23.01.2018 - 12:12 Uhr
Oberpfalz

Zahlen zur Altersarmut, die bange machen Der Durchschnittsrentner ist arm

Egal, ob statistisch verzerrt oder nur bedingt so vergleichbar. Diese Zahlen sind alles andere als ein sozialpolitisches Ruhmesblatt über die Versorgungssituation der Rentner. Speziell auch in der Region.

von Michael Zeissner Kontakt Profil

Erhoben sind die Daten solide und können als mit dem Stempel "amtlich" versehen betrachtet werden. Sie stammen von der Deutschen Rentenversicherung, dem Landesamt für Statistik, dem Sozialverband VdK sowie den Sozialverwaltungen der Stadt und des Landkreises. So empfiehlt die gesetzliche Rentenversicherung in einem ihrer Internet-Ratgeber Rentnern als "Faustregel": "Wenn Ihr gesamtes Einkommen unter 823 Euro liegt, sollten Sie prüfen lassen, ob Sie Anspruch auf Grundsicherung haben." Jeder Durchschnittsrentner aus der Region müsste genau das tun.

Grundsicherung springt ein

Nach den aktuellsten Daten - sie beziehen sich auf 2016 - liegt der "durchschnittliche Rentenzahlbetrag" in der Stadt bei 784,87 Euro und im Landkreis bei 788,87 Euro (weitere Daten siehe Kasten). Mit diesen Zahlen steht die Region oberpfalzweit alles andere als schlecht da. Dennoch sah sich die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) kürzlich zu einem "Weckruf" veranlasst. In einer Pressemitteilung titelte sie: "Amberg: 54 Prozent mehr Bezieher von ,Alters-Hartz-IV'". Binnen zehn Jahren, heißt es dort, seien bei 9032 Altersrenten-Beziehern in der Stadt 669 auf Geldspritzen aus der Grundsicherung angewiesen. Die Gewerkschaft stützt sich auf Zahlen aus den Jahren 2006 und 2016. Werden 2007 und 2017 verglichen, wie es die Stadt tut, fällt der Anstieg nicht ganz so heftig aus. Laut der Zahlen aus dem Sozialreferat bezogen 2007 insgesamt 544 und im vergangenen Jahr 695 Rentner zusätzlich Mittel aus der Grundsicherung. Das ist ein Anstieg von fast 28 Prozent. Im Landkreis sind es aber 113 Prozent, wobei die absoluten Zahlen (2008 noch 131, 2017 schon 279) deutlich unter denen in der Stadt liegen. Ein Erklärungsansatz könnte sein, dass sich in Amberg viele Altenheimplätze konzentrieren.

Eklatante Unterschiede

Das deckt sich mit den Beobachtungen vom Kreisgeschäftsführer des VdK, Gerhard Spies. Rente und Grundsicherung, diese Antragsverfahren würden meist im Zusammenhang mit einer Veränderung der Lebenssituation von Senioren in Richtung Heimaufenthalt stehen. Das wiederum kann aber auch bedeuten, dass Rentner so lange sie noch selbstständig ihren Haushalt führen, den Gang zum Sozialamt vor Scham oder wegen Wissensdefiziten scheuen. Die jüngsten Zahlen versetzen Spies nicht in Alarmstimmung. Vielmehr sieht er sich in dem Bewusstsein bestätigt, dass "die Renten sehr knapp geschnitten sind".

SPD-Landtagsabgeordneter Reinhold Strobl griff kürzlich das Thema ebenso auf. Via Pressemeldung teilte er mit, "auch wieder bei einer Telefon-Bürgersprechstunde" festgestellt zu haben, dass "die Situation der Rentner mehr als verbesserungswürdig ist". Bei den Sätzen müsse "endlich etwas geschehen". Mit Blick auf die eklatanten Unterschiede bei den Durchschnitts-Rentenbezügen von Frauen und Männern fordert er zudem: "Es darf nicht sein, dass ein auskömmlicher Ruhestand wesentlich vom Geschlecht abhängt."

Der VdK kann hinsichtlich der Gesamtsituation mit Zahlen für den Freistaat sowie Bezirk aufwarten. Der Sozialverband orientiert sich unter anderem an dem Begriff Armutsgefährdung (s. Kasten "Definition") und kommt zu nicht allzu schmeichelhaften Feststellungen. Danach lag die allgemeine Armutsgefährdungsquote 2016 in der Oberpfalz bei 16,1 Prozent, der Durchschnitt rangiert bei 14,9 Prozent. In Euro beziffert bedeute das für Einpersonenhaushalte in Bayern, dass die Gefährdungsschwelle bei monatlich 1039 Euro anzusetzen ist, bundesweit bei 969 Euro. 22,6 Prozent der Rentner und Pensionäre wurden 2016 als armutsgefährdet eingestuft. Strobls Resümee angesichts der Durchschnittsrenten in der Stadt und dem Landkreis vor diesem Hintergrund verwundert deshalb nicht: "Damit lässt sich kein altersgerechtes Leben bestreiten."

Immer mehr Menschen jenseits der 65 haben einen Job, denn oft haben sie ihn bitter nötig. Eine Anfang Dezember von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)  veröffentlichte Studie zeigt: Bereits jetzt ist das deutsche Rentenniveau im internationalen Vergleich niedrig.

Zahlen

Amberg

Rentner insgesamt 9032, davon 3559 männlich, 5473 weiblich. Durchschnittlicher Rentenzahlbetrag insgesamt 785 Euro, bei Männern 1069 Euro, bei Frauen 600 Euro.

Amberg-Sulzbach

Rentner insgesamt 19 943, davon 8813 männlich, 11 130 weiblich. Durchschnittlicher Rentenzahlbetrag insgesamt 788 Euro, bei Männern 1121 Euro, bei Frauen 788 Euro.

Vergleich Oberpfalz

Weiden: Durchschnittlicher Rentenzahlbetrag insgesamt 760 Euro, bei Männern 1011 Euro, bei Frauen 600 Euro. Regensburg: Durchschnittlicher Rentenzahlbetrag insgesamt 799 Euro, bei Männern 1021 Euro, bei Frauen 799 Euro. Kreis Neumarkt: Durchschnittlicher Rentenzahlbetrag insgesamt 805 Euro, bei Männern 1115 Euro, bei Frauen 559 Euro. Kreis Schwandorf: Durchschnittlicher Rentenzahlbetrag insgesamt 768 Euro, bei Männern 1082 Euro, bei Frauen 768 Euro.

Bayernweiter Vergleich

München: Durchschnittlicher Rentenzahlbetrag insgesamt 916 Euro, bei Männern 1100 Euro, Frauen 916 Euro. Erlangen: Durchschnittlicher Rentenzahlbetrag insgesamt 950 Euro0, bei Männern 1287 Euro, bei Frauen 706 Euro. Landkreis Ostallgäu: Durchschnittlicher Rentenzahlbetrag insgesamt 801 Euro, bei Männern 1067 Euro, bei Frauen 592 Euro. Landkreis Hof: Durchschnittlicher Rentenzahlbetrag insgesamt 864 Euro, bei Männern 1081 Euro, bei Frauen 711 Euro.

Landesdurchschnitt

Minimalwerte: Durchschnittlicher Rentenzahlbetrag insgesamt 731 Euro (Landkreis Regen), bei Männern 981 Euro (Landkreis Berchtesgadener Land) bei Frauen 495 Euro (Landkreise Cham und Freyung-Grafenau).

Maximalwerte : Durchschnittlicher Rentenzahlbetrag insgesamt 963 Euro (Landkreis München), bei Männern 1287 Euro (Stadt Erlangen), bei Frauen 785 Euro (Stadt München).

Landesschnitt: Durchschnittlicher Rentenzahlbetrag insgesamt 846 Euro, bei Männern 1120 Euro, bei Frauen 638 Euro. (zm)

Definition

"Als armutsgefährdet gilt eine Person, die mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens (Median) der Gesamtbevölkerung auskommen muss. Diese Einkommensgrenze wird als Armutsgefährdungsschwelle bezeichnet. Es handelt sich um eine relative Einkommensarmut. Durch eine einheitliche Anwendung dieser Definition in Europa kann das Maß der Armutsgefährdung in den einzelnen europäischen Staaten miteinander verglichen werden."

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