22.04.2018 - 12:40 Uhr
Oberpfalz

BLLV fordert beim Oberpfälzer Lehrertag mehr Zeit, Geld und Personal für Schulen Beziehung wichtiger als Digitalisierung

Die Digitalisierung ist in aller Munde. Auch in den Schulen ist sie ein Riesenthema. Doch was brauchen Schüler und Lehrer wirklich? Antwort: Eine Beziehung, damit Lehren und Lernen gelingen kann. Davon ist der BLLV überzeugt und setzt deshalb bei seinem Oberpfälzer Lehrertag voll auf dieses Ziel und nicht aufs allgegenwärtige Digitale.

"Dass Kinder in der Früh Lehrer zum Mitsingen bringen, habe ich noch nicht erlebt", schwärmt BLLV-Bezirkschefin Ursula Schroll über den Chor der Albert-Schweitzer-Grundschule mit seiner Lehrerin Caroline Pirzer (links), der nicht nur mit seinen Stäben zeigt, wie bunt und fröhlich er ist. Bilder: Hartl (2)
von Thomas Amann Kontakt Profil

Das ist für Ursula Schroll, die Bezirksvorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), das "Schlüsselthema von guter Schule, gutem Unterricht und guten Lehrkräften". Denn in den Klassenzimmern sitzen häufig Kinder mit schwierigen Lebensumständen und Problemen. Das reicht laut Schroll vom getrennten Elternhaus und sonstigen familiären Belastungen über Schulangst und Überforderung bis hin zu Ausgrenzung und Mobbing.

Nützt es solchen Schülern, "wenn sie in einer Tabletklasse sitzen oder wenn ihre Lehrer ganz viel mit digitalen Medien arbeiten?", fragte die Bezirksvorsitzende kritisch, um selbst die Antwort zu geben. Solche Kinder "brauchen jemanden, der sich um sie kümmert" - mit Ansprache, Fürsorge, Zuwendung, Beziehung -, "der Zeit für sie hat". Ihre Lehrer aber würden zerrieben zwischen unzulänglichen Bedingungen, die Schroll so beschrieb: "Ständiger Personalmangel, Mehrarbeit, Vertretungen, unzählige Aktionen und Projekte, ständige Hektik, nicht zu Ende gedachte Reformen, schwierige Bedingungen im Ganztag, wenig Unterstützung bei Inklusion und Integration, eine Vielzahl von höchst unterschiedlichen Kindern mit höchst unterschiedlichem Förderbedarf, das Gefühl, alleingelassen zu sein."

Die Bezirkschefin forderte im Namen ihres Verbandes "vernünftige Rahmenbedingungen, Unterstützung durch professionelle Teams an der Schule, vernünftige Klassen- und Gruppenstärken, ordentlich ausgestattete Klassenräume - natürlich auch mit digitalen Medien -, die Möglichkeit des kollegialen Austauschs und der Kooperation". Neben Motivation und Anerkennung bräuchten Lehrkräfte vor allem Zeit für Unterricht, Bildung und Beziehungsarbeit. Das funktioniere nur mit genügend und qualifiziertem Personal. Schroll blieb dabei: "Das Wichtigste im Klassenzimmer ist der Mensch. Mensch vor Maschine, vor Technik, Mensch im Mittelpunkt." Deshalb ging es dem BLLV auch ums Thema Gesundheit (Hintergrund).

Hintergrund

Kinder verstehen, erreichen und motivieren: Wenn Lehrer das schaffen, stärken sie nicht nur ihre Beziehungskompetenz, sondern schützen dadurch auch ihre Gesundheit. Das machte ein Hirnforscher aus Berlin deutlich, der als Autor mehrerer Sachbücher bekannt ist und das Hauptreferat hielt. Prof. Dr. Joachim Bauer setzte beim Elternhaus an, wo Motivation oft als pures Verwöhnen falsch verstanden werde. An erster Stelle müsse stehen, sich mit den Kindern auseinanderzusetzen, auch kritisch, "aber im Grundton der Wärme und Liebe".

Das führe zu Motivation, die im Gehirn neurologisch nachweisbar ist. Wer "gesehen wird", Akzeptanz und Freundlichkeit erfährt, entwickelt laut Bauer körpereigene Botenstoffe (Dopamin), die Lebensfreude und Anstrengungsbereitschaft auslösten. Das müsse daheim beginnen, denn wenn es hier schon keine positive Motivation gibt, würden Angst- und Stresssysteme aktiv oder die Kinder glitten ab in Ersatzdrogen wie Süßigkeiten oder andere suchtrelevante Produkte, auch die Bildschirmsucht ("digitales Gesehenwerden") zähle dazu.

Wenn Kinder Bezugspersonen jedoch häufig ihre Meinung sagen und ihre Gefühle äußern dürften, wenn sie generell zu Wort kommen, "erhält man eine Aktivierung dieser positiven Systeme", beschrieb Bauer den aktuellen Stand der Neurowissenschaft. Ohne gute Beziehung zwischen Lehrern und Lernenden könne es auch in der Schule keine Motivation und am Ende wirkungsvolle Gesunderhaltung der Pädagogen geben, weil sie wie die Kinder unter den Symptomen leiden. (ath)

Nichts gegen die Digitalisierung, aber sie ist kein Ersatz für die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden.Hirnforscher Joachim Bauer sagt, dass jeder Mensch die soziale Auseinandersetzung braucht, um sich anerkannt und wahrgenommen zu fühlen

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