27.12.2017 - 15:04 Uhr
Oberpfalz

An Eltern, Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen: Offener Brief der Kinderärzte Nördliche Oberpfalz

Am 29.11.2017 berichtete der Neue Tag über das Problem, dass viele Eltern schon seit Längerem kaum Termine bei Kinder- und Jugendärzten bekommen würden. Es ist die Rede von Aufnahmestopps in den meisten Praxen, sodass oft keine neuen Patienten aufgenommen werden könnten.

von Redaktion OnetzProfil

Eng wird es vor allem bei der Vorsorgeuntersuchung U3, da hierfür nur ein sehr begrenzter Zeitraum von etwa 4 Wochen zur Verfügung steht und die meisten Kinderarztpraxen zumindest mit Vorsorgeterminen bis zu 3 Monate ausgebucht sind.

Laut Kassenärztlicher Vereinigung (KVB) würden allein in Weiden 10 Kinderärzte praktizieren, was vollkommen an der Realität vorbeigeht. Für die niedergelassene kinderärztliche Versorgung stehen genau 5,5 Sitze zur Verfügung. Bei solchen Fehlberechnungen kommt man natürlich schnell auf eine angebliche Überversorgung von 122,5 Prozent. Sollte dieser Wert auch nur ansatzweise stimmen, muss man sich fragen, warum die Praxen so überfüllt und überlastet sind.

Die Berechnungen der KVB sind etwa 20 Jahre alt und somit längst überholt. Das Aufgabenspektrum hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten enorm gewandelt. Wurden bei Kindern und Jugendlichen früher 6 Vorsorgen durchgeführt, sind es heute von der U1 bis zur J2 14 Termine, auch die Zahl der Impfungen hat sich mehr als verdoppelt.

Wir müssen uns viel mehr als früher mit äußerst zeitaufwändigen Patienten beschäftigen, die unter psychischen und psychiatrischen Störungen leiden. Ca. 30% aller Kinder in Deutschland weisen Entwicklungsauffälligkeiten unterschiedlicher Art auf. Nicht jedes 4- jährige Kind, das den Stift nicht richtig hält, auf einem Bein nicht hüpfen kann oder die deutsche Sprache noch nicht perfekt beherrscht, ist zu therapieren. Und nicht alle Schüchternen sind auffällig und auch nicht alle Lebhaften. Probleme im Kindergarten und in der Schule haben sehr oft keinen krankhaften Hintergrund und ohne Krankheit brauchen die Kinder auch keine Therapie. Nicht jede Fehlentwicklung bei sicherlich manchmal nicht einfachen Familienverhältnissen und Rahmenbedingungen dürfen auf die Allgemeinheit abgewälzt werden, ein bisschen Eigenverantwortung darf gefordert werden.

Machen wir doch die armen Kinder nicht kränker und entwicklungsgestörter als sie wirklich sind, sonst haben wir statt 30% bald 60-70% auffällige Kinder. Kürzlich sagte ein zu testendes Kind ängstlich zu seiner Mutter: „Mama, was habe ich denn jetzt schon wieder verkehrt gemacht?“ Unnötige Therapien können auch krank machen und am Selbstbewusstsein unseres Nachwuchses erheblich kratzen.

Es kostet uns viel Zeit, von allen möglichen Seiten verunsicherte Eltern aufzuklären, dass Vitamin D und Fluor im Säuglingsalter weder ungesund noch Ursache für Blähungen sind, dass Impfungen enorm wichtig sind und lebensrettend sein können, dass nicht jeder Säugling mit einer Lieblingsseite sofort zum Therapeuten muss. Hier sollte ein größerer Konsens aller medizinisch und beratend Tätigen bestehen.
Ein großes Ärgernis ist die enorme Zunahme von Kindertageseinrichtungen geforderten Bescheinigungen, dass Kinder gesund seien und bedenkenlos diese besuchen dürften. Es kommt vor, dass an bestimmten Tagen ein Dutzend vollkommen gesunde Kinder in einer Praxis aufkreuzen, nur weil irgendwo am Körper eine minimale Rötung zu sehen ist oder ein etwas weicherer Stuhl abgesetzt wurde. Solche unnötigen Arztbesuche rauben Zeit und kranke Kinder und Vorsorgeuntersuchungen müssen abgewiesen werden.

Nach Infektionsschutzgesetz sind z.B. weder für Läuse noch Scharlach noch Magen-Darm-Infektionen noch irgendeinem Luftwegsinfekt Wiederzulassungsbescheinigungen nötig und dürfen eigentlich nicht gefordert werden. Diese Bescheinigungen können nicht kostenlos ausgestellt werden und kinderreiche Familien werden dadurch unnötig finanziell belastet. Bei den Bedarfsberechnungen der KVB wird auch nicht berücksichtigt, dass im Gegensatz zu früher viele kleine Kinder zwischen 6 Monaten und 3 Jahren Krippen besuchen und diese sehr kleinen, infektanfälligen Patienten überdurchschnittlich häufig an oft langwierigen, wiederkehrenden Infektionen leiden. 10-12 Arztbesuche im Quartal sind keine Seltenheit, sodass gerade auch in dieser Altersgruppe ein erheblich gestiegener Versorgungsbedarf besteht.

Und entgegen allen Beteuerungen wird das lästige Drumherum immer mehr, wir dokumentieren uns noch zu Tode. Reichte es früher, nur auffällige Befunde festzuhalten, muss heute aus juristischer Sicht jeglicher Normalbefund auch niedergeschrieben sein.

Uns allen ist bewusst, dass sich die aktuell unzureichende Versorgungssituation nicht von heute auf morgen verbessern wird. Zur Lösung der Probleme muss eine aktualisierte Neuberechnung erfolgen und es sollte das Selbstverständlichste erlaubt werden, wenn die Arbeit zu viel wird: Noch Jemanden einstellen! Doch das ist uns berufsrechtlich nicht erlaubt, dies würde von den Krankenkassen und der KVB nicht bezahlt werden, die Praxen sind budgetiert. Werden durch Anstellung eines Praxisassistenten die sogenannten Punktzahlobergrenzen überschritten, drohen erhebliche Honorarrückforderungen, obwohl Leistungen korrekt erbracht wurden.
Erwähnenswert ist natürlich auch, dass in den letzten Jahren einige Landarztpraxen nicht mehr besetzt wurden, wo uns Hausärzte oftmals viel Arbeit abgenommen haben und wertvolle Dienste geleistet haben.

So möchten wir an alle appellieren, uns nicht zu sehr mit Unnötigem zu überladen, sodass wir Ressourcen haben für Kinder, die noch gar nicht auf der Welt sind und denen wir nur das Allerbeste wünschen. Denn die physische Gesundheit und das psychische Wohlergehen Ihrer Kinder liegt sehr in unserem Interesse.
Dres. Meike Hofmann, Mitterteich
Bernd Seybold, Waldsassen
German Tretter, Altenstadt
Judith Aderbauer, Weiden
Egbert Leonhardt, Weiden
Frank Scharnowski-Fischer, Weiden
Claudia Lauterbach, Weiden
Roland Renz, Weiden

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