2700 Kilometer zu Fuß an das Ende der Welt
Osterfreuden auf dem Jakobsweg

Doris Boesen zeigt einen der Pilgerpässe mit Stempeln.
 
Zwei Kerzen entzünden die Freundinnen Doris Boesen und Eva Mühlbauer in einer leerstehenden Kirche in Frankreich am Ostersonntag. "Es war eine wunderschöne Atmosphäre." Bilder: Doris Boesen (2)

Sechs Jahre gehen Doris Boesen und ihre Freundin Eva Mühlbauer in Etappen zu Fuß zur Küste Spaniens. Der Jakobsweg führt sie gen Westen ans Meer. Sie starten an einem kalten Tag im Februar bei Eis und Schnee in Hohenburg. Weil Eva nur in den Ferien reisen kann, verbringen sie jahrelang Ostern mit Rucksack und in Wanderschuhen.

"Wir hatten wirklich wunderbare Erlebnisse", erinnert sich Doris Boesen zurück. Solche, die "unbeschreibliche Gefühle" auslösen - auch wenn sie anfangs noch mit einem 14 Kilo schweren Gepäck reisen. "Erst nach und nach haben wir es geschafft, immer weniger mitzunehmen." Man brauche zum Beispiel keinen Fön. Auch keine zweite Jacke, Hausschuhe oder Kleidung aus Baumwolle würden ebenfalls völlig überschätzt. Obwohl: Zwischendrin kaufen sie sich ein Baumwoll-T-Shirt, denn die Funktionskleidung lässt am Ende eines anstrengenden Marsches kuscheliges Tragegefühl ein wenig vermissen. "Das einzige, was ich all die Jahre dabei hatte, war ein kleiner Rosenkranz aus Jerusalem", so die 59-jährige Poppenrichterin.

Es ist Ostersonntag 2009. Sie wollen in dem kleinen Ort Velancogne in Frankreich zur Messe gehen, doch die Kirche ist menschenleer. Es gibt keinen Pfarrer. Es wird trotzdem eines der berührendsten Ostererlebnisse. "Jede von uns hat eine Kerze angezündet und auf den Altar gestellt." Dort lesen sie sich gegenseitig aus der Bibel vor. Am Schluss singen sie "Großer Gott wir loben dich". Allein zu zweit in der heiligen Halle. "Das war eine wunderschöne Atmosphäre und wir waren sehr gerührt." Gestärkt ziehen sie weiter. Ein Jahr später, am 4. April 2010, marschieren sie am Ostersonntag von einer Einöde in Richtung Conques, ein kleines Dorf in der französischen Region Okzitanien. "Da gab es wieder keinen Gottesdienst", sagt Boesen, die gelernte Altenpflegerin, und lacht. Doch ihr Herbergsvater tischt den beiden Damen aus der Oberpfalz ein grandioses Osterfrühstück auf. Bei ihrer anschließenden Wanderung erscheinen ihnen die Farben der Natur besonders intensiv. Sie sehen springende Lämmer auf der Weide, satte grünen Wiesen, "das war Ostern zum spüren", so die 59-Jährige.

Zuhause 25 Grad

Während es am Ostersonntag, 24. April 2011, in Amberg angenehme 25 Grad hat, stapfen die beiden in leichtem Nieselregen und bei zwölf Grad auf einem steinigen Pfad von Atapuerca nach Burgos. Auf der Hochebene Matagranda steht ein einzelnes Kreuz und es gibt einen außergewöhnlichen Blick über das Land. Wieder überrascht sie die Natur: "Plötzlich schafft es ein einzelner Lichtstrahl durch die Wolkenwand und leuchtet nur auf die Stadt Burgos Herrlich."

Action und jede Menge Touristen gibt es 2012. Mittlerweile sind sie auf ihrer Tour in Spanien eingetroffen. Dort gibt es in der Karwoche einen speziellen Brauch, der sich Semana Santa nennt. Es ist eine Prozession, die für die Oberpfälzer Katholikinnen sehr fremd anmutet. Männer in Kutten tragen verschiedene Heiligenfiguren, sie werden begleitet von Trommlern und Musikkapellen. Die Gesichter der Prozessions-Teilnehmer sind mit Spitzhauben völlig verdeckt. Gerade dieser Touristen-Rummel, das rhythmische Trommeln, "das war für uns ein sehr beeindruckendes Erlebnis." Natürlich gibt es noch viele andere Begebenheiten am Wegesrand, Menschen, die den beiden wie Engel erscheinen, weil sie selbstlos unterstützten.

Zu dick zum Pilgern

So zum Beispiel eine "Madame", die für ihre Fahrdienste kein Geld, sondern eine Postkarte aus Deutschland auf Französisch bekommen will. Oder der pilgernde Schotte mit Rock, dessen Geheimnis Doris Boesen ganz unproblematisch entlarven kann. Oder Schwester Raffaela aus einem Kloster in der Schweiz, die ohne Umschweife zugibt, dass sie gerne selbst einmal den Jakobsweg gehen würde, dafür aber viel zu dick ist. Sie schenkt den Damen zum Abschied Zündhölzer mit dem Spruch: "Möge Euch immer ein Licht aufgehen." Später, ganz am Ende der Reise, wird mit diesen Zündhölzern die letzte Kerze in der Kirche Muxía angezündet. Der Ort liegt weit hinter Santiago de Compostela, fernab aller Touristen und ist das wahre Ende der Reise. Außerdem gibt es da noch Kurt, der mit seiner roten Jacke aus allen Pilgern heraussticht und von den "Amberger Mädels" über den Radio Camino - eine Art Jakobsweg-Flurfunk - schon viel gehört hat. Ihre besonnene Art, ihr Zeitmanagement, ihre Ruhe - das alles beeindruckt den Arzt aus Norddeutschland so, dass er sich von seiner Gruppe trennt und den Jakobsweg in seinem Tempo fortsetzt. Auf den letzten Kilometern der insgesamt 2700 trifft das Duo auf Doris' Mann Günter und dessen Freund. Die Männer waren 2006 ausschlaggebend für die Tour der Frauen gewesen. Sie marschieren ebenfalls bis Spanien - allerdings auf dem Küstenweg. Doris und Eva nehmen den Camino Francais durch das Landesinnere. Den Weg zur Kathedrale Santiago de Compostela mit ihrem Mann gemeinsam beschreiten zu können, "war das Highlight für mich". "Da sind Freudentränen geflossen." Über ihre Erlebnisse hat Doris Boesen ein Buch geschrieben. "Das muss ich ja alles irgendwie verarbeiten."

"Bis ans Ende der Welt und weiter ..."Sechs Jahre auf 620 Seiten - Doris Boesen hat sich mit dem Buch "Bis ans Ende der Welt und weiter ..." einen Traum erfüllt. In akribischer Sorgfalt hat sie ihre Erlebnisse auf Reisen notiert. "Ich konnte abends sowieso so schlecht einschlafen. Ich weiß gar nicht warum. Wahrscheinlich musste ich so viel verarbeiten." Nach etwa einem Jahr auf Tour war der Poppenrichterin klar, dass sie über den Fußmarsch und die Erlebnisse zwischen Hohenburg und Muxía (Spanien) ein Buch schreiben möchte. Fast zwei Jahre dauerte es, bis sie damit fertig war. Das Buch hat sie im Selbstverlag herausgebracht. Es kostet 17 Euro und ist über www.epubli.de oder in der Buchhandlung Rupprecht in Amberg zu beziehen (ISBN 978-3-7467-0259-9).


Da sind Freudentränen geflossen.Doris Boesen am Ende der 2700 Kilometer langen Reise zu Fuß
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.