Amberger Kinderreporter über ihren Besuch im Geschichtspark Bärnau-Tachov
Wo die Motte keine Flügel hat

Von der Motte aus hat man das Dorf gut im Blick. Der Aufstieg hat sich für die Achtklässler gelohnt! Bilder: hfz
 

Eisig, kalt, verregnet und wenig einladend - das ist unser erster Eindruck des Geschichtsparks Bärnau-Tachov, als wir, die Klasse 8c des Gregor-Mendel-Gymnasiums Amberg, an einem Morgen im Mai bei Nieselregen vor den Pforten des Areals stehen.

Amberg/Bärnau. Jedoch können wir noch nicht ahnen, dass dieser Besuch sich noch zu einem interessanten, einzigartigen Erlebnis entwickeln wird. Schon von Weitem ist hinter dem gezackten, dunklen Zaun das Wahrzeichen des Freilandmuseums zu erkennen, die Turmhügelburg, die vom Personal liebevoll auch die "Motte" genannt wird.

Mit dem Betreten des Parks tauchen wir ein in eine Zeitreise vom noch primitiven Frühmittelalter bis hin zum weiterentwickelten Hochmittelalter, von etwa 800 bis 1200, dargestellt an einem slawischen Dorf. Herr Köstler führt uns durch den Park und bringt uns die Unterschiede und Entwicklungsstufen anschaulich näher. Dabei erklärt er uns auf lebendige Weise, wie die Häuser nachgebaut wurden.

Mühevoller Aufbau

Die Veränderung der Baustile und -techniken der Häuser sind auf einem Rundgang über das riesige Gelände mit seinen 26 Bauwerken gut zu erkennen. Über ein Jahr lang hat es gedauert, die Häuser in mühevoller Arbeit ganz ohne technische Hilfsmittel wie Motorsäge oder Schraubverbindungen durch Ehrenamtliche aufzubauen. Trotzdem waren 3,5 Millionen Euro nötig, um dieses Vorhaben überhaupt auf die Beine zu stellen.

Doch warum die Mühe und wozu dient das Projekt? "Experimentelle Archäologie"- das ist der Fachbegriff für das Fundament des Geschichtsparks und bedeutet so viel wie das zu rekonstruieren, was bei archäologischen Ausgrabungen gefunden wurde, um die damalige Lebensweise nachzuvollziehen. Das gelingt besonders hervorragend in dem Freilichtmuseum, unter anderem auch, weil es Aktivitäten wie Bogenschießen, Speerwerfen oder Brotbacken anbietet. Zudem legt der Park besonders viel Wert auf Authentizität. Beispielsweise wird dort eine sehr alte Schweinerasse gehalten und es werden ausschließlich alte Obstsorten angepflanzt.

Da es bei unserem Besuch ständig nieselt, flüchten wir uns gerne in die rekonstruierten Häuser. Im Inneren ist es gar nicht so ungemütlich, wäre die Feuerstelle in Betrieb, könnten wir uns selbst fast vorstellen, in einem der Häuser zu übernachten. Doch bei unserem Besuch unterscheidet ein Punkt die Reproduktion einer mittelalterlichen Siedlung von einem Dorf vor rund 1000 Jahren eindeutig: Kein Stimmengewirr ist zu hören, kein reges Treiben zu beobachten, kein Geruch von frischgebackenem, handgemachtem Brot liegt in der Luft - kurzum: Das Dorf ist unbewohnt, eine Geisterstadt. An speziellen Wochenenden finden Events statt, an denen der Verein die Situationen bei Krieg und Frieden im Mittelalter oder die Art und Weise, wie die Gebäude damals errichtet wurden, mit authentischen Werkzeugen nachstellt.

Einen Einblick in die Schwierigkeiten, mit denen die Menschen damals kämpfen mussten, bekommen wir aber auch nun hautnah. Ausgerüstet mit Speer und Bogen versuchen wir, die in Höhe möglicher Beutetiere aufgestellten Zielscheiben zu treffen. Beim Bogenschießen zeigen sich durchaus einige von uns recht begabt, mit dem Speer wäre hingegen niemand erfolgreich gewesen. Unser Fazit: Unsere Nahrung selbst zu erlegen wäre unglaublich schwierig, wir wären wahrscheinlich jämmerlich verhungert.

Zum Abschluss erkunden wir noch die Dauerausstellung des Museums und erfahren, dass für die Zukunft noch größere Projekte geplant sind. Das aufwändigste: die Rekonstruktion einer originalen Reisestation Kaiser Karls IV. , wozu vor mehreren Wochen Fördergelder in Höhe von 3,2 Millionen Euro beantragt wurden. Dann das Aufatmen: Der Antrag ist genehmigt worden und das Projekt kann realisiert werden. Es wird ungefähr 15 Jahre bis zur Fertigstellung dauern, jedoch ist dieses Vorhaben einzigartig in Europa. Doch auch ohne ein weiteres Projekt ist der Geschichtspark Bärnau-Tachov jetzt schon die erste Adresse für experimentelle Archäologie in ganz Mitteleuropa.

Einzigartige Erfahrung

Auch wenn der Himmel mit uns an diesem Tag kein Einsehen hatte, Kälte und Nässe waren bald vergessen. Anders als die Menschen im Mittelalter haben wir ja das Glück, für jedes Wetter die passende Kleidung zu besitzen. In Bezug auf das Bogenschießen und Speerwerfen waren uns allerdings unsere Vorfahren meilenweit voraus. Für uns war der Besuch jedenfalls eine einzigartige Erfahrung.

von Tamara Lindner, Meret Fröhner, Evelyn Widiger, Jennifer Bektimirov, Niels Eder und Benedikt Kaiser, Klasse 8c des Gregor-Mendel-Gymnasiums Amberg
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Sabine Ernst aus Schwandorf | 08.07.2017 | 10:40  
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