19.01.2018 - 20:00 Uhr
Oberpfalz

Der Leseranwalt schreibt Zwischen den F acebook-Mahlsteinen

Wer alles richtig machen möchte, kann in den Augen anderer schnell mal völlig falsch liegen. Dies musste das Onetz-Team erfahren, als es um eine verschwundene 16-Jährige ging. Eine Facebook-Geschichte.

von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Amberg/Weiden. Diese Geschichte ist ein gutes Beispiel dafür, wie Diskussionen im Netz oft laufen und wie die Emotionen, die dann zum Tragen kommen, den klaren Blick doch etwas verstellen können. Sie ist auch ein gutes Beispiel dafür, dass es dem Onetz-Team wichtig ist, sein Handeln zu erläutern und transparent zu machen. Und sie ist zudem ein gutes Beispiel dafür, wie lange es braucht, bis eine gewisse Akzeptanz dieser Erläuterungen stattfindet. Um das zu erreichen, scheinen ein langer Atem und das ständige Wiederholen der Argumentation nötig zu sein.

Auslöser war ein Suchaufruf der Mutter des 16 Jahre alten Mädchen auf Facebook. Onetz berichtete über die Angelegenheit. Fakt war: Die Polizei erkannte "keinerlei Anhaltspunkte" dafür, dass die gesuchte Christina L. Opfer einer Straftat geworden sein könnte. Die Mutter, so meinte ein Polizeisprecher, sei vielleicht "etwas übers Ziel hinausgeschossen". Vermutet wurde, die Tochter könnte nur ausgebüxt sein. Und dann passierte auf Facebook Folgendes (Wiedergabe in Auszügen):

Das Recht am eigenen Bild

Übers Ziel hinausgeschossen? Das regte Susanne F.-W. auf: "Hallo, die Mutter macht sich Sorgen und sucht selbstverständlich mit allen Mitteln nach ihrer Tochter! Diese Aussage ist eine Unverschämtheit! Das ist ein 16-jähriges Mädchen, sie könnte vielleicht schon lange wieder da sein, wenn nicht nur intern gesucht werden würde. Aber für die Mutter ist dieser Artikel sowie diese Aussage ein Schlag ins Gesicht."

"Hallo, damit kein falscher Eindruck entsteht: Die Polizei sucht, es gibt aber keine sogenannte Öffentlichkeitsfahndung mit Bild": Mit diesen Worten schaltete sich Alexander Unger vom Onetz ein. Ihm entgegnete Bernhard K.: "Ich hoffe, ihr haltet euch dann auch zurück, wenn dem Mädchen was Schreckliches passiert ist, Onetz! Lieber mal ein Bild bei so was veröffentlichen, als nur abwarten und dumme ,Statements' abgeben! Kann man nur noch mit dem Kopf schütteln, ehrlich!" Maggie G. sah das anders: "Genau, Onetz soll sich strafbar machen und einfach mal von fremden Menschen ohne Einverständnis Bilder veröffentlichen? Dann können sie doch von dir auch gleich Bilder veröffentlichen, wenn sie eh schon dabei sind. Ich schmeiß mich weg."

Also machte sich Thomas Webel vom Onetz daran, einiges klarzustellen: "Hallo Herr K., die junge Frau hat ein Recht am eigenen Bild. Es wird nicht nach ihr gefahndet. Sie wird nicht gesucht. Es gibt keinerlei Hinweise, dass irgendetwas nicht freiwillig geschehen ist. Es gibt keinerlei Hinweise auf eine Straftat. Sie wohnt auch nicht bei ihrer Mutter, sondern 200 km entfernt. Alles weitere können/dürfen wir nicht veröffentlichen, da es in die Privatsphäre eingreifen würde. (...) Wir können nicht einfach Fotos einer jungen Frau veröffentlichen, ohne ihr Einverständnis und ohne dass nach ihr gefahndet wird."

Eine Stellungnahme, mit der Andreas B. offensichtlich nicht zufrieden war: "Ähm ... was spricht gegen eine polizeiliche Fahndung mit Bild? Und warum gibt sich Onetz nicht einen Ruck und postet ein Bild? Die Mutter wird sicherlich nichts dagegen haben." Worauf Alexander Unger (Onetz) wieder unterstrich: "Auch die Tochter hat das Recht am eigenen Bild. Deren Zustimmung liegt nicht vor. Nur ein Gericht könnte also einer Öffentlichkeitsfahndung mit Bild zustimmen." Prompter Widerspruch von Andrea H.: "Onetz, in so einer Situation ist doch das Recht am eigenen Bild zweitrangig."

"Verurteilt nicht andere"

Nun tat Werner K. seine Meinung kund: "Euch möchte ich sehen, wenn ungefragt Bilder im Internet auftauchen, wenn jemand nach euch sucht, ihr aber eure Ruhe haben wollt. Polizeilich gibt es keine Öffentlichkeitsfahndung. Da würde ich als Medienportal auch ganz schnell die Füße still halten und keinerlei Bilder posten. Wenn ihr alle denkt, dass es doch egal ist, dann teilt die Bilder weiter. Aber verurteilt nicht andere, die sich in so einem Fall an die Vorgaben halten. Komischerweise ist ja das Geschrei immer dann am größten, wenn sich irgendwann rausstellt, dass sich jemand über Gesetze hinweggesetzt hat. Da fragt dann keiner mehr nach den Beweggründen. In Kurzfassung: Gut so, Onetz."

Philipp K. merkte an, er habe "schon mit der Feuerwehr nach Kindern gesucht, die dann beim McDonald's Burger futternd aufgetaucht sind". Solche öffentlichen Suchaktionen seien nicht dazu da, "um Erziehung nachzuholen". Stephanie R. hielt dazu fest: "Lieber doch ein Einsatz zu viel als ein totes Kind mehr. Sicher ist sicher."

Jetzt unternahm Thomas Webel (Onetz) erneut den Versuch, die zahlreichen Wogen zu glätten: "Hallo Frau R., dass die Mutter sich Sorgen macht, ist völlig normal und absolut verständlich. Vermutlich würde ich als Vater in der Situation nicht anders handeln. Doch Fakt ist: Es gibt keine öffentliche Fahndung. Die Polizei sucht nicht nach der jungen Frau. Im Gegenteil: Es gibt laut Polizei Hinweise, dass das Mädchen absolut freiwillig weggefahren ist. Sie wohnt übrigens auch 200 km von ihrer Mutter entfernt. Also geht es auch nicht um ,nach Hause kommen'. Für uns bedeutet das: Das Mädchen hat natürlich das Recht am eigenen Bild. Es wird nicht nach ihr gefahndet." Das bedeute: "Also veröffentlichen wir kein Foto von ihr."

Verständnis gezeigt

Stephanie R. schrieb zurück: "Hallo Herr Webel, davon, dass es Hinweise auf einen freiwilligen Verbleib des Mädchens irgendwo gibt, war bislang nichts bekannt. Sollte sich dies bewahrheiten, ist es sehr erleichternd. Als Mutter von 5 Kindern verstehe ich trotz allem den öffentlichen Aufruf der Mutter. Natürlich weiß die Öffentlichkeit nichts über die interne Familiensituation. Somit kann man nur dem glauben, was man liest. Egal, was der Grund des Verschwindens ist: Möge sie gesund und wohlauf sein."

Dazu Thomas Webel (Onetz): "Hallo Frau R., so ist es. Ich verstehe die Mutter auch. Natürlich macht man sich da Sorgen. Doch die Polizei geht bisher von einem absolut freiwilligen Verbleib des Mädchens aus. Mehr Details zur Familiensituation wollen/können/dürfen aber natürlich nicht veröffentlicht werden, ohne die Privatsphäre zu verletzen. (...) Dass wir hier auf FB teils recht deutlich angegangen werden (jedoch nicht von Ihnen!), weil wir das Recht auf das eigene Bild des Mädchens achten - damit können wir leben."

Renate R. ließ aber nicht locker. Nicht die Mutter, sondern O-Netz sei übers Ziel hinausgeschossen: "Anscheinend ist Redakteuren das Wort Mitgefühl ein Fremdwort. Da gibt es nur noch Sensationslust, z. B., wenn das Kind dann irgendwo aufgefunden wurde."

"Lediglich Polizei zitiert"

Thomas Webel (Onetz) wollte das so nicht stehenlassen: "Nicht wir sagen, dass die Mutter ,übers Ziel hinausgeschossen ist'. Das ist auch nicht unsere Meinung. Wir haben hier lediglich die zuständige Polizei zitiert. Sprich: Das ist deren Einschätzung des Falles. Ich verstehe absolut, dass die Mutter sich Sorgen macht. Das ginge mir in ihrer Situation sicherlich ganz genauso. Ich verstehe auch, dass diese Geschichte emotionalisiert. Eine angeblich ,verschwundene' Jugendliche - natürlich wird man da hellhörig! Jedoch müssen wir uns an die Fakten halten: Eine Mutter hat seit einiger Zeit nichts mehr von ihrer 16-jährigen Tochter gehört. Die Tochter wohnt dabei ohnehin nicht bei der Mutter, sondern 200 km entfernt. Laut Polizei gibt es keinerlei Hinweise auf ein nicht-freiwilliges ,Verschwinden' oder gar eine Straftat. Wir können daher nicht einfach Fotos einer jungen Frau veröffentlichen, ohne deren Einverständnis, wenn es keine Fahndung nach ihr gibt. Auf onetz.de kommentierte heute eine junge Frau: ,Die ist zu ihrem Freund gezogen.' Keine Ahnung, ob das stimmt. Auch das werten wir aktuell nur als Vermutung. Doch so oder so hoffen wir, dass sich die Geschichte möglichst bald in Wohlgefallen auflöst."

Daraufhin rührte sich Renate R. ein zweites Mal: "Onetz ok und danke für die ausführliche Antwort. Das ist aber dann in dem Artikel unglücklich rübergekommen, dass das die Meinung der Polizei ist. Ich verstehe natürlich, dass sich Medien auch an gewisse Vorgaben halten müssen."

Das löste die Debatte aus

Eine Frau aus Schweinfurt hat mit einem Suchaufruf auf Facebook auch in der Region für Aufsehen gesorgt: Vom 2. Januar an suchte Birgit L. mit mehreren Posts nach ihrer Tochter Christina. Die 16-Jährige, so die Mutter auf Facebook, sei am zweiten Weihnachtstag in Schwandorf in den Zug gestiegen, um zu ihrem Wohnort in der Nähe von Pforzheim in Baden-Württemberg zu fahren.

Gegen 15 Uhr habe es ein letztes Lebenszeichen per Handy gegeben, von da an sei sie nicht mehr erreichbar gewesen. Bei der zuständigen Polizei in Karlsruhe lag zwar seit dem 27. Dezember eine Vermisstenmeldung vor, wie ein Sprecher auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien bestätigte. Allerdings hatte die Polizei "keinerlei Anhaltspunkte" dafür, dass Christina L. Opfer einer Straftat geworden sein könnte. Daher lief die Suche auch nicht öffentlich, sondern nur polizeiintern.

Die Polizei nahm die Sache ernst, sah aber erst einmal keinen Grund zur Beunruhigung. Die Mutter sei mit ihrem Facebook-Aufruf eher "etwas übers Ziel hinausgeschossen", sagte ein Sprecher und fügte hinzu, es deute alles darauf hin, dass die Tochter "ausgebüxt" sei.

Auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien bestätigte die Polizei Karlsruhe, dass Christina L. nach ihrem Verschwinden nochmals gesehen worden war. "Es ging ihr zu diesem Zeitpunkt gut", informierte eine Sprecherin. Am 13. Januar teilte die Mutter schließlich mit: "Christina ist wieder zu Hause."

Das sagt Thomas Webel vom Onetz

Ein Mädchen "verschwindet" - so eine Nachricht emotionalisiert. Zu oft werden junge Frauen Opfer von Gewalttaten. Dennoch darf man als Journalist nicht reflexhaft großes Kino fahren, selbst wenn das im Netz Klicks brächte. Es geht immer um eine gute Einschätzung eines Themas, um entscheiden zu können, wie man damit umgeht.

Ein Kollege telefonierte daher mehrfach mit der zuständigen Polizei. Die deutete an, dass es diverse Aspekte gab, die nahelegten, dass es sich nicht um eine Straftat handelte, sondern darum, dass eine junge Frau freiwillig woanders hingefahren war, vielleicht zu Freunden. Es verfestigte sich der Eindruck: Würden wir diese Aspekte veröffentlichen, würde sich niemand Sorgen machen. Doch da diese Aspekte natürlich die Privatsphäre der Familie berührten, konnten und durften wir sie nicht veröffentlichen.

Wir wussten also mehr, als wir geschrieben haben. Das ist nicht ungewöhnlich. Journalisten wissen oft mehr, als das, was sie schreiben dürfen. Genau dieses "mehr" erlaubt es, ein Thema einzuschätzen. So kamen wir in diesem Fall zu einer Entscheidung: Nach allem, was wir wissen, liegen vielleicht familiäre Missstimmungen vor, jedoch keine Straftat. Folgerichtig respektierten wir die Privatsphäre der jungen Frau und ihr Recht am eigenen Bild.

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