Der Leseranwalt schreibt
Ein gewisser Hang zur Medienschelte

Verbreitet eine Zeitung Fake News, wenn sie die Nationalität eines Straftäters nicht nennt und sich damit am Pressekodex orientiert? Ein Leser meint: ja. Symbolbild: Sven Hoppe/dpa
 

Es scheint in Mode zu sein, auf "die Medien" zu schimpfen. Und dabei alle in einen Topf zu werfen. Nicht selten ist die Kritik durchaus berechtigt. Wenn aber Verschwörungstheorien konstruiert werden, dann dürfen Journalisten sich auch mal wehren.

Amberg/Weiden. Die Bewertung durch Leser M. M. fiel nicht unbedingt schmeichelhaft aus. Sein Urteil über Oberpfalz-Medien: "Ein in der Zeit zurückgebliebenes Medienhaus." Und das, so die Ansicht von Herrn M., "berichtet nicht immer im Sinn des Lesers. Für ,internationale Täter' gilt meist Täter- vor Opferschutz. In solchen Fällen wird immer auf primitive Weise vorgegaukelt, der Täter wäre ein Einheimischer (,der xx-jährige Landkreisbewohner')."

Leser M. M. zog daraus seinen Schluss: "Das sind richtige und wahrhaftige Fake News!" Das in seinen Augen "fragwürdige Argument", die Nationalität eines Täters spiele keine Rolle, wolle er hier nicht gelten lassen. Schließlich schimpfte M. noch darüber, dass von Oberpfalz-Medien "die Monopolstellung in der Region gnadenlos ausgenutzt" werde und sprach abschließend von einem "Schundblatt".

Reagieren hilft

Man könnte solche Meinungen einfach unkommentiert und unbeantwortet stehen lassen, also nicht darauf reagieren. Solche Meinungen finden sich hin und wieder in der Post an den Leseranwalt. Besser und glaubhafter ist es, sich mit kritischen Zuschriften auseinanderzusetzen. Kritik in die andere Richtung darf aus meiner Sicht dabei kein Tabu sein, wenn es darum geht, Position zu beziehen. Dem Leser M. M. schrieb ich deshalb folgende Zeilen:

"Wir berichten nicht immer im Sinne des Lesers? Mancher Leser mag es so empfinden. Das muss nicht heißen, dass er damit auch richtig liegt. Der Leser - das sind viele Tausend Menschen. Und die meisten werden wissen, dass jemand, der im Landkreis lebt, ein Landkreisbewohner ist. Egal, welche Nationalität er hat. Es mag ja durchaus sein, dass manchen Leser der Pressekodex nicht interessiert. Uns muss er interessieren. Wie die anderen deutschen Zeitungen sind wir als Oberpfalz-Medien die Selbstverpflichtung eingegangen, den Pressekodex bei der Berichterstattung zu beachten. Vielleicht ein einfacher Vergleich: So, wie es für Autofahrer Verkehrsregeln geben muss, müssen für Journalisten Regeln und Richtlinien existieren. Ob sie einem gefallen oder nicht. In der Redaktion gibt es zum Pressekodex auch nicht immer eine einheitliche Meinung. Auch das ist völlig normal.

Auf Volkes Maul schauen, wie man so schön sagt? Ja, natürlich, durchaus wichtig. Aber ist es tatsächlich richtig, zum Beispiel beim Thema Nationalitäten-Nennung den Geschmack eines Teils des Publikums zu bedienen? Die Leser, die die Nennung fordern, treten dafür besonders laut und massiv ein. Es gibt da aber auch viele Leser, die dazu eine gänzlich andere Meinung haben.

Wir halten uns weiterhin an den Pressekodex (der übrigens kein Geheimnis ist und von jedem auf der Homepage des Presserats nachgelesen werden kann). Er lässt inzwischen sogar etwas mehr Spielraum, der auch durchaus ausgeschöpft wird. Würden wir nach Gutdünken verfahren, könnte man als Zeitung auch schnell zu hören bekommen: Die machen doch eh, was sie wollen, die drehen sich alles so hin, wie sie es brauchen."

Auf einem guten Weg

An dieser Stelle möchte ich einmal festhalten: Mit dem Entschluss, bei Oberpfalz-Medien einen Leseranwalt zu installieren, hat sich unser Haus entschieden, die Kommunikation mit all denen zu verbessern, die als Leser unserer Zeitung oder Nutzer der Onetz-Plattform über das informiert werden wollen, was in der Region und in der Welt geschieht. Hier, so denke ich, sind wir inzwischen auf einem guten Weg, aber noch lange nicht am Ziel. Manchmal hakt es noch, manchmal läuft es noch nicht so, wie wir uns das vorstellen. Aber der Wille und das Bestreben sind da, transparenter zu werden. Transparenz ist sehr wahrscheinlich ein gutes Mittel gegen den in die Mode gekommenen Lügenpresse-Vorwurf.

Wir müssen unsere Leser ernst nehmen, darauf haben sie einen Anspruch. Mir ist ein kritischer Leser wesentlich lieber als gar keiner. Ich versuche im Umgang mit ihm ehrlich zu sein. Nicht selten teile ich seine Meinung, von der vorgebrachten Kritik des Lesers und meinem Standpunkt erfährt die Redaktion in der Regel, damit sich zum Beispiel Vermeidbares nicht wiederholt. Es passiert aber auch, dass ich nicht der Meinung des Lesers bin - und das gehört sich dann auch ebenso offen artikuliert. Die meisten, die diese Erfahrung machen, können damit umgehen und respektieren zumindest meine Argumentation. Manche nicht. Es sei doch klar, dass ein Leseranwalt Kollegen und den eigenen Verlag verteidigt, schließlich werde er von diesem bezahlt - ein Argument, das dann beispielsweise von den Enttäuschten herangezogen wird.

Auch ein Verteidiger

Leseranwalt heißt, sich um Anliegen, Beschwerden, Kritik und Probleme zu kümmern und Dingen auf den Grund zu gehen. Leseranwalt heißt aber nicht, sich grundsätzlich auf die Seite des Lesers zu schlagen. Das würde beiden Seiten nichts bringen und wäre nicht Sinn der Sache. "Natürlich verteidige ich die Redaktion", sagte dieser Tage Ernst Elitz in einem Interview mit "medium", dem Magazin für Journalisten. Elitz, früher bekannter Fernsehmann und Intendant des Deutschlandradios, ist seit gut einem Jahr Ombudsmann bei "Bild".

Ihm wurde unlängst vorgeworfen, nur das "Feigenblatt" der Zeitung zu sein und als "Fanboy" zu agieren, der die Arbeit der Redaktion lieber verteidige, statt sie zu kritisieren. Journalisten wird ja oft unterstellt, nicht sehr kritikfähig zu sein. Auf die Frage, wie offen die "Bild"-Redakteure für seine Anregungen seien, antwortete Elitz: "Wenn es Probleme gibt, besprechen wir das. Dann werden Fehler korrigiert. Allein die Präsenz des Ombudsmanns sensibilisiert in der täglichen Arbeit. Natürlich ruft es nicht reine Freude hervor, wenn ich fehlerhaftes Verhalten schon mit der Überschrift anprangere."
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