20.03.2018 - 16:20 Uhr

Dachstuhlmodell der Basilika wird auf St. Martins Empore gehievt Hauruck, mit Seife flutscht's

Mit einem kräftigen "Hauruck" gibt Karl Müller das Kommando zum Ziehen. Die Helfer stimmen mit ein. Sechs Männer stehen auf der Empore der Basilika und ziehen das Dachstuhlmodell von St. Martin an Seilen und über eine schräge Rampe nach oben.

von Anne Sophie Vogl Kontakt Profil

Auch wenn das eigens gebaute Gerüst einen stabilen Eindruck macht, halten Mitarbeiter und Zuschauer die Luft an, als die erste, 300 Kilo schwere Hälfte des Holzmodells sich darauf in Bewegung setzt. Der Amberger Zimmerermeister Karl Müller, der diese Aktion organisiert hat, errichtete auch die aufwendige Rampe mit Schlitten und Seilzug. Die originalgetreue Nachbildung des Dachstuhls im Maßstab 1:15 haben die Helfer zunächst zum Gerüst gerollt. Dank der angebrachten Rollen war das noch die leichteste Aufgabe. Gemeinsam hievten sie die schwere Last auf den Schlitten, wo Müller die Rollen entfernte und dafür die Konstruktion mit Unterbau am Schlitten festschraubte.

Während die Männer auf der Empore das fragile Gebilde nach oben ziehen, ist ihnen die Anstrengung deutlich anzusehen. Auch ein paar Zuschauer sehen mit Herzklopfen zu. Nach mehreren "Haurucks" ist das Holzobjekt oben angekommen, beinahe zumindest. Schwankend steht es auf der Brüstung, gehalten von wenigen Händen. Im Eiltempo schraubt Müller, der inzwischen hinaufgelaufen ist, den Schlitten ab und die Rollen an. Vorsichtig heben alle gemeinsam das wertvolle Stück auf die Empore und schieben es an seinen Platz.

"G'scheit schwer"

Einer der Seilzieher, Franz Meier vom Orgelverein, verrät: "Angst, dass es uns auskommt, hatte ich nicht, aber es war schon g'scheit schwer. Vor allem, weil das Holz nicht komplett glatt ist. Das gleitet ja nicht." Feierabend? Fehlanzeige! Das war erst die eine Hälfte des Modells. Und so geht der Arbeitsvorgang von Neuem los, doch diesmal ist das Team schon eingespielt. Die Schienen werden zunächst mit Seife rutschiger gemacht, so dass der Schlitten leichter darauf fährt. Diesmal geht alles viel schneller, sei es der Erfahrung wegen, oder dank der Seife. Nach wenigen Zügen haben die Helfer weitere 300 Kilo über das schräge Holzgestell nach oben gehievt. Schnell schrauben sie den Schlitten ab und die Rollen an.

Es hat fast etwas von einem Boxenstopp bei der Formel Eins, wenn vier Männer an allen vier Ecken des Modells gleichzeitig Räder anschrauben, um das Modell auf der Empore an seinen Standort zu bugsieren. Einer von ihnen zeigt die Siegerfaust, als es geschafft ist. Die Erleichterung, dass alles wortwörtlich wie geschmiert lief, ist groß.

Wie ausgemessen

Nun kommt noch einmal die Stunde der Wahrheit: Der vorgesehene Platz wirkt doch reichlich knapp für das insgesamt 5,4 Meter lange Objekt. Viel Spielraum bleibt nicht. Es soll in einer Fensternische zwischen zwei Mauern stehen. "Schon bei der Tür waren links und rechts vielleicht zwei Zentimeter frei. Es ist, als wäre die Kirche für das Modell gebaut worden", sagt Franz Meier über die Anlieferung aus dem Beruflichen Schulzentrum und lacht. Tatsächlich passt auch die zweite Modell-Hälfte genau in den vorgesehenen Raum. Die Freude ist groß.

"Mir ist wichtig, dass sich so jeder den Dachstuhl anschauen kann, gerade, wenn er nicht die Möglichkeit hat, den echten zu sehen", erklärt Meier das Engagement. Der Erbauer des Modells, Josef Hauer aus Parkstein bei Weiden, kann bei diesem Erlebnis nicht dabei sein. Er hat die Planung von Karl Müller, die er zunächst nur virtuell verwirklicht hatte, in die Tat umgesetzt. So entstand das Modell in fünf Jahren Planung und neun Monaten Ausführung - anstatt in zehn Jahren, die Müller sich selbst vorgenommen hatte. Und gibt es schon das nächste Projekt? "Es ist sogar schon fertig", verrät Müller. "Das Dachstuhlmodell des Schießl-Stadls wartet nur noch auf seinen Platz."

2480 Holznägel und 1700 Arbeitsstunden

Die Abmessungen des gesamten Modells betragen 5,4 x 1,95 x 2,4 Meter. Zimmerermeister Josef Hauer (Parkstein) verbaute 836 Verkämmungen, 1362 Schwalbenschwanzblätter, 360 Überblattungen und 811 Zapfenverbindungen, wie eine Infotafel verrät. Wie auch beim Original verwendete er nur Holznägel (2480 Stück). Hauer hat selbst alle 1535 Abbundhölzer originalgetreu im Maßstab 1:15 nachgebildet. Er hat von Februar bis Oktober 2016 wöchentlich rund 45 Stunden gearbeitet (insgesamt etwa 1700 Stunden). Das entspricht einem Lohnwert von etwa 75 000 Euro. Das Holz stammt aus Hauers Vorräten und hätte nach seiner Auskunft beim Kauf gut 600 Euro gekostet. (anv)

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