Ambergerin leidet an seltener Nahrungsmittel-Unverträglichkeit
Hilfeschrei einer Mutmacherin

 
So sieht es im Kühlschrank von Marie-Luise Gimpl aus. Dabei würde sich die 66-Jährige gerne regelmäßig andere Lebensmittel gönnen: "Es geht doch nichts über ein gutes Stück Fleisch oder Wurst." Dass sich viele Menschen derzeit für eine vegane Lebensweise entscheiden, respektiert die Ambergerin. Den Wirbel, der um dieses Thema gemacht wird, kann sie aber nicht nachvollziehen. Bilder: Kosarew (2)

Bis 2012 war die Welt für Marie-Luise Gimpl noch in Ordnung. Die damals 61-Jährige reiste viel, traf sich mit Freunden und gönnte sich Besuche in Restaurants. Doch plötzlich war es vorbei mit der Lebensqualität.

Wer in der Wohnung der am Eisberg lebenden 66-Jährigen nach zuckerhaltigen Getränken, Süßigkeiten, Fleisch, Wurst, Eiern oder Obst Ausschau hält, sucht vergeblich - mit Ausnahme von zwei kleinen Birnen, die neben Ingwer-Stücken und Teebeuteln liegen. Marie-Luise Gimpl hat es schwarz auf weiß: Sie leidet unter einer seltenen Form von Histamin- und Fruktose-Intoleranz, "Alles, was mit Zucker und Zusatzstoffen zu tun hat, geht gar nicht", sagt die Ambergerin, die es sich in ihrer 50-Quadratmeter-Wohnung gemütlich eingerichtet hat. Denn nach draußen geht sie nur noch selten - wenn der Kühlschrank leer ist, zum Beispiel.

Quark, Lauch, Ingwer

Apropos: Quark, Lauch, Ingwer-Wurzeln und ein Stück Käse aus dem Bio-Laden. Mehr ist nicht. Für Marie-Luise Gimpl ist das Alltag, "Wenn es mir gut geht, esse ich oft tagelang nichts." Gesund ist das nicht. Das weiß die 66-Jährige, doch ein großer Teil der üblichen Lebensmittel schadet ihrem Körper. Nimmt die Frau etwas Falsches zu sich, wird sie krank. Dann kann sich nicht mehr bewegen oder leidet unter Dauer-Durchfall. Sie zittert und fühlt sich schlapp. Anfangs hatte sie damit kein großes Problem: "Schön, ich nehme ab. Ohne Diät und ohne Sport. Ich habe mir andere Klamotten gekauft und bin bewundert worden." Als sie merkte, dass Gewichtsverlust und Essverhalten nicht normal sind und sie bei einer Körpergröße von 1,70 Meter auf 56 Kilogramm abgemagert war, ging sie zum Arzt. Doch bis zu einer verlässlichen Diagnose sollte es noch eine Weile dauern. Fünf Hausärzte hätten der Frau nicht helfen können. Denn aus Sicht der Schulmediziner sei sie ohne Befund gewesen.

Ein Mediziner habe Flüssignahrung verschrieben, die alles noch schlimmer gemacht habe, ein anderer habe von Krebs als möglicher Diagnose gesprochen, ein Dritter habe Magersucht in Erwägung gezogen und psychische Probleme vermutet. Das war im Januar 2013. Nur drei Monate später wog Marie-Luise Gimpl nur noch 48 Kilo und bekam es mit der Angst zu tun: "Ich habe mir selbst helfen müssen. Das habe ich auch getan. Sonst würde ich hier nicht mehr sitzen", erzählt die Frau, die sich zu dieser Zeit von Haferflockenbrei und Wasser ernährt hat: "Ich habe für einen Teller zwei Stunden gebraucht, weil ich nach einem Löffel eigentlich schon satt war."

Abgemagert, kraftlos

Abgemagert und kraftlos nahm sie Kontakt zu einer Spezialklinik in Neukirchen beim Heiligen Blut bei Cham auf und ließ sich einweisen. Im September 2013 endlich die Diagnose: Die Psyche funktioniert. Aber: Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten bei Histamin- und Fruktose-Intoleranz. Dazu eine chronisch Entzündung der Bauchspeicheldrüse und eine Störung der Darmflora. Seitdem gibt es bei der Ambergerin Haferflockenbrei, Brot ohne Hefe, ungesüßte Getreidemilch, Zinnkraut- und Stiefmütterchen-Tee oder ab und zu ein Stückchen Birne oder Apfel.

Tomaten, die der 66-Jährigen schon immer sehr geschmeckt haben und auch gesund wären, gehören der Vergangenheit an: "Wenn ich nur ein Stück esse, brauche ich danach gar nicht mehr irgendwo hingehen." Regelmäßig belohnt sich die Frau, die seit zwei Jahren Großmutter ist, selbst: Dann gibt es ihren Lieblingskäse, von dem im Fachhandel 200 Gramm sieben Euro kosten. Diesen Luxus gönnt sich Marie-Luise Gimpl. Auch alle anderen Lebensmittel, die für sie geeignet sind, zum Beispiel Kamut-Nudeln aus Khorasan-Weizen, gibt es nicht unbedingt im Discounter: "Ich habe keine Schickedanz-Rente, aber dann kaufe ich mir halt ein T-Shirt weniger. Ich spare nicht mehr beim Essen, ich bin eh schon so eingeschränkt."

Das Reisen in ferne Länder hat die Ambergerin aufgegeben: "Wegen dem Essen. Egal, wo du bist, es gibt nichts mehr ohne Zusatzstoffe." Nicht einmal die Erdbeeren, die ihr eine Nachbarin guten Willens geschenkt hat, kann Gimpl essen: "Ich habe die leider wegschmeißen müssen." Ein Stück Lebensqualität hat die Frau, die ihr Gewicht stabilisiert hat, dennoch für sich zurückgewonnen: "Ich lese viel. Vor allem über das Mittelalter." Und auch kleinere Touren sind möglich. Im Bayerischen Wald hat Marie-Luise Gimpl ein Hotel gefunden, deren Küchenchef die Probleme der Ambergerin kennt und gezielt für sie kocht: "Ich habe das im Griff. So gesehen lebe ich sehr hochwertig." An einem Leben teilzuhaben, das die große Mehrheit für normal hält, ist für die 66-Jährige dennoch nicht möglich. Aktuelles Beispiel Bergfest: "Da gehe ich nicht hin? Was sollte ich da auch essen?"

Suche nach Arzt

Marie-Luise Gimpl hat sich mit ihrem neuen Leben arrangiert: "Anders geht es nicht." Doch sie fühlt sich immer noch alleingelassen, weil viele Menschen meinen, ihr Gutes zu tun, wenn sie sie auf ihre Figur ansprechen: "Du bis so schön schlank. Du kannst die schönsten Kleider tragen. Das ist als Kompliment gemeint, erreicht aber das Gegenteil." Denn in diesen Momenten wird die Frau wieder an ihre Krankheit erinnert. Doch dabei ist sie trotz aller Fortschritte auf Unterstützung angewiesen. Die Geschichte ist die einer Mutmacherin, aber auch ein Hilfeschrei: "Ich suche einen Arzt, der mir helfen kann. Der bestimmte Blutuntersuchungen macht. Mehr will ich nicht."

Histamin-IntoleranzHistamin ist ein Naturstoff, der im menschlichen oder tierischen Organismus vorhanden und auch im Pflanzenreich und in Bakterien weit verbreitet ist. Beim Menschen spielt Histamin eine zentrale Rolle bei allergischen Reaktionen und ist am Immunsystem beteiligt. Er wird mit der Nahrung aufgenommen und kann Probleme verursachen: Hautauschlag, Durchfall, Übelkeit und viele andere Symptome. Ursache der Intoleranz ist ein Mangel beziehungsweise ein Ungleichgewicht der Enzyme, die das Histamin abbauen. Enzyme steuern oder beeinflussen chemische Vorgänge im Körper. (tk)
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