30.11.2017 - 11:40 Uhr
Oberpfalz

Wenn es bei der 112 klingelt: Eine Spätschicht in der Integrierten Leitstelle Amberg

Man könnte sie Helden im Verborgenen nennen. Denn die Mitarbeiter der Integrierten Leitstelle (ILS) koordinieren den Einsatz, noch bevor die Feuerwehrleute und Rettungskräfte am Unfallort oder beim Brand eintreffen. Sie müssen in Sekundenschnelle von Fall zu Fall umschalten, denn beim nächsten Anruf kann es wieder um Leben und Tod gehen. Ein Besuch in der Spätschicht der Amberger ILS.

Wie die Kommandozentrale eines Raumschiffs: Auf fünf Monitoren haben die ILS-Mitarbeiter Christoph Tresch (links) und Schichtführer Christian Jobst sämtliche Daten zu Einsätzen vorliegen.
von Stephanie Wilcke Kontakt Profil

Als Christoph Tresch an diesem Novembernachmittag als Disponent gegen 13.45 Uhr seinen Dienst in der ILS in Amberg antritt, herrscht Gewusel an den Schreibtischen der Kommandozentrale. Die Kollegen sprechen mit den Einsatzkräften draußen per Funk, immer wieder ertönt der laute Ton eines Schiffshorns - das Zeichen, dass ein Rettungsdienstmitarbeiter dringend mit der Leitstelle sprechen muss. Was ist passiert?

Fünf Minuten zuvor hatte ein Autofahrer, der auf der A 93 zwischen Nabburg und Schwarzenfeld unterwegs war, auf seinem Handy den Notruf 112 gewählt. Er meldete einen Unfall, bei dem zwei Fahrzeuge im Straßengraben gelandet waren. Der diensthabende ILS-Telefonist nahm innerhalb von Sekunden den Fall auf, mit einem Klick landete das Dokument auf den beiden Schreibtischen der Disponenten für Feuerwehr und Rettungsdienst. Sie sind dafür zuständig, dass die richtigen Einsatzkräfte, benötigtes Material beziehungsweise Fahrzeuge dort landen, wo sie hinmüssen. In diesem Fall geht man in der ILS davon aus, dass Personen im Wagen eingeklemmt sein könnten. Die Feuerwehr hat daher eine hydraulische Schere dabei. Jetzt wird die Alarmierung ausgelöst: Bei Dutzenden freiwilligen Feuerwehrleuten und den Rettungsdienstlern in Bereitschaft piepst nun das Gerät. Es geht los.

Feuerwehr regelt Verkehr

Sieben Minuten nachdem der Notruf des Mannes auf der A 93 abgesetzt war, funkt nun ein Rettungsdienst, der als Erstes am Unfallort ankommt, seinen Disponenten in Amberg an. "Es sind keine Personen eingeklemmt", gibt er Entwarnung. Dennoch sind zwei Leichtverletzte und drei mittelschwer Verletzte zu versorgen. In der ILS muss derweil abgeklärt werden, welches Krankenhaus in der Region die Verletzten aufnehmen könnte.

Tresch, der mittlerweile die Schicht seines Vorgängers - und damit auch den Unfall - übernommen hat, hat gar keine Zeit, lange nachzudenken. Er ist sofort gefordert. Es piepst: Ein Feuerwehrmann meldet per Funk, dass die Autobahn nun gesperrt sei, der Verkehr werde ausgeleitet. "Die Autobahn wird meist komplett gesperrt, weil nur so die Sicherheit der Einsatzkräfte zu gewährleisten ist", sagt er.

Später, gegen 15.10 Uhr, wird sich der letzte Feuerwehrmann an der A 93 bei Tresch abmelden. "Nun ist nur noch die Polizei dort. Vonseiten der Feuerwehr ist der Fall damit beendet", erklärt der 29-Jährige. Und was ist mit den Verletzten? Wie ist der Unfall überhaupt passiert? Wer trägt die Schuld? "Das interessiert uns eher weniger. Es ist Aufgabe der Polizei, das herauszufinden", sagt Tresch. Manchmal überprüft er noch, ob er eine Straßenmeisterei kontaktieren muss. Denn bei Unfällen müssen oft die Fahrbahnen von Diesel und Öl gereinigt werden. Weiter bleibt keine Zeit, über den Unfall nachzudenken. Denn schon wieder klingelt es.

Diesmal ploppt der Alarm einer Brandmeldeanlage eines großen Betriebs im Wackersdorfer Innovationspark auf: In einer Halle soll es brennen. Tresch denkt sofort an einen Fehlalarm. "Aber auch wenn es so ist, müssen wir zunächst die Einsatzkräfte verständigen. Nur sie können sagen, ob es brennt oder nicht." Wieder geht die Meldung über den Piepser an die Feuerwehrleute vor Ort und die Werkfeuerwehr heraus. Eine Minute später die Entwarnung: Der Leiter der Werkfeuerwehr ist in die betroffene Halle geeilt - eine Kiste sei auf den Druckknopfmelder gefallen. Tresch informiert die Einsatzkräfte im Ort: Rückzug.

Handy in der Hosentasche

Derweil erlebt Treschs Kollege Michael Sachs, der heute die Telefonschicht innehat, wieder einmal einen sogenannten Hosentaschen-Anruf: Der 40-Jährige meldet sich routiniert mit "Notruf für Feuerwehr- und Rettungsdienst, grüß Gott", doch am anderen Ende ist ein fluchender US-Amerikaner zu hören. Mehrmals spricht Sachs ihn an. Es ist zu hören, dass der Mann sein Handy in der Hosentasche trägt. Immer wieder rauscht es, die Leitung knackt. Das Handy hat wohl selbstständig den Notruf gewählt.

Sachs sieht auf seinem PC, welche Telefonnummer anruft. In diesem Fall ist auch zu erkennen, in welchen Standort sich das Handy eingewählt hat. "Da ich aber keine Not heraushöre, rufe ich nicht zurück", sagt er. Anrufe dieser Art werden in dieser Schicht noch häufiger vorkommen.

Brand, Unfall, Hosentaschen-Anrufe oder auch nur ein einfacher Krankentransport eines Patienten von Krankenhaus zu Krankenhaus: Für alles gilt der Notruf 112. "Es ist ein abwechslungsreicher Beruf", sagt Sachs, der selbst sieben Jahre lang als Rettungsdienstmitarbeiter draußen unterwegs war. "Schlagartig musst du umdenken: vom medizinischen Notfall zu Hause zum Brandeinsatz auf einem Bauernhof, wo ganz andere Dinge von mir am Telefon abgefragt werden müssen." Ein schlechter Einsatz der Kräfte draußen beginne mit einem schlechten Telefonat in der ILS, erklärt er. "Davon hängt viel ab. Wir geben den Einsatzkräften ein erstes Lagebild. Sie erfahren von uns, was sie am Unfallort erwarten kann." Man sei vielleicht ein Held im Verborgenen. Denn: "Wen würde man in der Not anrufen, wenn es uns nicht gäbe?"

Wer? Und Wo?

Das rote Lämpchen an Sachs' Schreibtisch leuchtet auf - das Telefon läutet: Eine Frau, völlig außer Atem und aufgeregt, erklärt, dass ihr Freund, seit er geduscht habe, über Herz-Kreislaufbeschwerden klagt. "Bitte schicken Sie einen Rettungswagen." Sachs unterbricht sie gleich und fragt nach der Straße, in der sie wohnt. "Im Eifer des Gefechts vergessen die Anrufer oft die ganz wichtigen Dinge: Wohin soll Hilfe kommen?", sagt er danach. Die Antworten auf Wer? und Wo? müssten sofort geklärt werden, denn "was ist, wenn die Verbindung plötzlich abbricht?". Das Adrenalin ist bei vielen Anrufern deutlich zu hören. Sachs' Stimme bleibt ruhig - manchmal hilft es.

Doch es gibt Ausnahmen: Denn die Arbeit der ILS-Mitarbeiter kann mitunter emotional grenzwertig werden: Vor einigen Wochen musste Kollege Tresch zum Beispiel einen 14-Jährigen telefonisch zu einer Reanimation seiner leblosen Oma anleiten - bis der Notarzt kam. "Er hat es gut gemacht. Aber leider war die Reanimation nicht erfolgreich." So etwas gehe ihm nahe, manchmal ist der 29-Jährige froh, dass ein Telefon dazwischen ist. "Ich nehme das jedoch nicht mit nach Hause. Das ist wichtig", sagt er. Auch er weiß: Beim nächsten Klingeln kann es wieder um Leben und Tod gehen.

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