"Amberg unter der Erde": mit dem Aufzug in die Pathologie
Zwischen Leben und Tod

Routinierte Mitarbeiterinnen in der Pathologie: Bevor Gewebeproben archiviert werden können, kommen sie in heißes Wachs. Bilder: Huber (2)
 
Obduktionen kommen in der Amberger Pathologie selten vor. Und wenn doch, ist das der Arbeitsplatz der obduzierenden Ärzte.

Der Geruch von Terpentin und Desinfektionsmittel liegt in der Luft. Je weiter es den weißen Flur entlang geht, desto mehr beißt der Geruch in der Nase. Willkommen in der Amberger Pathologie.

So riecht es also an dem Ort, wo Ärzte Leichen aufschneiden und nach der Todesursache suchen. Wie man es eben aus dem sonntäglichen Tatort kennt. Dabei sieht der Alltag im zweiten Untergeschoss des Klinikums St. Marien ganz anders aus. "Hauptsächlich untersuchen wir Gewebeproben", erklärt Dr. Lothar Mandl (58). Mit Dr. Frauke Bataille leitet er die Gemeinschaftspraxis für Pathologie.

Proben, die ihnen Chirurgen, Internisten, Haut- und sogar Zahnärzte schicken. Winzige Partikel aus dem Magen-Darm-Trakt, Abschabungen eines Muttermals oder Brustgewebe - in der Pathologie landet so ziemlich alles. "Wir untersuchen dann, ob sich das Gewebe verändert hat und wenn ja, ob es gut- oder bösartig ist." Zig verschiedenfarbige Tinkturen und Geräte kommen dabei zum Einsatz. Sieht nach einer langen Prozedur aus, ist es aber gar nicht: "Zwischen 40 und 50 Diagnosen stellen wir jeden Tag." Obduzieren müssen Mandl und seine Kollegen nur selten. "Wenn es hoch kommt, haben wir im Jahr höchstens 20 Obduktionen", schätzt der 58-Jährige. Fünf bis zehn davon seien Kinder und Erwachsene, der Rest Föten. Es landet also nicht jeder Verstorbene beim Pathologen - nur, wenn die Todesursache unklar ist. "Wie zum Beispiel nach einem Unfall oder wenn jemand einfach tot umfällt."

Seit über 30 Jahren arbeitet Mandl in der pathologischen Diagnostik. Eine Zeit, in der er über 1000 Obduktionen gesehen und noch mehr selbst gemacht hat. Trotzdem berühren sie ihn immer noch. "Vor allem, wenn es um Kinder geht", gibt er zu.

Manche Fälle graben sich tiefer ins Gedächtnis als andere. An einen erinnert sich Mandl noch genau. Er hatte gerade seine Ausbildung zum Arzt angefangen, als er jemanden obduzieren musste, der an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben war. "Der Körper lag eine ganze Zeit ungekühlt herum und hatte schon angefangen, zu verwesen." Doch wer glaubt, in der Amberger Pathologie geht es zu wie in Krimiserien, den muss Mandl enttäuschen. "Das sind Gerichtsmediziner. Die machen den ganzen Tag nichts anderes. Mit unserer Arbeit hat das nichts zu tun." Ein Bild, dass durch Film und Fernsehen entstehe.

Obwohl er schon alles gesehen hat, was es zu sehen gibt, ist er von der Pathologie immer noch fasziniert. "Sie deckt alle Gebiete der Medizin ab, was bei anderen Bereichen nicht so ist", erklärt er. Sogar mit der Tiermedizin habe er zu tun. Und seine Arbeit hält immer wieder Herausforderungen bereit: "Die Medizin steht nie still. Tumore werden neu klassifiziert, Geräte werden moderner - da muss man sich anpassen." Nicht jede Gewebeprobe, die Mandl untersucht, ist bösartig. Dennoch muss er immer wieder bei junge Frauen Brustkrebs diagnostizieren, bei Kindern Leukämie feststellen oder für einen Familienvater den Befund schreiben, dass der Krebs gestreut hat. "Da wird man sich seiner eigenen Sterblichkeit schon bewusst."
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