02.04.2017 - 20:00 Uhr
Oberpfalz

Nicht jeder lässt sich von Recep Tayyip Erdogan einschüchtern Macht um jeden Preis

Wenn ein Volk mit den Mitteln der Angst regiert wird, hilft nur Mut. Das ist die Überzeugung des türkischstämmigen Markthändlers Ramazan Tuncer. Obwohl er Deutscher ist, erfordert sein politisches Bekenntnis derzeit eine ordentliche Portion Zivilcourage.

Schon vor Jahren warnte in privaten Gesprächen der türkischstämmige Feinkosthändler Ramazan Tuncer vor der gefährlichen Machtgier von Recep Tayyip Erdogan. Seine schlimmsten Befürchtungen sind wahr geworden und stehen am Sonntag, 16. April, in einem Referendum zur Abstimmung. "Die Ehre der Republik Türkei leidet, und das geht alle Türken an", kommentiert er die unsäglichen Nazi-Vergleiche der vergangenen Wochen, und es hat den Anschein, dass er sich dafür schämt. Den Mund lässt er sich jedenfalls nicht ver
von Michael Zeissner Kontakt Profil

Er kommt gerne jede Woche nach Amberg. Die Tage sind zwar anstrengend, doch das soll so sein. Denn dann geht das Geschäft des den Mittwochs-Markt bereichernden Feinkosthändlers Ramazan Tuncer gut. Fast noch mehr freut ihn: "Jeder hier kennt mich als Türke. Ich habe einen guten Ruf, die Leute respektieren mich." Umso mehr schmerzt den 55-Jährigen, dass "die Ehre der Republik Türkei leidet, und das geht alle Türken an".

Dafür macht der Fierant mit einem blühenden Geschäft keinen Geringeren als den in Ankara residierenden Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan und dessen AKP verantwortlich. Nach dem 16. April, dem Tag des türkischen Referendums über ein Präsidialsystem von Erdogans Gnaden, wird es eine demokratisch verfasste Republik Türkei wohl nicht mehr geben, befürchtet Ramazan Tuncer. Er kam 1979 als klassisches Gastarbeiter-Kind in die Bundesrepublik, hat einen deutschen Pass ("Den habe ich mir hart und fleißig erarbeitet.") und türkischen Personalausweis.

Parteischwestern

Deshalb geht er in den nächsten Tagen zusammen mit seiner Ehefrau und den Eltern in Fürth zur Wahl. Ob er mit "Evet" (ja) oder "Hayir" (nein) stimmen wird, das behält er für sich. So weit geht die Freundschaft nun dann doch nicht. Mit seiner politischen Überzeugung hält Ramazan Tuncer, der im Nachbarlandkreis Schwandorf lebt, dennoch nicht hinter dem Berg. Er ist SPD-Mitglied und Anhänger der größten türkischen Oppositionspartei CHP (Cumhuriyet Halk Partisi).

Sie kam bei der türkischen Parlamentswahl im November 2015 auf 25,3 Prozent und wird als kemalistisch-sozialdemokratische, republikanische Volkspartei beschrieben. Alle diese Attribute sprechen dem Fieranten, der in der mittleren und nördlichen Oberpfalz unterwegs ist, aus dem politischen Herzen. Die CHP repräsentiert für Ramazan Tuncer die Grundwerte Demokratie, Bürgerrechte, Minderheitenschutz und politische Toleranz gegenüber Andersdenkenden. Erdogan und dessen AKP stünden hingegen für die Spaltung der türkischen Gesellschaft, einen autoritär-autokratisch, islamistisch ausgerichteten Staat und die Unterdrückung bis Vernichtung von ethnischen, religiösen und politischen Minderheiten.

Nur Mittel zum Zweck

"Er ist nicht für Frieden", verweist der 55-Jährige auf die türkische Militärintervention in Syrien, der 70 eigene Soldaten das Leben gekostet habe, und den Krieg gegen die Kurden im eigenen Land. Erdogans ständige Terrorismus-Schwadroniererei und die von ihm losgetretenen, unsäglichen Nazi-Vergleiche in Richtung Deutschland, Niederlande und EU hätten nur einen einzigen Zweck: Angst und Schrecken zu verbreiten, um daraus das politische Kapital persönlicher Machtfülle zu schlagen.

Die Verhaftung Zehntausender Soldaten, Polizisten, Staatsanwälte, Richter, Oppositionspolitiker, Journalisten, von Geschäftsleuten und kritisch gesinnten Bürgern spreche doch für sich, appelliert der Feinkosthändler an Deutsche wie Türken gleichermaßen. Alles Fethullah Gülen und dessen sektenähnlicher islamischer Bewegung, Kurden oder der Opposition in die Schuhe zu schieben, ist für Ramazan Tuncer "ein einziges großes Theater". Erdogan und Gülen seien lange enge politische Weggefährten gewesen. Nun wolle der eine den anderen in seiner Machtgier übertrumpfen. Eine ernstzunehmende Gefahr für die laizistische Republik Türkei seien beide wegen ihres mit dem Islam begründeten Führungsanspruchs.

Nur ein Schulterzucken

Ramazan Tuncer würde sich nicht wundern, wenn sein Name von einem türkischen Geheimdienst- oder Moschee-Spitzel bereits nach Ankara gemeldet worden wäre und er auf einer entsprechenden Liste von Erdogan-Kritikern stehen würde. Angst davor? Die Frage wird mit einem Schulterzucken beantwortet. Und dem tiefgründigen Satz: "Ich fühle mich als Teil Deutschlands, und Deutschland ist meine Heimat, obwohl ich Türke bin."

Die Ehre der Republik Türkei leidet, und das geht alle Türken an.Ramazan Tuncer
Ich fühle mich als Teil Deutschlands, und Deutschland ist meine Heimat, obwohl ich Türke bin.Ramazan Tuncer
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