Bildforensiker untersucht Fotos und Videos auf Manipulationen
Plötzlich spricht Trump mit Merkels Gesicht

Christian Riess von der Alexander-Friedrich-Universität Erlangen-Nürnberg ist einer von weltweit 60 Bildforensikern. Er untersucht Bilder und Videos, ob sie manipuliert sein könnten. Bild: Steinbacher

Echt oder Fälschung? Zum Abschluss der 39. Erlanger Uni-Tage ging es um Manipulationen von Bildern und Videos. Neue Brisanz erhalten die Veränderungen von Fotos vor allem wegen der Fake-News-Debatte. Doch die Anfänge gehen noch viel weiter zurück.

Ein Mann, der seinen Kopf bis zum Rücken drehen kann? Das muss doch eine Fälschung sein. Gleich zu Beginn seines Vortrags hat der promovierte Bildforensiker Christian Riess von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg die Zuhörer im großen Rathaussaal zum Staunen gebracht. "Natürlich denkt man bei diesem Foto: Da geht es nicht mit rechten Dingen zu." Doch Überraschung: Martin Emmerling - 1885 in Nürnberg geboren - war ein medizinischer Sonderfall. Sein Talent, das Haupt um 180 Grad zu drehen, ließ ihn zum Star eines Kuriositätenkabinetts werden.

Bekannt sind Bildfälschungen auch aus der großen Politik: Riess zeigte den Anwesenden eine Montage von 1930 mit dem Diktator Josef Stalin. "Ein Herr, der in Ungnade gefallen war, wurde auf dem Foto einfach wegretuschiert." Und schwups ist neben dem Sowjet-Chef nur noch das Meer zu sehen. "Grundsätzlich ist die Manipulation von Bildern so alt wie die Geschichte der Fotografie", erklärte Riess.

Gefahren aus Politik

Das Thema Bildfälschungen erhält natürlich durch das Digitalzeitalter neue Brisanz. Nicht nur aufgrund der Fake-News-Debatte oder des schnellen Verbreitens von (manipulierten) Fotos durch soziale Medien wie Facebook sind immer mehr Menschen skeptisch, was sie sehen. Das birgt auch politisches Gefahrenpotenzial, sagt der Experte. "Bildforensiker sehen ein reales Risiko, dass staatliche Akteure Manipulationen für ihre Zwecke nutzen - solange sie ausreichend finanzielle Mittel haben." Die Betrachter müssten sich auf die klassischen Medien verlassen und vor allem den Kopf einsetzen, um zu überprüfen, ob ein Bild echt oder gefälscht ist. Es sollten stets Fragen im Mittelpunkt stehen wie: "Wer verbreitet das Foto beziehungsweise Bild? Wer könnte davon profitieren? Passt die Handlung zum Ort? Stimmen Lichteinfall und Vegetation?"

Dann legte Riess eine sogenannte Copy-Move-Fälschung vor. Darin ist innerhalb eines Bildes ein bestimmter Bereich kopiert und wieder eingesetzt. Als im Jahr 2008 der Iran eine Raketen-Serie starten ließ, zündete ein Geschoss nicht. Kurzerhand kopierten die Iraner ein Bildelement. Die vermeintlich erfolgreiche dokumentierte Zündung gaben sie dann an die Presse. "Analoge Fotos zu verändern war früher sehr schwer. Heute ist das mit den zahlreichen Bildbearbeitungsprogrammen, die viele am Heimcomputer haben, einfacher."

"The Matrix" als Anfang

Noch deutlicher wird diese Entwicklung in der Videoverarbeitung: Ein Quantensprung sei demnach der Kinohit "The Matrix" aus dem Jahr 1999 gewesen. In einer ikonischen Szene auf dem Dach lässt sich der Hauptdarsteller Keanu Reeves nach hinten fallen, um dem Kugelhagel seines Gegners zu entgehen. Die Kamera dreht sich dabei um den Darsteller, die Kugeln gleiten in Zeitlupe an ihm vorbei. "Das war ein sehr spektakulärer Trick, der viel Aufsehen erregt hat", sagte Riess.



In einem Studio mit grünen Wänden und unzähligen Kameras sei die Szene entstanden. Der Hintergrund wurde anschließend wieder hinzugefügt.

Nur zwei Jahre später sei dieser Fortschritt beim Super Bowl (Finale der American-Football-Profiliga) getoppt worden. "Wieder wurden zahlreiche Kameras entlang des Spielfelds installiert." Das Match sei so aus vielen Perspektiven zu sehen gewesen. "Der Effekt war nicht neu, aber in Echtzeit." Noch ein Jahr später machte die hässliche Kreatur Gollum aus "Der Herr der Ringe" Schlagzeilen in der Branche: Ein echter Schauspieler gab die Gesten, Mimik und Bewegungen für die digitale Figur vor. Aufgezeichnet hatten das wieder dutzende Kameras.

Trend: Deepfake-App

Der neueste Trend ist eine Deepfake-App: Dabei kann zum Beispiel der US-amerikanische Präsident Donald Trump in die Gestalt von Bundeskanzlerin Angela Merkel schlüpfen. Oder Schauspieler Nicolas Cage ist plötzlich in einem Superman-Film zu sehen. Konkret wird dabei eine 3-D-Ansicht eines Gesichts errechnet, die Informationen auf das andere Gesicht übertragen und das Video neu gerendert. "Im Prinzip wird nur die Geometrie verändert", erklärte Riess. Für den Zweck der Unterhaltung sei das in Ordnung. "Dennoch lässt sich mit solcher Technik leicht Unfug anstellen." Vom aktuellen Stand her sei schon enorm viel möglich. "Ein Hindernis ist bislang das Geld. Doch auch diese Schranke kann fallen."

Riess ist einer von rund 60 Bildforensikern weltweit, die versuchen, Manipulationen in Fotos und Videos zu entlarven. Dafür haben sie mathematische und statistische Hilfsmittel und Methoden entwickelt. Klar ist aber auch: "Wir reagieren nur auf Entwicklungen." Es werde auch in Zukunft kein Softwarepaket - ähnlich einem Virenscanner - geben, das automatisch Manipulationen erkennt. So gilt weiterhin der einfach Grundsatz: "Das Gehirn einschalten und logisch denken."
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