Auftakt der Schultheatertage
Diese Leiche ist kein Stimmungskiller

Programmchef Harry Hagen ist tot. Im Sender Tele 1 bricht deswegen aber noch lange keine Trauer aus. (Foto: Huber)

Wer denkt, sein Chef hätte einige unangenehme Seiten, kennt Harry Hagen noch nicht. Wenn der Programmleiter des qualitätsfreien Privatsenders Tele 1 die 10-Uhr-Konferenz leitet, vergeht keine Minute ohne fiese Tiefschläge, anzügliche Kommentare und widerliche Bösartigkeiten.

Von Christoph Schulz

Seine vernichtenden Bemerkungen bekommt an den Decker-Schulen zum Auftakt der Schultheatertage nicht nur die Praktikantin (Sybille Krestel) ab. Die Redakteurin (Julia Bäuml), die Nachrichtensprecherin und die beiden Reporter werden allesamt Zielscheibe des grenzenlosen Spotts eines echten Ekels. Zwei wunderbare Videoeinspielungen zeigen dabei, dass Harry Hagen durchaus Grund zu Kritik hat. Das Team lässt im Sportfernsehen den Trainer (Sarah Dimpfl) zum Beispiel fünf Minuten ungeschnitten existentialistische Philosophie zum Besten geben. Und wer auch im siebten Anlauf Tadschikistan nicht über die Lippen bringt, wie die von Theresa Flierl gespielte Sprecherin, ist vor dem Teleprompter fehl am Platz. Lena Gimpl verkörpert den fiesen Harry, der alles der Quote unterordnet. In den wenigen Minuten, die ihm auf der Bühne beschieden sind. Denn schon in der ersten Szene stirbt der Chef - für den Giftmord gibt es jede Menge Motive. Alle sind verdächtig.

Aber bevor die Kommissarin die Ermittlungen aufnehmen kann, wird erst der Tote untersucht und weggeschafft - natürlich bei laufender Kamera, denn so ein Mord könnte doch die Quote mal so richtig pushen. Sabrina Wittmann als Gerichtsmedizinerin, Magdalena Neidl als Kriminaltechnikerin und Sophie Wittmann als Sanitäterin sorgen dafür, dass die Leiche kein Stimmungskiller wird. Poschmann, der jung-dynamische Reporter, bringt dann die Ermittlungen ins Rollen. Mit den Tricks des Schmuddeljournalismus ist er oft der Polizei ein paar Schritte voraus. Eluisa Uzana, ganz kurzfristig eingesprungen, macht das sehr routiniert. Die grippekranke Erstbesetzung (Annalena Vogel) durften die Zuschauer immerhin in einer der Videoeinspielungen genießen. Der Kontrast ist das Reporter-Urgestein Rudi Hoppe. Johanna Hoffmann zeigt überzeugend einen verwirrten Alten, der wohl noch nie auf der Höhe der Zeit war und jetzt eine Lachnummer ist.

Mit dem Auftritt der Polizei erreicht die Kunst des Pointen-Servierens ihren Höhepunkt. In vielen kleinen Szenen spielen sich Anne Winter als Wachtmeister Schär und Clara Dressler als Kommissarin mit präzisem Timing die Bälle zu: Der Wachtmeister ist immer nahe dran am Geschehen und vor allem an den weiblichen Zeugen und Verdächtigen. Die Kommissarin ist super unterkühlt, immer Herrin der Lage und hat eine spitze Zunge: "Die schicken Damen sind jetzt draußen. Sie müssen den Bauch nicht mehr einziehen." Damit die Zuschauer angesichts der Vielzahl der Mordmotive nicht den Überblick verlieren, geleitet die Putzfrau durch das Stück. Laura Brugger brilliert mit genial verworrenem italienisch-deutschem Kauderwelsch.

So war diese Mordsgeschichte ein sehr vergnüglicher Theaterabend. Die Lichtregie hatte Madeleine Höreth. Spielleiter Peter Ringeisen war als Pressesprecher der Polizei selbst auf der Bühne zu sehen.

Übrigens: Die Putzfrau war die Mörderin. Harry Hagen hatte durch widerliche Berichterstattung erst ihre Karriere und dann das Leben ihrer Tochter ruiniert. Da allerdings die Beweislage dünn ist und die Redaktion in ungeahnter Einigkeit Zeugenaussagen verweigert, kommt es gar nicht erst zu einer Anklage.
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