Der Leseranwalt schreibt
Krawallmacher-Bild polarisiert

Eine Rauchwolke schwebt während des Spiels in Prag über dem deutschen Fanblock. Bild: Jan Woitas/dpa
Sport
Amberg in der Oberpfalz
08.09.2017
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Die "Fan"-Schande von Prag: Es waren deutsche Hooligans. Schmähgesänge gegen Timo Werner, rechtsradikales Gebrüll. Bundestrainer Joachim Löw und sein Team sind wütend. Auch ein Leser unserer Zeitung regt sich auf - über die Berichterstattung.

Amberg/Weiden. "Das war eine Katastrophe, ganz schlimm", schimpfte beispielsweise Siegtorschütze Mats Hummels nach dem mit 2:1 gewonnenen WM-Quali-Spiel der Fußball-Nationalmannschaft und betonte: "Das sind keine Fans, ganz einfach. Das sind Krawallmacher, Hooligans, was auch immer - aber die haben nichts mit Fußballfans zu tun."

Am vergangenen Montag gab es im Sportteil unserer Zeitung unter der Überschrift "Löws Wutrede nach Fan-Schande" einen weiteren Bericht über die schlimmen Entgleisungen vermeintlicher Fußballanhänger in der Prager Eden Arena. Dazu auch einen Kommentar mit dem Titel "Kein Platz für ,Nazi'-Fans". Bebildert war der Hauptartikel mit einer Tribünen-Szene, die einen Teil der Chaoten zeigte, als sie unter anderem ihre Fäuste in den Himmel reckten und Pyrotechnik zündeten.

"Zur Bühne gemacht"

Dazu erreichte den Leseranwalt am Montagmorgen eine E-Mail von Rainer L., die mit den Worten begann: "Bitte betrachten Sie einmal die obere Hälfte der Seite 7 in der heutigen Ausgabe. Fällt Ihnen was auf? Mir fällt auf, dass es hier kaum um Sport geht, sondern um ein paar Randalierer, die sich eine Sportveranstaltung zur Bühne gemacht haben, um ihre radikale Meinung zu äußern. Und das ziemlich erfolgreich." Das Bild mit diesen Leuten, kritisiert der Leser, nehme "einen wesentlich größeren Platz ein als der direkt daneben stehende Kommentar".

Für Rainer L. ist diese Seite "ein Widerspruch in sich". Daher schrieb er uns weiter: "Dass darüber auch berichtet wird, ist nicht falsch, aber müssen diese ... wirklich die Titelseite des Sportteils für sich haben? Dazu noch mit Foto. (...) Der Fokus ist auf die Randalierer gerichtet. Die Sportler sind eine unscharfe Nebendarstellung. Genau das wollen sie und ,Der Neue Tag' gibt ihnen fleißig diese Bühne." Es hätte "genügend sportliche Erfolge" am Wochenende gegeben, "die man hier hervorheben könnte", meinte Rainer L. und fügte abschließend hinzu: "Bitte geben Sie der Redaktion hierzu mal einen Denkanstoß."

War das Bild dieser Hooligans, die nach Meinung vieler den Ruf Deutschlands im Ausland in den Dreck gezogen haben, denn nun wirklich notwendig? Hätte man darauf verzichten können? Oder hätte man es sogar weglassen müssen?

Diskutieren wir darüber mit unseren Sportredakteuren Josef Maier, Armin Eger und Fabian Leeb. "Wir machen uns da schon Gedanken", unterstreichen sie und sind "nicht überrascht", dass es ein Leser in diesem Fall so sieht wie zuvor beschrieben. Eger findet den Weg, den die Sportredaktion bei der Berichterstattung über das Verhalten der Hooligans gewählt hat, in Ordnung. Das war "angemessen und ausgewogen", sagt er.

"Gewisse Abschreckung"

Hat "Der neue Tag" denen, die sich derart danebenbenommen haben, ein Forum gegeben? Nein, sind sich die drei Kollegen einig. "Es geht doch gar nicht, dass ich so etwas verschweige", sagt Maier. Das blamable Geschehen auf einem Bereich der Tribüne sei auch Teil dieses Fußballspiels gewesen. Eingehend auf die Details, die auf dem veröffentlichten Foto zu sehen sind, hebt Maier hervor: "Du erkennst die Leute ja teilweise." Das habe schon eine gewisse Wirkung. Mancher Leser denke sich beim Betrachten: "Schau mal diese Chaoten an, diese Verrückten." Eger glaubt sogar: "Das kann eine gewisse Abschreckung für andere sein."

Bei der Auswahl von Bildern orientieren sich die Kollegen der Sportredaktion immer wieder daran, was andere Medien zum selben Thema machen, haben dabei aber weniger den Boulevard im Blick. Bei dem "Fan"-Skandal von Prag habe es auch einen weiteren Grund für die Art, die Größe und die Aufmachung der Berichterstattung gegeben: "Das Sportliche ist in den Hintergrund getreten bei dieser Pressekonferenz von Joachim Löw", verdeutlicht Leeb. So in Rage habe er den Bundestrainer bisher nicht erlebt.

Das sagt der LeseranwaltEinen Effekt will ich gar nicht wegdiskutieren: Ein Artikel mit (großem) Bild erzielt beim Leser deutlich mehr Aufmerksamkeit als ein Bericht ohne. Bilder ergänzen oder bestätigen.

Das Foto mit den abgebildeten Hooligans ist auch deshalb notwendig, weil es die Realität an diesem Abend zeigt, ein Geschehen, das am Ende tatsächlich das Sportliche völlig überlagert hat. Das Argument, dass den Randalierern damit die von ihnen angestrebte Bühne geboten werde, ist nachvollziehbar, verliert in diesem Fall für die Redaktion jedoch an Bedeutung. Das Bild gehört zu einer wahrheitsgemäßen Berichterstattung durchaus dazu. Bringt man es nicht, könnte der mitunter gern angestimmte Vorwurf laut werden, die Presse verschweige wieder mal etwas.

Gut ist, dass die Sportredaktion die Vorfälle mit deutlichen Worten kommentiert. Damit bezieht sie klar Position gegen diese Spezies von Stadionbesuchern, die der Kommentator geistig "minderbemittelte Krawall-Touristen" nennt.
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