07.07.2017 - 18:16 Uhr
Oberpfalz

Amberger Bergfest aus Sicht eines Lehrers vor 170 Jahren Welttheater der Bratwürste

Den Geburtstag des Patenonkels vergessen, die eigene Mutter lästern oder fremdländisches Bier bevorzugen - so etwas wird hierzulande als lässliche Sünde generös verziehen. Aber wehe, jemand zweifelt die selig machende Wirkung eines Bergfestbesuchs an.

von Externer BeitragProfil

Ein solcher Mensch machte sich der impugnatio veritatis agnitae, der Zurückweisung der sicher erkannten Wahrheit - also mithin einer Sünde gegen den Heiligen Geist selbst - schuldig. Wie gut, dass man mit einer Wallfahrt hinauf (und einer Beichte) die Verdammnis abwenden kann. Denn der Berg ist ein gnadenreicher Ort und Kritik am ganzen Treiben rund um die Bergfesttage ein Sakrileg. Der Dreiklang Beten, Bier und Bratwürste gilt jedem wahren Ambürger als leibhaftige Trinität, der beschwerliche Aufstieg ins Elysium Tremens bringt den Himmel näher als sonst zu Lebzeiten möglich.

Der große Bergfestschein

Auch wenn das Beten bei der einen oder dem anderen etwas ins Hintertreffen geraten mag, auch wenn einige Sklaven der Leistungsgesellschaft nur das Absolvieren des Großen Bergfestscheines (an einem Tag in jedem Zelt eine Maß) anpeilen, auch wenn mittlerweile vielfältigste kulinarische Genüsse locken, eines gehört zum Berg irgendwie halt doch zwei Stück weit dazu: die Bratwurst. So erfuhr es auch der Mitte des 19. Jahrhunderts in Amberg tätige Lehrer Josef Zitzelsperger. Vor fast 170 Jahren verewigte der 25-Jährige das Bergfest in seinem Tagebuch.

Ganz glücklich war er offenbar nicht, dass sich das Leben acht Tage lang nur um Bratwürste drehte. Angesichts der immer und immer wieder gestellten Frage, ob man schon oben war und wo man dort die besten Würste finden könne, vergäßen die Amberger "ihr bisschen Politik und das Regensburger Tagblatt, ihr Kühvieh und ihren Dreck". Das "Welttheater der Bratwürste" ließ Zitzelsperger spotten: "Wie erhaben und gemütlich ist's: des Lebens Bratwurstreiz mit Wehmut zu genießen im Schatten dummer Denkungsart, wo Andacht sich mit Bratwurst paart! Dieses Fest hat eine fromme, religiöse Tendenz und darum möchte ich es keinem raten, es in Gegenwart eines Ambergers anzutasten. Aber Bratwürste mit religiöser Tendenz zu essen und in geistlicher Anmutung Bier zu trinken, ist doch unglaublich!"

Laurentius Kollege am Rost

Immerhin dufteten seiner Meinung nach die zischenden Würste einladender als der Hl. Laurentius, der ja auch auf dem Rost gelandet und somit ein Kollege der Eingepellten sei. In einem Buch verzeichneten die Franziskaner, für welch wundertätige Hilfe sich die Gläubigen bedankten. Ob Bewahrung vor Fieber, Genesung nach Unfällen, Schutz im Kriege, Rettung aus Feuer und Wasser - in allen Lebenslagen erkannten die Dankenden das Wirken der Gottesmutter. Auch gegen Zaubersprüche half sie gelegentlich.

Wie weltlich der Charakter des Festes mittlerweile geworden war, zeigte sich in Zeiten des Kulturkampfes. Die (streng katholische) Amberger Volkszeitung vermutete gar, die Liberalen wollten der religiösen Tradition den Garaus machen. Angeblich bemühe man sich, die Franziskaner zu vertreiben und die Wallfahrt wegen Priestermangels auszutrocknen. Die Teilnehmerzahlen der an beinahe allen Tagen gutbesuchten Prozessionen zeigen freilich eine ganz andere Tendenz. 1811 wurden 65 000 Kommunionen ausgeteilt, im Jubiläumsjahr 1834 gar 80 000. Während des Katholikentages 1884 zogen einmal 10 000 Wallfahrer auf den Berg. An heißen Tagen warteten die Anwohner des Mariahilfbergwegs, von Stations- und Stufenweg sehnlich auf die städtischen Sprengwagen, damit der Staub, den Tausende Wallfahrer aufwirbelten, nicht das Atmen unmöglich machte. Zum 300. Jubiläum wurde zwei Wochen lang gefeiert, man zählte insgesamt 250 000 Besucher. Bei der Huldigungsprozession gingen auch SS, SA und die NS-Frauenschaft mit. Das NS-Regime nutzte von Anfang an alle Festivitäten, um sich zu präsentieren und so eben auch das Bergfest. Ab 1960 führte man dort Beschränkungen für den neuen Götzen, das Automobil, ein und sperrte die Bergauffahrt für den Verkehr.

Die Wurstbuben

Dem Tagebucheintrag des Josef Zitzelsperger verdanken wir die Kenntnis einer weithin vergessenen Amberger Tradition: Am Berg verdingten sich einst die Wurstbuben. Für gutbürgerliche Kreise war es offenbar unwürdig, sich selbst um die begehrten Bratwürste zu bemühen. Anstatt sich wie heute geduldig in die Schlangen einzureihen, ließ man sich bedienen: "Die Wurstbuben laufen und rennen mit rotglühenden, rauchigen Gesichtern und schmutzigen Schürzen wie wahnsinnig von Bude zu Bude, um Geschäfte mit den Bratwürsten zu machen oder die Bratwurstbegierden zu befriedigen." Mit Respekt merkte Zitzelsperger an, dass so ein "Institut" nicht einmal in München bekannt sei.

Der Kommerz

Spätestens seit dem 19. Jahrhundert darf man annehmen, dass Speis und Trank am Berg für die Menschen ebenso starke Lockmittel waren wie die religiösen Übungen und der zu erwerbende Ablass. 1875 wies die Kirchenverwaltung die Wirte darauf hin, während der Predigt und der Messe den Ausschank einzustellen. Ansonsten drohe die Kündigung des Platzes. Früher gab es noch einen größeren Markt, auf dem auch Kleider und Tuch verkauft wurden. Die Kirche versuchte immer wieder, der Überkommerzialisierung ein Ende zu bereiten. Besonders das Sortiment wurde beschnitten. 1913 beendete die Verwaltung z.B. den Verkauf von Zigarren und Postkarten mit anstößigen Motiven.

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