23-Jähriger zückt Küchenmesser mit 30-Zentimeter-Klinge
Blutiger Streit in Innenstadt

Archivbild: dpa

Abends klingelt es. Drunten vor dem Anwesen in der Innenstadt dringt lautes Geschrei bis herauf in den ersten Stock. Da nimmt ein 23-Jähriger sein Küchenmesser aus der Schublade, läuft die Treppe hinunter, öffnet die Haustür und verletzt einen der ihm unliebsamen Besucher mit der 30-Zentimeter-Klinge.

Sie hatten gezecht und marschierten an einem Aprilabend vergangenen Jahres vor einem Haus nicht weit vom Marktplatz entfernt auf. Sechs Mann. Einer von ihnen wollte etwas klären, die anderen gingen quasi als Freundschaftsbegleitung mit. Obgleich sie das "Zielobjekt" nicht kannten.

"Was wollten Sie denn klären?", fragte jetzt Amtsrichterin Julia Taubmann den 20-Jährigen, der - wenn man so wollte - die Anführerrolle in diesem zunächst völlig schleierhaften Feldzug übernommen hatte.

Es stellte sich heraus: Der 20-Jährige war am gleichen Tag von einem in dem Anwesen lebenden 23-Jährigen via Handy-Nachricht als "Hurensohn" tituliert worden. "Völlig unerklärlich für mich", wie der junge Mann befand. Von daher sei ein die Dinge erhellendes Gespräch dringend angesagt gewesen.

Der nicht ganz nüchterne Tross traf gegen 20 Uhr ein. Es wurde geklingelt und vor der Haustür laut herumgeschrien. Dann passierte etwas, das der Richterin nicht einleuchtete. "Warum sind Sie hinunter gegangen und haben die Tür geöffnet? Weshalb wurde nicht die Polizei verständigt?", fragte sie den Wohnungsmieter.

Von ihm hörte sie, er sei in Panik gewesen, habe furchtbare Angst gehabt. Und trotzdem die Tür geöffnet? "Jawohl", vernahm die Vorsitzende und erfuhr, dass der 23-Jährige an der Pforte mit einem Küchenmesser erschien. Damit fuchtelte er herum und traf mit der 30 Zentimeter langen Klinge den 20-Jährigen, der ihn zur Rede stellen wollte, an der Brust. Danach ebbte der Zwist langsam ab. Der Täter rannte treppaufwärts zurück in seine Wohnung und verbarrikadierte sich. Die vorm Haus stehende Truppe eilte ihm zwar teilweise nach, kam im ersten Stock aber nicht weiter und zog ab. Erst beim Bahnhof merkte der 20-Jährige, dass er aus einer Wunde an der Brust blutete. Sein Hemd hatte sich rot gefärbt.

War das Notwehr? Musste denn mit einem Küchenmesser gefuhrwerkt werden? Drei Stunden lang ging die Richterin dem Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung nach. Dabei war zu klären, ob der Beschuldigte zur Tatzeit völlig außer sich und irgendwie verwirrt war. Ein Ausnahmezustand gewissermaßen, den Verteidigerin Susanne Engelhardt während der Verhandlung ins Feld führte.

Landgerichtsarzt Reiner Miedel sorgte für Klarheit. In seinem Gutachten befand er: "Voll verantwortlich." Einer solchen Reaktion habe es nicht bedurft, ließ Staatsanwältin Kathrin Heitzer danach anklingen und sprach von Glück sowohl mit Blick auf den Täter als auch auf den Geschädigten, "dass die Sache so ausging". Für den mehrfach Vorbestraften forderte sie ein Jahr Haft ohne Bewährung.

Verteidigerin Engelhardt hielt die abendliche Begebenheit für einen absolut minderschweren Fall und verlangte eine "niedrige Bewährungsstrafe". Doch dazu mochte sich die Richterin nicht durchringen. Sie schickte den Mann mit dem Küchenmesser acht Monate hinter Gitter. Allein schon wegen dessen Vorahndungen, einer eher schlechten Sozialprognose und weiterer anhängiger Verfahren. "Das war keine Notwehr", unterstrich Richterin Julia Taubmann und wunderte sich erneut, weshalb der 23-Jährige überhaupt die Haustür öffnete, anstatt die Polizei zu alarmieren oder einen in seiner Wohnung anwesenden Bekannten um Hilfe zu bitten.

Das Opfer der Attacke nahm es nicht weiter tragisch. "Akzeptiert", sagte der 20-Jährige, nachdem er eine Entschuldigung gehört hatte.
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