21.02.2018 - 17:22 Uhr

39. Erlanger Universitätstage eröffnet Die Entblößung der Nachricht

Fakenews gibt es für Johanna Haberer nicht. "Fakenews" sehr wohl. Die Medienethikerin hat gute Gründe, diesen so marginal erscheinenden, aber tiefgründigen Unterschied zu machen: Er zieht die Grenze zwischen wahr und falsch.

Der Auftaktvortrag von Prof. Johanna Haberer hätte kaum besser in das von Prof. Rudolf Freiburg (rechts daneben) für die 39. Erlanger Universitätstage gewählte Thema "Täuschungen" einführen können. Bild: Hartl
von Michael Zeissner Kontakt Profil

Richtig ist, dass die 39. Erlanger Universitätstage seit Dienstagabend eröffnet sind. Sie wenden sich "Täuschungen" zu. Mit ihrem Vortrag ",Fakenews' und ,alternative Fakten' oder die strategische Desinformation" gelang der Professorin für Christliche Publizistik, Johanna Haberer, eine inhaltliche Punktlandung. Verloren gibt die Referentin die offene Informationsgesellschaft noch nicht. Heftig durchgeschüttelt werde sie allerdings schon. Nicht irgendwie, sondern ganz gezielt von genau bestimmbaren Leuten.

Eine geisteswissenschaftliche Annäherung an diese Entwicklung bedeute immer die Beschreibung von Phänomenen, speziell auch neuen Phänomenen, unterstrich die Professorin. Ein Problem sei mithin die Begrifflichkeit. "Fakenews" zum Beispiel. Vor wenigen Jahren existierte dieses Wort im deutschen Sprachgebrauch noch nicht, heute mache sich fast jeder eine Vorstellung davon. Doch welche? Wie wäre es mit "Als-ob-Nachricht"? Eine Information kommt im Gewand und Gestus einer seriösen Information daher, entbehrt aber der zwingend zugrundeliegenden tatsächlichen, nachweisbaren Gegebenheit.

Gezielte Destruktion

Deshalb gibt es für Haberer keine Fakenews als real existierende Nachricht, sondern nur "Fakenews" als gezielt produzierte Desinformation. Für die Medienethikerin ist dieser Prozess "die Erhöhung der Lüge zum Fakt, die Adelung der Lüge durch die Machthaber der Politik". Ein Meister dieser Disziplin sei hinlänglich bekannt. US-Präsident Donald Trump habe diese Begrifflichkeit ebenso wie "alternative Fakten" nur in die Welt setzen lassen, um seriöse Medien zu diskreditieren. Das ist für Haberer gezielte Destruktion, um einen Nutzen daraus zu ziehen.

Möglich würden dieser Prozesse nur vor dem Hintergrund digitaler Technik und der auf ihr basierenden sozialen Netzwerke. Im Einklang mit anderen Wissenschaftlern beschreibt die Theologin deshalb die Digitalisierung der Alltagswelt mit einem ähnlichen Umbruch der gesellschaftlichen und geistesgeschichtlichen Gegebenheiten, wie nach der Erfindung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts. Die Aufklärung und Reformation waren die wohl tiefgreifendste Folge.

Eine Ursache für diese immense Umwälzungskraft sieht die Referentin in uns als "Wahrnehmungs-Höhlenmenschen". Soll heißen: Die sinnlichen, kognitiven und psychischen Mechanismen, wie Menschen Informationen, Nachrichten aufnehmen, funktionieren noch nach ursprünglichen Reiz-Reaktions-Mechanismen. Daraus resultiere letztendlich der ausgeprägte Hang, das als wahrhaftiger anzunehmen, was die bisherigen Erfahrungen und damit auch Meinungen stärke und nicht in Frage stelle. Der individuelle Mensch werde so zum Opportunisten seiner selbst.

Völlig überfrachtet

Die Möglichkeiten der Digitaltechnik und sozialer Netzwerke beschleunige diese selbstbetrügerische Irreführung immer mehr. Heillos überfrachtet mit Wahrnehmungs- und Informationsschnipseln selektiere Rezipient immer mehr nur das, was ihm ins Konzept passe. Damit werde er zur Geisel der Algorithmen der IT-Giganten, die ihn wiederum vordringlich damit versorgen würden. "Richtige Entscheidungen, brauchen richtige Informationen", brach Haberer eine Lanze für seriöse Medien und den aufgeklärten Umgang mit den von ihnen verbreiteten Nachrichten. Es werde aber immer schwerer. Im BlickpunktAngesichts eines voll besetzten Historischen Rathaussaales eröffnete Oberbürgermeister Michael Cerny mit einer doppelten Verneinung des Rahmenthemas "Täuschungen" am Dienstagabend die 39. Erlanger Universitätstage. "Keiner ist enttäuscht, wenn er sieht, wie viel Interesse diese Veranstaltungsreihe nach wie vor hervorruft", wandte er sich an die Zuhörer und Gäste der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU).

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