Beide restaurierte Sandsteinfiguren auf Basilika zurück - doch wer ist die zweite?
Hängt Jesus am Martinsturm?

570 Kilo wiegt allein St. Martin, der nach seiner Restaurierung mit einem Flaschenzug und von vier Leuten an seinem alten Platz an der südöstlichen Turmseite auf einem Sockel und per Haken wieder befestigt wurde. Ebenso wurde die gleichermaßen sanierte und etwa genauso schwere Figur an der gegenüberliegenden Ecke zum Marktplatz hin angebracht. Bei ihr stellt sich die Frage: Ist es Jesus oder St. Sebastian? Bilder: Beer (2)
 

Über die kupferrot glänzende neue Kuppel am Martinsturm haben die Amberger 2015 voll gestaunt. Noch größere Augen werden sie machen, wenn der Rest der Bauplane fällt und das Wahrzeichen in viel hellerem Ton erstrahlt. Wobei natürlich keine Farbe angebracht, aber der Sandstein deutlich aufgefrischt wurde. Und einen dritten Grund zum Schauen und Staunen wird es geben.

Er liegt eigentlich an prominenter Stelle, ist aber selbst eingefleischten Ambergern in der Vergangenheit nicht wirklich aufgefallen. An der Außenseite des Martinsturms etwa auf Höhe des Dachfirsts sind zwei 2,20 Meter große Figuren befestigt, die heuer ebenfalls saniert wurden. Über den heiligen Martin und seine Rückkehr an die Südostseite hat die AZ vergangene Woche im Zusammenhang mit der Renovierung der Turmuhr schon berichtet. Aber es gibt eine zweite Skulptur, die komplementär an der Nordecke angebracht und vom Marktplatz aus noch besser sichtbar ist.

Oder ist es St. Sebastian?

An ihr scheiden sich zwar nicht die Geister, aber immerhin gibt es zwei Interpretationsmöglichkeiten: Es könnte sich entweder um ein Abbild des gekreuzigten Jesus (vom Kruzifix abgenommen) oder um den heiligen Sebastian handeln. Er wird als Märtyrer meist ähnlich leidend an einen Pfahl gebunden und von Pfeilen durchbohrt dargestellt. Diese Details sind an der teilweise zerbrochenen Sandsteinfigur - sie hat zum Beispiel keine Arme mehr - nicht mehr zu erkennen, was ihre "Einordnung" etwas schwierig macht.

In einer vom Künstler nachempfundenen Verletzung an der rechten Rippenseite könnte einst ein (inzwischen abgebrochener) Pfeil gesteckt haben. Oder aber es ist die typische Lanzenwunde Jesu, aus der Blut und Wasser floss und die zu jeder Kreuzigungsdarstellung des Heilands gehört. Darauf wies vergangene Woche bei einer Besichtigung am Turm St. Martins Stadtpfarrer Franz Meiler hin. Er glaubt außerdem, in den längeren Haaren, die ebenfalls typisch eher zur Christus passen würden, eine Dornenkrone zu erkennen.

Meiler glaubt, Beer beweist

Aber Franz Meiler insistiert das nicht, er kann der Version mit dem heiligen Sebastian ebenso etwas abgewinnen. Zumal Kirchenpfleger Josef Beer sagt, dafür Belege gefunden zu haben. In einem Sonderband des "Eisengau" über die Basilika ist zum Beispiel eindeutig vom Märtyrer, der einst römischer Hauptmann war, die Rede. Und nicht nur das: Darin, sowie in Überlieferungen aus der Vergangenheit, wird ferner von zwei weiteren Figuren berichtet. Ebenso von der Tatsache, dass damit einst vier Heilige alle vier Ecken des Martinsturms zierten. Auch daraus lässt sich nach Ansicht von Josef Beer ableiten, dass es sich an der Nordostecke um St. Sebastian handeln muss. Denn die Steinfiguren - einstmals alle auf gleicher Höhe an den vier Turmecken angebracht - stellten einstmals neben Martin die Verbindung zu weiteren Kirchen in Amberg her: Da gab es zum Beispiel an den zwei Westecken die Heilige Katharina und St. Georg. Beide haben bekanntlich eigene Gotteshäuser - mit die ältesten - in der Vilsstadt.

Deshalb ist es für Josef Beer nur logisch, dass außer dem direkt zur Basilika gehörenden St. Martin die vierte Figur im Bunde Sebastian sein muss. Denn auch die ihm geweihte Kirche beziehungsweise ihr Vorgängerbau im gleichnamigen Stadtviertel existierte schon im 15. Jahrhundert. Also zu der Zeit, als der Bau der Martinskirche begonnen wurde, wiewohl sie wahrscheinlich erst später mit den Figuren verschönert wurde.

5000 Euro für beide Figuren

Aber egal, ob Sebastian oder Jesus - genauso wie der 570 Kilo schwere Patron der Kirche ist die zweite Figur nun restauriert worden. Mehr als 5000 Euro muss die Pfarrei für beide Arbeiten an die Fachfirma Bauer-Bornemann zahlen, die auch die Turmsanierung macht. Allein das zeigt, wie wertvoll dem Kirchenvorstand und Franz Meiler neben ihrem lieben Martin auch - oder gerade - Jesus beziehungsweise St. Sebastian sind. (Hintergrund)

Katharina stürzt in Vils - wo ist Georg?

Amberg. (ath) Nicht selten gibt die Geschichte Rätsel auf. Im Fall der Basilika St. Martin stellt sich nicht nur die Frage, ob die nun aufwendig restaurierte Sandsteinfigur an der nordöstlichen Turmecke Jesus oder St. Sebastian ist. Ebenso unbeantwortet bleibt, wohin der heilige Georg verschwunden ist, der einst samt Drache an der nordwestlichen Turmseite hing. Nach ihm hat St. Martins Kirchenpfleger Josef Beer intensiv gefahndet, musste am Ende aber seine Suche einstellen. Weder das Stadt- und das Staatsarchiv in Amberg noch das Bischöfliche Zentralarchiv in Regensburg hatten darüber aussagekräftige Unterlagen.

Fündig wurde Beer nur zur vierten Sandsteinfigur, die einst an der südwestlichen Ecke in etwa 40 Metern Höhe den Martinsturm zierte. Hier war die Heilige Katharina angebracht, deren Verankerung im Laufe der Jahrhunderte offenbar den Geist aufgegeben hat. Auf durchaus dramatische Weise: Die überlebensgroße Figur verlor 1906 oder 1907 endgültig den Halt. Sie stürzte ab und zerschellte in der darunter fließenden Vils, berichtet Josef Beer.

Dabei verhehlt der Amberger trotz aller Tragik fürs Denkmal nicht, dass die gut 500 Kilogramm schwere Katharina "glücklicherweise" auf der Flussseite hing und in die Vils krachte. Dort waren ja keine Menschen unterwegs, was auf der östlichen Seite vor allem zum Marktplatz oder auch zum Ölberg hin schon anders aussehen hätte können.

So betrachtet, hätte auch St. Georg keinen Schaden angerichtet, wenn er ebenfalls den "Absprung" gemacht haben sollte. Ist dem so, dann wissen wir leider wieder nicht, ob er vor oder nach Katharina abstürzte - ihr gewissermaßen hinterhersprang.

Aber darüber wollen wir nicht frotzeln. - Schließlich reden wir von Heiligen, die erstens schon lange tot waren und zweitens nie einen Grund zum Suizid in der Amberger Vils gehabt hätten.
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