10.11.2017 - 17:20 Uhr
Oberpfalz

Reaktionen zum Prozess gegen den hundertfachen Patientenmörder Niels H. Restrisiko für Patienten

Der Prozess gegen Niels H. offenbart: Weit mehr als 100 Todesopfer hat der Mann auf dem Gewissen, der Schwerstkranke durch Medikamente erst in Lebensgefahr brachte und danach versuchte, sie als Held zu retten. Wie können Kliniken und Pflegeeinrichtungen ihre Patienten vor solchen Pflegern schützen? Eine Bestandsaufnahme.

Ein psychisch kranker Pfleger mit hoher krimineller Energie wie Niels H. sei die absolute Ausnahme: Die überwältigende Mehrheit der Pflegekräfte leisteten einen aufopferungsvollen Job am Patienten. Symbolbild: Arno Burgi/dpa
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Amberg/Sulzbach-Rosenberg/Weiden. Ein großes Versagen nannte es die Deutsche Stiftung Patientenschutz. Tätern werde es in Krankenhäusern und Pflegeheimen zu leicht gemacht. Viele der bundesweit 2000 Krankenhäuser hätten die Kontrollmechanismen nicht verschärft. Was sagen Vertreter unserer regionalen Kliniken und Einrichtungen dazu?

"Das ist dramatisch und schlimm, aber auch die absolute Ausnahme", charakterisiert Martin Preuß, Leiter des ProCurand Seniorenzentrums in Sulzbach-Rosenberg , den Fall des mehr als hundertfachen Patientenmörders. "Ich bin schon dafür, dass man nach solchen Ereignissen überlegt, was man besser machen kann", sagt der Heimleiter. "Aber wir neigen oft zum Ruf nach extremen Verschärfungen." Sinnvoll sei die Frage, was man zum Schutz der Patienten und Bewohner tun kann.

Soziale Kontrolle

"Was nicht sein darf: Dass eine weitere Bürokratisierung Zeit für die Patienten wegnimmt", warnt er vor Schnellschüssen. "Wir brauchen mehr Zuwendung - die beste Kontrolle ist soziale Kontrolle." Besuche von Angehörigen und Freunden hülfen, weil sie Veränderungen am ehesten feststellten. Preuß ist überzeugt, dass die vorhandenen Pflegestandards ausreichten, Risiken zu minimieren. "Es sind bei allen Prozessen immer mehrere Beteiligte eingebunden." Medikamente stelle ein Apotheker im Haus zusammen, die Vergabe liege in der Verantwortung der Fachkräfte. "Das wird genau nachvollzogen", sagt der nebenamtliche Bürgermeister Ambergs. Besonders bei Betäubungsmitteln werde genauestens dokumentiert. "Wenn da mal eine halbe Tablette runterfällt, wird das rigoros überprüft."

Aber, und das sei die Krux dabei, wenn jemand mit hoher krimineller Energie Böses im Schilde führe, sei das nur schwer völlig auszuschließen: "So engmaschig kann man gar nicht überwachen." Nach allem, was man über Niels H. wisse, sei der ja durchaus empathisch aufgetreten: "So was durchschaut man nicht in einem Vorstellungsgespräch."

Ähnlich sieht das auch Thomas Egginger, Ärztlicher Direktor der Kliniken Nordoberpfalz AG . "Bei so einem drastischen Fall gibt es keine 100 prozentige Sicherheit." Die Reanimation schwerkranker Patienten sei nicht von vornherein auffällig. "Da tut man sich schwer als Klinik, jemanden zu identifizieren." Man überprüfe engmaschig und minimiere so die Wahrscheinlichkeit solcher Vorfälle. Die Medikamentenabgabe unterliege dem Vier-Augen-Prinzip, schon um Fehler auszuschließen. Außerdem würden bei jeder Schichtübergabe die Bestände geprüft, und im Protokoll notiert, damit Unregelmäßigkeiten schnell auffielen: "Es gibt auch Häuser, die das nur einmal wöchentlich oder monatlich machen."

Betäubungsmittel seien in den Stationssafes eingeschlossen: "Es gibt einen Schlüssel, der von der Schichtleitung übergeben wird." Jede Entnahme müsse hinterlegt sein: "In Audits wird das durch das Stationspersonal, Ärzte und Apotheke geprüft." Aber kurzfristig sei man nie gefeit, wenn jemand Kleinstbestände entnehme und sie Patienten zuschreibe.

Kriminelle Energie

"Wir setzen uns natürlich mit so einem Fall auseinander", sagt Manfred Wendl, Vorstand des Klinikums St. Marien Amberg . Aber auch er weiß: "Wenn jemand so viel kriminelle Energie entwickelt, multimorbide Patienten fast zu Tode zu spritzen, wird es für alle Beteiligten schwierig, ein Fehlverhalten festzustellen." Der Verwaltungsrat könne derzeit keine Lücken im System entdecken. Bei der Genossenschaftstagung der Klinik-Kompetenz-Bayern eG am Freitag sei über die Medikation mit Unterstützung elektronischer Systeme gesprochen worden. "Das ist sicher hilfreich, weil das Vier-Augen-Prinzip bei jeder Medikation personell nicht darstellbar ist." Das hochqualifizierte Personal sei für diese verantwortungsvolle Tätigkeit bestens gerüstet.

Man sensibilisiere die Führungskräfte, Auffälligkeiten zu melden, um früh eingreifen zu können. Einen Fall wie diesen aber habe es in seinem Haus natürlich noch nicht gegeben. Damit das so bleibt, bemühe sich das Klinikum, die Attraktivität des Pflegeberufs zu erhöhen. "Wir sind bei uns in der Region noch in der Lage, unsere Pflegestellen gut zu besetzen - auch aufgrund der eigenen Ausbildungsinitiativen."

Dünn werde die Personaldecke bei der "Fachpflege Intensiv oder Operationsdienst". Wendel unterstützt die Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen in einem Beruf, in dem 365 Tage im Jahr Nacht- und Wochenendschichten geleistet werden: "Es muss im Krankheitsfall genug Personal vorhanden sein - aber das muss von den Kassen auch in vollem Umfang bezahlt werden."

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