13.04.2018 - 10:28 Uhr
AmbergOberpfalz

Die letzten Bundeswehrsoldaten ziehen aus der Leopoldkaserne aus Auf Wiedersehen, Amberg

Die Umzugskisten sind gepackt, Dutzende Büros stehen leer: In dieser Woche haben die letzten Bundeswehrsoldaten die altehrwürdige Leopoldkaserne in Richtung Cham verlassen. Einer von ihnen ist Stabszugführer Jakob Großehagenbrock. Er verlässt die liebgewonnene Kaserne mit gemischten Gefühlen.

Die Kaffeemaschine kommt als Letztes in den Umzugskarton: Stabszugführer Jakob Großehagenbrock ist bereit für die neue Heimat der Panzerbrigade in Cham. Bilder: Hartl (5)
von Stephanie Wilcke Kontakt Profil

Seine Kaffeemaschine packt Großehagenbrock als Letztes in den Umzugskarton. Die Schränke und Regale in dem kleinen Büro des 31-jährigen Hauptmanns in der Amberger Leopoldkaserne sind wie leer gefegt. Alles, was der Soldat für seinen Beruf braucht, ist in sechs Kartons verpackt. Der Computer auf dem Tisch wartet darauf, dass die IT-Firma ihn abholt und nach Cham bringt. Es sind die letzten Stunden für Großehagenbrock in der Leopoldkaserne, ehe er seine Uniform in einer Tasche verstaut und für immer die Bürotür hinter sich abschließt.

Am nächsten Morgen um 7 Uhr startet bereits der Arbeitstag in Cham, rund 75 Kilometer von der alten Heimat entfernt. "Ich habe ein weinendes und ein lachendes Auge", erklärt er. Dass es vielen Soldaten genauso gehe, habe auch der Große Zapfenstreich Anfang März am Marktplatz gezeigt: "Ein sehr emotionaler Moment und ein schönes Gefühl, dass so viele Amberger dabei waren. Die Bundeswehr ist in der Region tief verwurzelt."

Amberg als Zuhause

Großehagenbrock kommt aus Nordrhein-Westfalen. Sein Beruf als Soldat schickte ihn jedoch quer durch Deutschland - im Sommer 2016 landete er schließlich in Amberg. Auch wenn er noch nicht so lange hier ist, fühlt er sich zu Hause. "Meine Familie und ich haben uns sehr gut eingelebt." Daher will er nach dem Umzug der Bundeswehr auch nicht nach Cham ziehen, sondern pendeln. "Amberg war für so lange Zeit ein Zuhause für die Brigade. Es herrscht eine gute Beziehung zwischen der Stadt und der Bundeswehr", schwärmt er. "Die Leopoldkaserne ist noch dazu wunderschön."

Ein lachendes Auge habe er, weil ein Umzug auch immer ein guter Zeitpunkt sei, einen Kehraus zu machen. "Zudem bekommen wir in Cham ein neues Gebäude, das auf den Stab zugeschnitten wurde." Der Brigadestab sitze noch dazu in Cham näher bei seinen Verbänden, für die er zuständig sei. Die Gefühle bleiben am letzten Arbeitstag des 31-Jährigen in Amberg gemischt.

Immer wieder parken an diesem Tag vor den Gebäuden auf dem Areal der Leopoldkaserne Lastwagen. Darin verpackt ist das Hab und Gut der Bundeswehr. Nur ein kleines Team von bis zu 15 Soldaten bleibt vorerst noch bis Mitte des Jahres hier. Es koordiniert die letzten Umzugsarbeiten und sorgt dafür, dass die Gebäude dann besenrein übergeben werden können. Die Vorbereitungen zum Großprojekt Auszug liefen allerdings schon seit einem Jahr. Doch so richtig bei den Soldaten angekommen ist das erst in der vergangenen Woche. "Es war deutlich unruhiger", sagt der Soldat mit einem Schmunzeln. "Als ich heute Morgen über den Gang lief, blieben viele Lichter aus."

Stille statt Gelächter

So ähnlich schaut es auch im gegenüberliegenden ehemaligen Stabsgebäude aus, wo die Personalabteilung und die Verantwortlichen für die Ausbildung ihrer Arbeit nachgingen. Die große Uhr im Foyer ist kurz vor dem Umzug bei 16.33 Uhr stehengeblieben. "Drei Minuten nach Feierabend", sagt Großehagenbrock und lächelt. Dann lässt er seinen Blick durch den stillen Gang streifen. "Hier war es wie in einem emsigen Bienenschwarm. Entweder war das Radio zu hören oder Gelächter. Die Ruhe nun ist etwas komisch", wundert sich der 31-Jährige.

Auf einem leeren Schrank klebt ein Zettel mit der Aufschrift "Verkauf an Zimmermann". Die Bürotüren sind offen, darin stehen die Stühle auf den Schreibtischen. Teilweise sind die Vorhänge an den Fenstern zugezogen, etwas Staub hat sich bereits auf den Flächen niedergesetzt. Drei fast vergessene Zimmerpflanzen stehen noch auf einer Fensterbank am Ende des Flurs. "Die holt sicherlich auch noch jemand ab", sagt Großehagenbrock. Wer nicht mehr abgeholt wird, sondern in Amberg bleibt, ist die Brigadekatze. Der kleine Stubentiger ist unter den Soldaten bestens bekannt. Sobald es wärmer wird, sonnt sich das Tier an der Wache und lässt sich von vorbeikommenden Soldaten und Besuchern streicheln.

Manchmal sitzt sie auch auf der Erhöhung zwischen Ein- und Ausfahrt bei den Schranken und wacht darüber, wer kommt und geht. In den vergangenen Tagen hat sie wohl einige Gesichter zum letzten Mal gesehen. So wie Großehagenbrock - auch er wird sich am späten Nachmittag zum letzten Mal von der berühmten Kasernenkatze verabschieden.

Dossier im Onetz

Mehr als 300 Jahre beherbergte die Stadt Amberg Soldaten in ihren Mauern. Zuletzt waren es zwar im Vergleich zu den Hochzeiten des Militärs, die bis zum Ende der 1980er Jahre reichten, nur noch traurige Reste - doch mit dem Sitz der Panzerbrigade 12 blieb immerhin noch ein prestigeträchtiger Stab in der Region um Amberg.

Mit der Entscheidung des Verteidigungsministeriums, diesen nach Cham zu verlegen, endet die militärhistorische Ära der Stadt Amberg. Wenn auch die Garnison mit der Schweppermannkaserne bestehen bleibt. Aus diesem Anlass hat die Redaktion einen Blick ins Archiv gewagt und sich entschlossen, alte Texte, Bilder und Zeitzeugenberichte erneut zu veröffentlichen sowie aktuelle Texte und Videos zur Verfügung zu stellen.

Unser umfangreiches digitales Dossier zur Bundeswehrgeschichte in Amberg und zum Auszug der Panzerbrigade 12 aus der Leopoldkaserne im Besonderen lesen Sie hier.

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