12.05.2017 - 20:00 Uhr
Oberpfalz

Der Leseranwalt schreibt Redaktion muss zu Fehlern stehen

Sie passieren - leider Gottes immer wieder und zu häufig: Fehler in Texten. Der Leser ärgert sich fürchterlich darüber. Zu Recht. Der Redakteur aber auch.

"Lesestunde" in der Lokalredaktion. Diese Art von Qualitätskontrolle findet täglich statt. Trotzdem können Fehler durchrutschen. Bild: Schönberger
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Amberg/Weiden. Wer kennt es nicht, dieses Sprichwort. Es klingt zwar etwas abgedroschen, steckt aber doch voller Wahrheit: Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Eine der möglichen Übersetzungen: Wird viel und fleißig gearbeitet, so kann das auch mit unangenehmen Begleiterscheinungen für andere einhergehen. Dann geschehen Dinge, die nicht geschehen sollten, sich aber leider nicht gänzlich vermeiden lassen.

Was sollen Schüler denken?

Zum Beispiel in einer Redaktion. Auch für sie gilt: Dort sind Menschen tätig - und somit passieren Fehler. Oft schwarz auf weiß nachweis- und nachlesbar. Und Tausende von Lesern bekommen es mit. So was nennt man öffentlichkeitswirksam.

Dieser Tage erreichten uns dazu wieder Anrufe, und eine Leserin schrieb per Mail: "Schon länger fällt mir auf, dass sich in meiner Tageszeitung Rechtschreib-, Ausdrucks- und Grammatikfehler häufen. In den Schulen kämpfen die Lehrer auf verlorenem Posten, wenn die Printmedien nicht an ihrer Seite stehen."

Für "Opfer" kein Spaß

Ja, jeder Fehler in einem Text ist einer zu viel. Wenn in einer Bildunterschrift aus einem Paul eine Paula wird oder aus einer Christiane ein Christian, dann mag das für manchen Leser noch amüsant sein - für die Betroffenen eher nicht. Natürlich gibt es Schlimmeres. Für das "Opfer" ist es jedoch ärgerlich genug. "Wollen Sie mich lächerlich machen?", fragte ein Herr, der versehentlich zur Dame wurde, einmal hörbar aufgebracht. Nein, natürlich nicht.

Glauben Sie mir: Der Kollege, der auf der Tastatur einen Buchstaben zu viel beziehungsweise zu wenig getroffen hat, ärgert sich meistens gewaltig darüber. Wer mag sich schon den sarkastischen Vorwurf gefallen lassen, Männlein nicht von Weiblein unterscheiden zu können?

Fehler nicht abtun

Ein falsches Datum in einer Ankündigung, ein falscher Veranstaltungsbeginn kann fatale Folgen haben. Wenn's so richtig dumm läuft, stehen Besucher vor verschlossener Tür. Der Redakteur, der dafür "gesorgt" hat, möchte am liebsten im Boden versinken. Vor allem dann, wenn das Telefon klingelt und er sich ausmalen kann, dass am anderen Ende der Leitung gleich ein empörter Leser sein wird. In solchen Fällen empfiehlt sich die Flucht nach vorn.

Mancher Fehler fällt nicht auf - wer das glaubt, ist falsch gewickelt. Denn es wird immer jemanden geben, der ihn entdeckt. Der Fehler, der keine Reaktionen von außerhalb hervorruft, entbindet eine Redaktion freilich nicht davon, entsprechend zu handeln. Auf Tauchstation zu gehen und (vielleicht erleichtert) festzustellen, dass es in diesem Fall offensichtlich ohne Beschwerden abgegangen ist, ist der grundsätzlich falsche Weg. Zu einer seriösen Berichterstattung gehören das Zugeben, das Kenntlichmachen und eben das unverzügliche Korrigieren von Fehlern.

Leser passen genau auf

Unsere Leser haben einen Anspruch auf fehlerfreie Texte, sie haben schließlich bezahlt, ob als Abonnent oder als gelegentlicher Käufer und Nutzer. Wie wichtig ihnen das Thema ist, zeigte eine Leserbefragung von Oberpfalz-Medien, inzwischen in den Redaktionen ausgewertet. "Ich störe mich sehr an den vielen grammatikalischen und orthographischen Fehlern", merkte einer der Teilnehmer an.

Dazu sei Anton Sahlender (Würzburg) zitiert, ebenfalls Leseranwalt und Sprecher der Vereinigung der Medien-Ombudsleute (VDMO): "Eine Zeitung ist kein Buch. Sie entsteht mehr denn je unter Zeitdruck. Denn digitale Medien sind in der Lage, Nachrichten während ihrer Entstehung in sogenannter Echtzeit zu verbreiten. Dadurch ist das Zeitfenster arg klein geworden."

Hinzu komme, dass nicht mehr nur für die Zeitung gearbeitet wird, sondern auch für das Internet. "Das ist kein Jammern, sondern die Schilderung von Umständen. Dieser Schilderung füge ich hinzu, dass Fehler zu allen Zeiten gemacht worden sind. Sie werden nie ganz auszuschließen sein." Trotzdem dürften Fehler "nie zu unvermeidlichen Zeiterscheinungen werden", betont Sahlender. Wo er recht hat, hat er recht.

Ein Fall für den Presserat: Vorstrafe des Arztes thematisiert

Von Edda Eick

Der Fall

Eine Lokalzeitung berichtet unter der Überschrift "Kommunaler Ärztepfusch" über einen Allgemeinmediziner. Dieser habe sich auf Bitten einer Gemeinde, in der es an medizinischer Grundversorgung mangelte, dort niedergelassen. Im Bericht heißt es, der Mann sei vorbestraft und habe keine kassenärztliche Zulassung. Er sei der Sohn eines bekannten Politikers und Ärztekammerpräsidenten und "eine wahrhaft schillernde Persönlichkeit". Der Mediziner habe in einer Großstadt einen Notrufdienst als allein verantwortlicher Geschäftsführer betrieben, bevor die Staatsanwaltschaft wegen Unregelmäßigkeiten eingeschritten sei. Wegen 899 falscher Abrechnungen, in 26 Fällen kombiniert mit Körperverletzung, sei der Mann später zu 34 Monaten Haft verurteilt worden. Der finanzielle Schaden - so die Zeitung weiter - habe 108 000 Euro betragen.

Der Mediziner habe seine Strafe abgesessen. Auch das vierjährige Berufsverbot sei lange abgelaufen, bevor er sich bei der Gemeinde beworben habe. Er sei wegen Betrugs und Körperverletzung verurteilt. Dass er sich als Landarzt nicht nur um gesundheitliche Belange kümmern, sondern sich auch ein Stück weit der Nöte älterer Einwohner annehmen solle, bereite den Verantwortlichen offenbar keine größeren Bauchschmerzen.

Der betroffene Arzt beschwert sich beim Presserat. Aus seinem Führungszeugnis sei die Vorstrafe getilgt. Er dürfe daher nicht mehr als vorbestraft bezeichnet werden. Seine Approbation habe er schon vor Jahren zurückerhalten und arbeite seit Jahren als Arzt. Er erscheine im Artikel mehrfach mit vollem Namen. Zudem weise die Redaktion auf seinen familiären Hintergrund hin. Durch den Artikel sei seine Existenz praktisch vernichtet worden, als er gerade im Begriff gewesen sei, diese wieder aufzubauen.

Eine Rehabilitierung und Resozialisierung könne nicht gelingen, wenn dreizehn Jahre nach der Verurteilung, elf Jahre nach dem endgültigen Straferlass und zehn Jahre nach dem effektiven Verbüßen der Strafe in der Öffentlichkeit auf die Vorstrafe hingewiesen werde. Der Artikel sei eine "öffentliche Hinrichtung".

Die Redaktion

Der Autor des kritisierten Beitrags nimmt zu den Vorwürfen Stellung. Er habe sämtliche Grundsätze journalistischen Arbeitens eingehalten. In einem Fall wie diesem gehe es darum, Schaden von den Lesern abzuwenden. Daher sei diese Art der Berichterstattung absolut gerechtfertigt, wenn nicht sogar zwingend erforderlich. Dies auch vor dem Hintergrund, dass dieser Mediziner charakterlich offenbar wenig geeignet zu sein scheine, als Arzt zu arbeiten. Er bewege sich dabei offenbar immer in Grenzbereichen der Legalität. Der Arzt habe auch offenbar "vergessen", ein zum Zeitpunkt seiner Beschwerde laufendes Verfahren vor dem Landgericht Frankfurt zu erwähnen. Dabei sei es um Abrechnungsbetrügereien gegangen, die das Gericht mit acht Monaten Haft ohne Bewährung geahndet habe.

Das Ergebnis

Der Presserat gelangt zu einer eindeutigen Bewertung. Die identifizierende Berichterstattung muss der Arzt in diesem Fall hinnehmen, da zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ein Strafverfahren in Frankfurt wegen einschlägiger weiterer Tatvorwürfe gegen ihn lief. Vor diesem Hintergrund ist es auch gerechtfertigt, das zurückliegende Strafverfahren erneut zu erwähnen. Die Vorgabe des Pressekodex, im Resozialisierungsinteresse nicht erneut identifizierend über ein zurückliegendes Strafverfahren zu berichten, greift hier deshalb nicht. Der Presserat kritisiert die Berichterstattung jedoch insoweit, als dass der Leser über diesen weiteren Strafprozess von der Zeitung nicht in Kenntnis gesetzt wird.

Keine presseethischen Bedenken gibt es gegen die Bezeichnung des Arztes als "vorbestraft", obwohl in dessen Führungszeugnis die Vorstrafen bereits getilgt sind. Denn an juristische Begrifflichkeiten, die für den Leser unerheblich sind, oder die Regeln des Bundeszentralregistergesetzes ist die Presse nicht gebunden. Die Beschwerde des Arztes ist unbegründet.

Der Pressekodex

Ziffer 2 (Sorgfalt): Recherche ist unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt. Zur Veröffentlichung bestimmte Informationen in Wort, Bild und Grafik sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben. Ihr Sinn darf durch Bearbeitung, Überschrift oder Bildbeschriftung weder entstellt noch verfälscht werden. Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als solche erkennbar zu machen. Symbolfotos müssen als solche kenntlich sein oder erkennbar gemacht werden.

Ziffer 8 (Schutz der Persönlichkeit): Die Presse achtet das Privatleben des Menschen und seine informationelle Selbstbestimmung. Ist aber sein Verhalten von öffentlichem Interesse, so kann es in der Presse erörtert werden. Bei einer identifizierenden Berichterstattung muss das Informationsinteresse der Öffentlichkeit die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegen; bloße Sensationsinteressen rechtfertigen keine identifizierende Berichterstattung. Soweit eine Anonymisierung geboten ist, muss sie wirksam sein. Die Presse gewährleistet den redaktionellen Datenschutz.

Richtlinie 8.1 (Kriminalberichterstattung), Absatz 3: Wenn erneut über ein zurückliegendes Strafverfahren berichtet wird, sollen im Interesse der Resozialisierung in der Regel Namensnennung und Fotoveröffentlichung des Täters unterbleiben. Das Resozialisierungsinteresse wiegt umso schwerer, je länger eine Verurteilung zurückliegt.

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