Ein Interview mit dem Adoptionsdienst des SkF Amberg
Auf der Suche nach seinen Wurzeln

Eine kleine Hand greift eine große: Der SkF in Amberg sucht mit seinen Verbundpartnern neue Eltern für anonym geborene Kinder. Bild: Petra Hartl
 
Junge werdende Mütter in Gewissenskonflikten: Der SkF Amberg versucht mit solchen Karten, junge Mädchen auf ihr Hilfsangebot hinzuweisen. Bild: hfz
 
Eva Wolf (rechts) und Sabine Kreiner arbeiten im Adoptionsdienst des SkF Amberg. Bild: mr
Es war eine kleine Revolution im Adoptionsbereich: Im Jahr 1999 startete das so genannte Moses-Projekt. Das erste Baby wurde in Amberg anonym geboren und kam danach in Adoptionspflege. Der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) ist seit Jahren die tragende Säule in diesem Projekt, das Kindern, die nicht bei ihren leiblichen Eltern bleiben können, ein neues Zuhause vermittelt. Die Sozialarbeiterinnen Eva Wolf und Sabine Kreiner vom SkF sprechen über das neue Adoptionsgesetz, die Suche adoptierter Kinder nach ihren Wurzeln und über ihre persönlichen Gefühle bei der Vermittlung.

Frau Wolf, Frau Kreiner. Das Moses-Projekt gibt es seit 1999. Von wem kam die Idee?

Wolf: Es war der große Wunsch von Frau Maria Geiss-Wittmann, auch Frauen, die sich nicht für eine offene Adoption entscheiden können, ein Angebot zu machen. Frauen, die vielleicht vor der Wahl stehen, treibe ich mein Kind ab, setze ich es aus, oder - das Schlimmste - töte ich es. Ich erinnere mich, damals gingen eine Reihe schrecklicher Tötungsdelikte durch die Medien.
Juristisch waren diese Geburten in einer Grauzone. Es gab doch damals sicher viele Hürden?

Wolf: Wir hatten das Glück, dass der damalige Verwaltungsrat des Sulzbacher St. Anna-Krankenhauses, Landrat Dr. Hans Wagner, sagte, wir machen mit. Auch das Kreisjugendamt meinte: Es ist ein guter Gedanke, Leben zu retten. Aber es ist damals wie heute eine juristische Grauzone.

Erst vor kurzem wurde ein neuer Gesetzentwurf vorgelegt, in dem es heißt, dass Kinder ab dem 16. Lebensjahr das Recht hätten, etwas über ihre Herkunft zu erfahren. Warum hat das so lange gedauert?

Wolf: Alle haben sich lange bedeckt gehalten. Es war eine Grauzone. Wichtig ist, das Leben zu schützen. Es ist aber auch das Recht eines jeden, etwas über seine Herkunft zu erfahren. Wenn eine Frau bei der Anonymität verbleibt, haben wir auch jetzt wenig oder manchmal auch keine Informationen, die wir später weitergeben können. Das ist etwas, was man sich als Vermittlerin im Adoptionsdienst nicht wünscht.
Was hält Mütter davon ab, Informationen über sich preiszugeben?

Kreiner: Ein Teil der Mütter befindet sich real in einer sehr gefährlichen Lebenssituation, sie haben manchmal sogar Angst um ihr Leben. Bei diesen wird es nach 16 Jahren auch nicht besser ausschauen. Aber es gibt auch Frauen, die nach dieser langen Zeit nicht mehr geächtet werden.

Was ist wichtiger? Die Anonymität der Mutter oder der Wunsch der Kinder, etwas über ihre Herkunft zu erfahren?

Wolf: Das kann man nicht beantworten. Auf der einen Seite der Wunsch der Mutter nach Vertraulichkeit und der Schutz, auf der anderen Seite das Recht der Kinder zu erfahren, wo komme ich her. Das kann man nicht beantworten. Diese zwei Seiten stehen sich gegenüber. Es gibt, glaube ich, keine optimale Lösung.

Die Familienministerin ist ja vor allem gegen Babyklappen ...

Kreiner: Im Gegensatz zur Babyklappe, wo Frauen und Kinder nicht direkt begleitet werden, gibt es bei der anonymen Geburt die optimale medizinische Betreuung und die Frauen werden auf Wunsch auch weiter begleitet. Das hat man bei der Babyklappe nicht.
Der SkF gilt bei anonymen Geburten ein bisschen als Vorreiter in Bayern. Warum ist das so?

Wolf: Die Infrastruktur, dass hier etwa Unterkünfte bereitgestellt werden, ist sicher nicht der Hauptgrund. Der Grund liegt im Engagement von Frau Geiss-Wittmann: Sie sagte, ich kann das Leben eines Kindes nur gemeinsam mit der Mutter schützen. Ich kann es nicht gegen ihren Willen schützen. Das ist sehr wahr.

Sie hätten auch eine Babyklappe anbieten können ...

Kreiner: Wir haben uns bewusst gegen eine Babyklappe entschieden, weil wir mit den Frauen ins Gespräch kommen wollen, um vielleicht doch eine reguläre Adoption zu erreichen beziehungsweise, dass das Kind bei der Mutter bleibt..

Beim Moses-Projekt sind viele Stellen eingebunden. Wie funktioniert die Zusammenarbeit?

Kreiner: Das braucht eine ständige Diskussion und Kooperation. Das ist ein großer Apparat. Es gibt viele Glieder in dieser Kette, die sich schließen müssen. Wir sind dauernd im Gespräch mit Schwangerenberatungsstellen, Jugendämtern, Klinikum undsoweiter. Wir haben dabei gute Beziehungen zu anderen Beratungsstellen, nicht nur zu Donum Vitae. Diese Stellen haben ja zunächst die Frauen bei sich.
Vor allem die Zusammenarbeit mit den Schwangerenberatungsstellen muss funktionieren, oder?

Kreiner: Ja, und das klappt bei uns sehr gut. Bei der Schwangerenberatung stehen eher Frauen und Mütter im Fokus, bei uns eher die Kinder. Unsere Vermittlung findet aus der Warte des Kindes statt. Wir suchen die passenden Eltern fürs Kind. Das sind zwei verschiedene Sichtweisen, die muss man zusammenbringen.

Wie wichtig ist das Internet für ungewollt Schwangere, die Hilfe suchen?

Wolf: Heutzutage geht man ins Internet. Die Frauen gehen natürlich nicht in die eigene Nachbarschaft, wenn sie ungewollt schwanger sind. Sie suchen sich etwas im Internet, wo sie sagen, dass ist weit genug weg. Da kennt mich keiner.

Wie viele anonym geborene Kinder wurden bei Ihnen in den vergangenen Jahren vermittelt?

Kreiner: Die Zahl der Vermittlungen lag in den letzten 5 Jahren zwischen 0 und 6 Kindern pro Jahr.

Hat in den vergangenen Jahren die Zahl der Paare, die ein Kind adoptieren wollen, zugenommen?
Kreiner: Die Zahl der Bewerber nimmt ab. Die Zahl der ungewollt kinderlosen Ehepaare nimmt zwar seit Jahrzehnten zu, aber es sind ja auch die medizinischen Möglichkeiten besser geworden, ein leibliches Kind zu bekommen. Und ich denke auch, dass viele Ehepaare heutzutage wissen, wie schwer es ist, ein Kind per Adoption zu bekommen.

Wird in unserer Gesellschaft mittlerweile offener mit dem Thema Adoption umgegangen?

Wolf: Ja und Nein. Auf der Seite der Annehmenden ist es leichter geworden. Jeder kennt doch fast jemanden, der ein Kind adoptiert hat. Und jeder Mensch sagt: toll, schön. Da habt ihr einem Kind geholfen.

Und was ist mit der leiblichen Mutter?

Wolf: Ein Kind herzugeben, wird überhaupt nicht positiv gesehen. Es ist sehr schwer, diese Sichtweise zu ändern. Wie kann sie nur, heißt es da.

Diese Mütter gelten in der Öffentlichkeit oft als Rabenmütter ...

Wolf: Dass ich gerade deshalb eine gute und liebende Mutter sein kann, wenn ich erkenne, ich schaffe es nicht oder bringe mich und mein Kind sogar in Gefahr, wenn ich mein Kind behalte, wird nie gesehen. Natürlich ist das für die Mütter eine ganz schreckliche Entscheidung.

Ihre Arbeit erfordert viel Einsatz. Da muss auch die finanzielle Ausstattung passen ...

Wolf: Wir sind komplett eigenfinanziert. Aber wir haben mit der Katholischen Waisenhausstiftung und der Bischof-Michael-Stiftung zwei Sponsoren, die in den vergangenen Jahren unsere Arbeit möglich gemacht haben.

Kreiner: Wir haben aber insgesamt nur zehn Wochenstunden, um diese Arbeit zu stemmen, was natürlich nicht ausreicht. Auch deswegen würden wir uns finanziell eine andere Ausstattung wünschen. Dann könnten wir beispielsweise auch anders mit den Familien arbeiten, die schon ein Kind aufgenommen haben.

Hat sich eigentlich mal eine Mutter, die anonym ihr Kind geboren hat, wieder gemeldet?

Wolf: Noch keine Mutter, die anonym entbunden hat, ist gekommen.

Wie oft kommen Kinder zu Ihnen, die Sie bitten, ihnen bei der Suche nach ihrer Herkunft zu helfen?

Wolf: Vergangenes Jahr hatten wir keine so genannte Wurzelsuche. Aber natürlich kamen schon einige, die die Akten einsehen wollten. Sie fragen dann: Ich würde gerne meine leibliche Mutter kennenlernen, können Sie ein Treffen arrangieren. Bei einer anonymen Geburt kann ich nur mit der Akte dienen. Bei einer offenen Adoption wende ich mich an die Mutter. Es gibt natürlich auch, dass sich die Mutter weiter schützen will.

Wie nahe geht Ihnen selbst manchmal diese sensible Arbeit?

Kreiner: Es ist ein sehr emotionaler Bereich. Aber man muss manchmal die persönlichen Gefühle zurückstellen. Wir müssen in wenigen Stunden die Bewerber sehr gut kennenlernen. Ganz wichtig ist bei unserer Arbeit ein Team, mit dem man sich austauschen kann. Es ist ja eine hohe Verantwortung. Wir verändern das Leben von Menschen nachhaltig. Letztendlich ist es aber die Entscheidung der leiblichen Mutter und der Bewerber, die das Kind annehmen. Durch uns werden die Weichen gestellt.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.skf-amberg.de
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