturell akzeptiert: "An fremden Frauen ohnehin nicht", sagt Erös, "und bei der eigenen Frau gilt man bei Paschtunen als schwacher Mann, wenn man sich anders keinen Respekt verschaffen kann." Erös schlägt vor: "Man sollte darüber nachdenken, Täter ihre Strafe in Afghanistan absitzen zu lassen - bei uns kostet das rund 250 Euro am Tag, dort 2,50 Euro." Die Kosten solle der deutsche Staat übernehmen gegen eine Gewähr, dass der Gefangene nicht misshandelt werde: "Das würde uns nur ein Hundertstel kosten."

Schummeln beim Alter

Dabei bestreitet der Gründer der Kinderhilfe Afghanistan nicht, dass beim Alter geschummelt werde: "Die Deutsche Welle sendet in den zwei wichtigsten Landessprachen", erklärt er, "die wissen dort genau Bescheid, dass man als unbegleiteter Jugendlicher Vorteile hat." Arme Familien würden minderjährige Söhne losschicken, oder solche, die noch für unter 18 durchgehen, um Geld zu verdienen. "Und genau das machen die allermeisten", sagt Erös.

Von einem generellen Alterstest, wie ihn auch Frank Ulrich Montgomery, Ehrenvorsitzender der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, ablehnt, hält der Oberpfälzer gar nichts: "Erstens kann man damit nur Pi mal Daumen das Alter bestimmen, was in Gerichtsverfahren oder bei der Einreise wenig nützt." Zweitens dürften Ärzte nicht gegen den Willen der Betroffenen ganze Gruppen auf Verdacht röntgen: "Das wäre Körperverletzung." Was sich der Mediziner vorstellen kann: "Wenn jemand Leistungen beziehen will, dann kann man darüber reden, dass er sein Alter nachweisen muss - etwa durch Zustimmung zu einer Untersuchung."

Andererseits sei die Nachweispflicht des Alters bei den gut informierten Afghanen keine Gewähr für dessen Richtigkeit: "Es gibt Reiseagenturen, die je nach Preis auch Papiere mit den richtigen Daten und sogar Zeugen für eine politische Verfolgung anbieten." Wichtiger sei es deshalb, den jungen Flüchtlingen Perspektiven in Afghanistan zu eröffnen: "Wenn sie 15 Flüchtlinge im Flieger mit pro Person zwei Polizisten und dem vorgeschriebenen Arzt zwangsabschieben, kostet der Flug dem deutschen Steuerzahler 200 bis 300 000 Euro." Stattdessen solle man den Jungs einen Bus- oder Lkw-Führerschein spendieren und 10 000 Euro in Raten mitgeben: "Mit dem deutschen Führerschein nimmt einen eine Spedition oder ein Busunternehmen mit Handkuss und man kann sogar ins Geschäft miteinsteigen."

Für eine stärkere Betreuung der unbegleiteten Jugendlichen spricht sich Werner Konheiser von "Amberg hilft" aus: "Viele dieser junge Männer müssen mit 18 ihre Einrichtungen verlassen, finden in der Regel keine Wohnung und müssen wieder in eine Gemeinschaftsunterkunft." Hier entstünden Brennpunkte: "Einige kommen mit der Situation nicht zu recht, rutschen ab in einen Kreislauf aus Alkoholkonsum, Drogen und Gewalt."

Enormer Erwartungsdruck

Sie stünden unter enormem Erwartungsdruck ihrer Familien, die Geldsendungen oder den Nachzug anderer Familienmitglieder erhofften. "Wenn dann noch bei lebensunerfahrenen jungen Menschen eine Beziehung zerbricht, von der sie sich Halt versprechen, können einem schon mal die Sicherungen durchbrennen, auch wenn man nicht aus einem anderen Kulturkreis kommt."

Die Amberger Hilfsorganisation versucht zusammen mit dem Netzwerkpartner DJK Sportbund Amberg mit Fußball im "One-World-Team" Druck aus dem Kessel zu nehmen. "Hier spielen bis zu acht Nationen in einem Team, und wir haben schon zwei Turniere auf die Beine gestellt." Auch Ezat ein junger Afghane, den Konheisers Truppe seit sechs Jahren betreut, litt an seiner Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften. "Er hat inzwischen eine Lehre als Metallbauer absolviert und wohnt zur Untermiete mit Familienanschluss bei einer unserer Unterstützerinnen."

Warnung an Eltern

"Wenn meine Töchter noch in dem Alter wären", sinniert Reinhard Erös, "würde ich ihnen erklären, welches Risiko die Beziehung mit einem Mann aus einem anderen Kulturkreis birgt." Für einen bildungsfernen jungen Mann, aufgewachsen in einem afghanischen Bergdorf, sei eine Beziehung eine ernste Sache. Wenn sich ein Mädchen nach ein paar Monaten trennen wolle, sei das eine Katastrophe für beide Seiten: "In Afghanistan wären sie verheiratet, und das wäre Ehebruch." Natürlich würden nicht alle Flüchtlinge, schon gar nicht hier integrierte oder gar geborene Muslime gewalttätig reagieren. "Aber das Risiko besteht." (jrh)

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