01.08.2017 - 19:24 Uhr
Oberpfalz

Verband Schädel-Hirnpatienten in Not will Beratungszentrale: Der Lotse im Wirrwarr der Interessen

Das Bundesteilhabegesetz ist neu. Der Verband Schädel-Hirnpatienten in Not sieht es als gute Möglichkeit, seine 30-jährige Erfahrung noch viel mehr Betroffenen zukommen zu lassen. Das könnte durch eine Beratungszentrale geschehen.

Die Leistungen des Verbandes "Schädel-Hirnpatienten in Not" stellte dessen Vorsitzender Armin Nentwig (Zweiter von rechts) vor. Von links: Bezirksrat Richard Gaßner (SPD), von der Geschäftsstelle Nicole Klutzny, Andrea Tresch und Alexandra Götz sowie Burkard Rappl (Sozialministerium) und die stellvertretende Verbandsvorsitzende Claudia Engfer. Bild: Huber
von Markus Müller Kontakt Profil

Amberg. (ll) Ministerialdirigent Burkard Rappl vom bayerischen Sozialministerium bestätigte bei einem Besuch in der Bundesgeschäftsstelle in Amberg, dass der Verband gute Voraussetzungen habe, die im Gesetz vorgeschriebene ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (mitsamt Kostenausstattung von etwa 90 000 Euro) übertragen zu bekommen.

Verbandsvorsitzender Armin Nentwig betonte, Menschen mit erworbenen Hirnschäden passten zu keiner der Gruppen, in die man Menschen mit Behinderung nach Verwaltungskriterien unterteile. Der Schädel-Hirnpatienten-Verband habe genau in dieser Nische die Erfahrung, die woanders nicht vorhanden sei. "Deshalb wollen wir die bundesweite Kompetenz für diese Gruppe übertragen bekommen."

"Sie sind echt unabhängig", bestätigte Rappl. Deshalb könne der Verband "im Interesse der Patienten sagen, wo es langgeht ... Diese Lotsenfunktion ist ganz wichtig." Er halte den Selbsthilfegedanken, bei dem man von den Erfahrungen anderer Betroffener profitieren könne, hier für sehr gut und fruchtbar. Auch wenn die unabhängige Teilhabeberatung die "Profiberatung" bei Kassen, Versicherungen oder medizinischen Einrichtungen nicht ersetzen könne. Die Unabhängigkeit des Verbandes verhindere aber, dass nur an die eigenen Interessen gedacht werde, machte die stellvertretende Bundesvorsitzende Claudia Engfer deutlich. Ziel des Gesetzes sei eine niedrigschwellige und kostenfreie Beratung sowie eine Vernetzung aller Hilfegruppen, erklärte Rappl. "Das ist hier schon aufgebaut", betonte Andrea Tresch von der Geschäftsstelle. Sollte der Verband diese zunächst auf drei Jahre befristete Teilhabeberatungs-Stelle zugesprochen bekommen, bekäme er in Bayern für die Finanzierung einen Zuschuss von 90 000 Euro pro Jahr. Laut Nentwig will man aber auch in den anderen Bundesländern entsprechende Anträge stellen.

Im Rückblick auf das 30-jährige Wirken des Verbandes "Schädel-Hirnpatienten in Not" sprach Nentwig von einer anfänglichen "neurologischen Wüste in ganz Deutschland". Die Oberpfalz sei zunächst der einzige Bezirk gewesen, "der diese Aufgabe voll angenommen hat". Als Glücksfall habe sich dabei Dr. Gerhard Weber erwiesen, der Leiter der Neuro-Reha im Bezirksklinikum Regensburg, der Nentwigs Bemühungen und die Arbeit des Verbandes von Anfang an mit aller Kraft unterstützt habe. Heute sei Regensburg eine Vorzeigeklinik, und es gebe kein Land, das eine so flächendeckende Versorgung habe wie Deutschland.

Der Verband habe in 30 Jahren über 100 000 Beratungen bzw. Hilfen leisten können. Bei 70 Regionalgruppen in ganz Deutschland komme man auf einen Etat von rund 300 000 Euro. Die Krankenkassen steuerten allerdings nur etwa 50 000 Euro bei, der Rest müsse über Spenden und Beiträge gedeckt werden.

Hintergrund

In Sachen Werkstätten für Menschen mit Behinderung ist Burkard Rappl der Auffassung, diese seien weiterhin notwendig, "selbst wenn man mehr für den ersten Arbeitsmarkt tut. Sonst stehen 40 000 Leute auf der Straße." Leider sei es heute oft so, dass viele Leute aus dem ersten Arbeitsmarkt in Behindertenwerkstätten kämen, ergänzte Bezirksrat Richard Gaßner, "weil sie den Druck nicht mehr aushalten. Dabei sollte der Weg umgekehrt sein." Es gehe hier nicht um bessere Statistiken, sondern um persönliche Schicksale. Gaßner wies darauf hin, dass die Bezirksumlage zu einem großen Teil wieder in die Kommunen zurückfließe, etwa in Form der Eingliederungshilfe. So zahle etwa die Region Amberg-Sulzbach 25 Millionen Euro und bekomme 34 Millionen wieder zurück. "Das System ist in Ordnung", so Gaßner. (ll)

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