25.10.2017 - 17:00 Uhr
Oberpfalz

54-Jähriger verkauft Autos, die gar nicht existieren Äußerst undurchsichtige Autogeschäfte

Selten zuvor war die Verwirrung während einer Beweisaufnahme vor dem Landgericht größer. Es ging um merkwürdige Autogeschäfte, bei denen real nicht existierende Fahrzeuge in den Rechnungen standen. Daraus resultierte ein Gesamtschaden in Höhe von 467 000 Euro. Der 54-Jährige auf der Anklagebank, über längere Zeit mit Handlungsvollmacht an einem damals im nördlichen Landkreis ansässig gewesenen Autohandelsunternehmen beteiligt, wollte nach eigenen Angaben seine Firma retten.

Symbolbild: Stefan Puchner/dpa
von Autor HWOProfil

Sie war in akute Schieflage geraten und ist heute in der Insolvenz. Der Mann aus dem Landkreis hatte beste Geschäftskontakte zu einem Berufskollegen, der in Amberg einen Autohandel betreibt. Da Geldtransfers noch offen waren, bot er dem 57-Jährigen zwei sogenannte Fahrzeug-Pakete an. Zunächst mehrere BMW im Wert von 81 000 Euro. Nicht lange danach acht Ford-Limousinen vom Typ Cougar. Sie sollten 191 000 Euro kosten. Diese Autos existierten nicht. Dennoch akzeptierte der Käufer den Deal. Worauf die Frage zirkulierte, warum der Amberger nie fragte, weshalb er diese Fahrzeuge nie auf sein Verkaufsareal geliefert bekam?

Das schien zwischen den Geschäftsfreunden kein größeres Hindernis. Die im besagten Fall tatsächlich gar nicht vorhandenen Limousinen blieben ohne Argwohn des Erwerbers beim Verkäufer. Weil auch dieser ein Verkaufsgelände hatte und sie dort an Kunden hätten veräußert werden können. Es kam hinzu: Der Käufer der zwei Pakete erhielt, gewissermaßen als Sicherheit für das erworbene Eigentum, die amtlichen Zulassungsbescheinigungen (siehe Hintergrund). Zum Schluss blieb der 57-Jährige auf einem Vermögensschaden von 267 000 Euro sitzen und ging zur Polizei. "Ich hätte das schon irgendwie einmal ausgeglichen", hörten die Richter vom Angeklagten.

Es gab noch einen weiteren Amberger Autohändler, der von seinem angeklagten Berufskollegen um 148 000 Euro gebracht wurde. Ebenfalls durch den Verkauf von Autos, die teilweise gefälschte Papiere hatten. Die nun zur Klärung der seltsamen Transaktionen zwischen den einstigen Geschäftspartnern aufgeforderte Strafkammer unter Vorsitz von Roswitha Stöber stellte die weiteren Ermittlungen in diesem zweiten Tatkomplex bis auf die gefälschten Zulassungsbescheinigungen ein. Der Grund: Zum einen erwartete den Angeklagten ohnehin eine längere Haftstrafe und zum anderen hätte es womöglich Wochen gedauert, um die undurchsichtigen Geschäfte restlos aufzuhellen. Der dabei geschädigte Autohändler ist unterdessen, wie auch der Angeklagte selbst, in die Pleite gerutscht.

Bereits im Vorfeld des Prozesses hatten sich Verteidiger Helmut Miek (Sulzbach-Rosenberg), Staatsanwalt Holger Vogl und die Richter auf ein Strafmaß zwischen drei und vier Jahren Haft geeinigt. Dafür musste es ein Geständnis des Angeklagten geben. Er legte es ab und ließ mit Bedauern anklingen: "Ich habe nur unser Unternehmen retten wollen." Der 54-Jährige muss nach dem Urteil der Kammer für drei Jahre und vier Monate wegen Betrugs und Urkundenfälschung hinter Gitter. Er hat unterdessen seinen Wohnsitz nach Berlin verlegt. Ist das nicht ein Bundesland, in dem Täter viel weniger von ihrer Strafe absitzen müssen als in Bayern und schon nach kurzer Zeit die Privilegien eines Freigängers bekommen?

Hintergrund

Beim Versuch, die nebulösen Autogeschäfte aufzuklären, wurde die Strafkammer zwangsläufig auch auf eine Art Reise in die organisierte Kriminalität geschickt. Es stellte sich heraus, dass die Blankoformulare für Zulassungsbescheinigungen aus einem großangelegten Einbruch in die Kfz-Behörde der Stadt Euskirchen im Rheinland stammen. Bei dem Coup waren rund 1000 Einzelstücke in die Hände einer Bande gefallen. Zwischenzeitlich tauchen diese in ganz Europa auf. Professionelle Fälscher geben darin Fahrzeugdaten ein, die auf den ersten Blick durchaus echt erscheinen. Nur durch Datenbanken der Polizei können sie als Fälschung aufgedeckt werden. Der wegen Betrugs auf der Anklagebank sitzende 54-Jährige kaufte diese Falsifikate von jemandem ein, dessen Identität er nicht preisgeben wollte. Denn dann wäre er wohl auf der Verräterliste dieser kriminellen Vereinigung gestanden. Nur soviel ließ der Beschuldigte wissen: 500 Euro zahlte er für jedes gefälschte Dokument. An einen, der kam und sie brachte.

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