08.03.2017 - 20:00 Uhr

38. Erlanger Universitätstage in Amberg eröffnet Wörter erzählen Geschichten

Eine Vielzahl von Gründen hielt und hält Sprache im Fluss der stetigen Veränderung. Einer der wohl menschlichsten klingt äußerst banal: Faulheit.

"Müssen wir wissen, woher unsere Wörter kommen? Nein, aber es könnte interessant sein." Das war es zum Auftakt der 38. Uni-Tage, die sich heuer "Sprachwelten" zuwenden. Für Prof. Dr. Norbert Oettinger hat das bei Dialekten übliche Verschlucken von Silben oder Schleifen komplizierter Konsonanten-Folgen zu Zischlauten einen Hauptgrund: Faulheit. Bild: Steinbacher
von Michael Zeissner Kontakt Profil

Das ist nicht einfach so dahingesagt. Diese Erkenntnis beansprucht Prof. Dr. Norbert Oettinger für sich. Der namhafte Sprachwissenschaftler eröffnete am Dienstagabend mit seinem Vortrag "Die Sprache der Etymologie: Wo kommen unsere Wörter her?" im Historischen Rathaussaal die 38. Erlanger Universitätstage in Amberg.

Oettinger ist alles andere als ein rechthaberischer Dogmatiker. "Müssen wir wissen, woher unsere Wörter kommen?", fragt er im Begleitheft zu der Vortragsreihe, um gleich zu antworten: "Nein, aber es könnte interessant sein." Genau mit diesem Interesse, dieser Neugierde spielte er förmlich in einem temporeichen Diskurs durch lebende und gestorbene Sprachen, durch ein paar Jahrhunderte bis Jahrtausende, über Kontinente hinweg und im Kielwasser großer geschichtlicher Ereignisse.

Dialekt verknappt

Was Oettinger tendenziell mit seiner Faulheits-These meint, lässt sich von Hiesigen gut an dem Verhältnis von Hochsprache und Dialekt ablesen. Menschen, die zusammenkommen, setzen sich in Bayern "zamm". Kurz und prägnant, jeder versteht es, aus einem dreisilbigen Wort ist ein einsilbiges geworden. In Norddeutschland könnte es mit dieser Formulierung allerdings Verständigungsprobleme geben, Dialekte sind ihrer Natur nach regional begrenzt.

Neue Wörter entstehen

Mit der Hochsprache sieht das anders aus. Ihre Reichweite ist deutlich größer. Zudem ermöglicht sie, völlig neue Wörter entstehen zu lassen. Dennoch verstehen sie auf Anhieb die meisten, die dem entsprechenden Sprachkreis angehören. "Wutbürger" ist für Oettinger so ein Beispiel. Eine genau bestimmbare gesellschaftliche und politische Konstellation hat diesen Begriff hervorgebracht: die Auseinandersetzungen um den Tiefenbahnhof Stuttgart 21. Vergleichbar heftige Bürgerproteste gab es in den 80er-Jahren in der Region wegen der Wackersdorfer WAA, Von "Wutbürgern" war damals jedoch noch nicht die Rede.

Große geschichtliche Ereignisse gehen natürlich auch nicht spurlos an der Sprache vorbei. Napoleon und damit auch das Französische haben Bayern beispielsweise Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts entsprechende Stempel aufgedrückt. Inzwischen werden solche, einst eins zu eins übernommene Wörter - beispielsweise Trottoir - jedoch wieder weitgehend verdrängt oder ersetzt (etwa durch Gehsteig). Deutlich länger halten sich aus unterschiedlichen Sprachen zusammengesetzte, quasi assimilierte Wörter. Besonders, wenn sie in ihren Ursprüngen bis ins Lateinische zurückgehen. Solche über sehr lange Zeit gewachsene Verwandtschaften können jedoch sehr komplizierter Natur sein. Wem kommt schon in den Sinn, was Jetset-Attitüden mit einem rüpeligen Vorzeit-Römer zu tun haben könnten? Laut Oettinger ist es das lateinische Verb "iactare", übersetzt "werfen", "schleudern". Prahlen geht aber auch. (Im Blickpunkt)

Prof. Dr. Norbert Oettinger

Im Jahr 2000 folgte Prof. Dr. Norbert Oettinger dem Ruf der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) auf den Lehrstuhl für Vergleichende Indogermanische Sprachwissenschaft. Seit 2006 ist er Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Eines seiner Spezialgebiete bewegt sich zwischen den Polen der klassischen Philologie und Altorientalistik. Vor diesem Hintergrund machte er - das deutete er auch in seinem Vortrag an - über die Jahrtausende große etymologisch gewachsene Sprachströmungen von Ost nach West und wieder in die Gegenrichtung aus.

Derartige Prozesse sind für Oettinger keineswegs abgeschlossen oder statischer Natur. Seine Betrachtungen sind deshalb stets Momentaufnahmen zu fest definierten Zeitpunkten. (zm)

In der Eigenschaft des Gastgebers der Erlanger Uni-Tage gibt die Stadt als Begrüßungsgeste zum Auftakt jeweils ein Essen in der altehrwürdigen Archivstube des Rathauses. Diese Gelegenheit nutzte am Dienstagabend der neue Präsident der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), Prof. Dr. Ing. Joachim Hornegger, sich in Amberg vorzustellen. Er übernahm am 1. April vergangenen Jahres dieses Amt und sicherte zu, an dieser wissenschaftlichen Vortragsreihe wie gewohnt festhalten zu wollen.

Das Veranstaltungsformat stelle eine adäquate Plattform dar, sich "als Volluniversität" mit einem breit angelegten Lehr- und Forschungsangebot nach außen darzustellen. Im interdisziplinären Ansatz der Uni-Tage spiegle sich dieser Anspruch reizvoll wider, betonte der Präsident. Hornegger ist Informatiker und sieht es unter anderem als seine Aufgabe an, Menschen für die Wissenschaft als spannende Form der menschlichen Erkenntnis in all ihren Facetten zu begeistern. Die Erlanger Uni-Tage in Amberg haben seiner Auffassung nach das Zeug dazu, genau das zu leisten.

Oberbürgermeister Michael Cerny spricht "auch nach 38 Jahren von einer anhaltenden Erfolgsgeschichte" der Universitäts-Tage. Sie würden bereits "lange bevor es die eine Metropolregion gegeben hat" nachhaltig die lebendige Verbundenheit Ambergs mit Erlangen ausdrücken.

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