27.01.2017 - 17:14 Uhr
Oberpfalz

Eine-Welt-Laden institutionalisiert Globales Lernen an den Schulen: Ambergs erste Akademie für Weltretter

Sie heißt "Zukunftsakademie Lernen global" und ist bisher bundesweit einmalig. Ihr Lehrkonzept ist so schlüssig, dass es Modellcharakter für weitere Ableger in ganz Deutschland hat. Darauf ist der Eine-Welt-Laden Amberg schon ein wenig stolz, der diese Initiative unter seinem Vereinsdach gegründet hat und jetzt damit gezielt an die Öffentlichkeit geht.

Ja, Afrika hat viele Kinder. Aber laut Zukunftsakademie ist weder das Bevölkerungswachstum ein Problem noch die mögliche Ertragslage des Kontinents. Die Ernten könnten ums Achtfache gesteigert werden, wenn den Menschen nicht weniger ergiebiges Saatgut von Konzernen angedreht werden würde.
von Thomas Amann Kontakt Profil

Zum einen natürlich, um sein neues Kind bekannt zu machen. Zum anderen aber auch, um möglichst viele Multiplikatoren zu finden für die Themen, die dahinterstecken. Es geht um Armutsbekämpfung, Klimaschutz und die gerechtere Verteilung der Güter auf der Erde. Drei Mammutaufgaben, die viel stärker angepackt werden müssen als bisher, weil es um nicht weniger als die Zukunft der Welt oder besser der Menschheit geht.

Das sagt Dr. Helmut Kollhoff, der Vorsitzende des Eine-Welt-Ladens, relativ gelassen, auch wenn er weiß, dass die Zeit dafür drängt. Doch er glaubt, dass es einen Weg gibt, dem Riesenthema beizukommen: vor allem durch junge Menschen, denen die Zukunft gehört - die sie selber in die Hand nehmen müssen, um für sich und andere sichere Lebensbedingungen zu schaffen.

Junge Leute als Chance

So trägt ein Heft, das Kollhoff für den Unterricht in Schulen verwendet, auch den Titel "Die Welt braucht dich". Die Anrede gilt Schülern unterschiedlicher Jahrgangsstufen, die anders formuliert als "Stellenanzeige" auch so lauten könnte: "Sieben Milliarden Menschen suchen zum schnellstmöglichen Zeitpunkt einen Weltretter". Ausgerechnet auf junge Leute soll es ankommen, die in der Regel ohne gesellschaftliche Macht und viel Geld dastehen. Doch vielleicht ist genau das die Chance, lautet der Ansatz.

Das Unterrichtsheft beschreibt ihn so: "Die Welt braucht Leute, die nicht nur danach fragen, wie sie möglichst schnell zu mehr Geld und Wohlstand kommen. Sie braucht Menschen, die nicht nur ihren heutigen Vorteil suchen, sondern auch an die Zukunft des Planeten denken. Sie braucht Weltbürger, die im Blick haben, ob unsere Lebensweise die Lebensmöglichkeiten am anderen Ende der Erde einengt oder verbessert. Wer sollte zu einem solchen Weitblick fähig sein, wenn nicht die Jugend? Oder glaubt jemand ernsthaft, weltweite Armut, Entwicklung und Klimawandel kämen ganz oben auf die politische Tagesordnung, wenn nicht die Jugend dafür sorgt?"

Schüler lauschen gebannt

Das Thema global lernen und handeln gibt es zwar schon länger, aber so richtig institutionalisiert will es die neue Zukunftsakademie des Eine-Welt-Ladens an potenzielle Empfänger bringen. Im ersten Stepp sind das laut Kollhoff eben die Schulen. Er selbst ist seit gut fünf Jahren am Erasmus-Gymnasium tätig, um diese Saat in den Köpfen der Schüler zu säen.

Mit Erfolg, wie man sieht, wenn man eine seiner Unterrichtsstunden begleitet. Da sitzen Gymnasiasten von der fünften bis zur zwölften Jahrgangsstufe ganz still - gebannt von den globalen Zusammenhängen und ihren Auswirkungen, die Kollhoff ziemlich deutlich beschreibt. Er redet zum Beispiel von der Ausbeutung Afrikas durch die reichen Länder und Konzerne. Vor ganz aktuellem Hintergrund: Schließlich kommt ein großer Teil der Flüchtlinge, die nach Europa strömen, bereits jetzt von diesem Kontinent. Sie verlassen ihre Heimat, weil ihnen dort die Grundlagen für ein gutes Leben entzogen sind, sie regelrecht in einer Spirale von Armut, Hunger und Stagnation gefangen gehalten werden. Bewusst, wie Kollhoff an einem plakativen Beispiel verdeutlicht.

Auf dem Land ist die Zahl der Hungernden nach seiner Auskunft in den vergangenen 20 Jahren von 300 auf 400 Millionen angewachsen. Und das, obwohl Projekte zeigten, dass mit heimischen Mitteln die Ernteerträge bis aufs Achtfache gesteigert werden könnten. "Wenn man diesen Menschen jedoch Saatgut von Konzernen gibt, das selbst für die nächste Aussaat nicht mehr austreibt, muss der Bauer fortwährend jedes Jahr neues kaufen. Nach einer schlechten Ernte hat er aber kein Geld mehr dafür", schildert Kollhoff. Eine staatliche Entwicklungspolitik, die dies befördere, mache sich schuldig an diesen Afrikanern. Und an den unweigerlich folgenden Flüchtlingsströmen.

Anlass zu Optimismus

Doch das Bild ist nicht nur düster. "Es gibt auch Anlass zu Optimismus mit vielen Geschichten vom guten Umgang mit der Welt", betont der Vereinsvorsitzende und nennt zum Beispiel eine EU-Initiative, die globale Konzerne zur Offenlegung zwingen will, ob sie in Entwicklungsländern Steuern für ihre Kupfer- oder Ölförderungen zahlen. Darüber hinaus existiere das Bestreben aller an der Rohstoffförderung beteiligten Akteure, sich für Transparenz der fließenden Gelder einzusetzen. "Es gibt Initiativen, die mit lokalen Währungen die Wertschöpfung in der Region halten, um den Wachstumszwang, der durch die Verzinsung von Kapital entsteht, zu entschärfen", so der Chef des Eine-Welt-Ladens. Ferner hebt er sogenannte Gemeinwohl-Ökonomien hervor, die die Wirtschaft dahin brächten, was sie laut Bayerischer Verfassung leisten soll: dem Gemeinwohl zu dienen.

Aktionen, die fair und ökologisch hergestellte Kleidung vertreiben - zum Beispiel "I am free", eine von Amberger Studenten gegründete AG -, gehören für Kollhoff ebenso in die Positivliste wie ein Runder Tisch von Bundesentwicklungshilfeminister Gerd Müller zu ebenso fair produzierten Textilien in Asien. "All das ist wenig bekannt, weil es einen Interessenkonflikt mit globalen Konzernen und deren Lobby aufzeigt. Aber es macht Mut, sich an der Veränderung zu beteiligen", meint der Amberger. Sein Appell: "Rühren Sie sich, indem Sie bei uns oder in anderen Initiativen mitmachen und der Forderung nach fairem und ökologischem Verhalten Nachdruck verleihen. Auch wenn es uns 50 Prozent unseres materiellen Wohlstands kostet. Damit die Menschen im globalen Süden weiter zu Hause leben können. Denn wenn sie in großer Zahl zu uns kommen, werden wir alle nicht glücklich. Es ist also nicht nur christlich und human, sondern es ist auch der Wunsch nach einem friedlichen Miteinander, der uns antreibt."

EG trifft Politiker in Berlin

Dass es ein "Weiter so" nicht geben kann, ist selbst vielen Politikern klar. Den mitziehenden Schülern des Erasmus-Gymnasiums, denen möglichst viele weitere Jungen und Mädchen von allen Schulen folgen sollen, sowieso. Schon zum zweiten Mal waren die EG'ler mit Kollhoff am Donnerstag und Freitag in Berlin, um mit Regierungsvertretern über diese Themen zu diskutieren.

Neue Kinofilmreihe

"Kino für Herz und Hirn": Diesen Untertitel trägt eine neue Filmreihe, mit der die Zukunftakademie Lernen global ihr Thema stärker in den Blickpunkt rücken will. Ab Februar soll es zunächst ein halbes Jahr lang jeweils am dritten Dienstag im Monat um 20 Uhr (im April wegen Ostern am vierten) im Cineplex aufrüttelnde Dokus samt Einführung und anschließender Diskussion über globale Probleme und ihre Hintergründe geben.

Den Auftakt macht am 21. Februar der Streifen "Population Boom" von Werner Boote zum Bevölkerungswachstum. Nach seiner Ansicht wird es meist mit "Horrorszenarien" wie knappen Ressourcen, Müllbergen, Ausbeutung des Planeten und womöglich noch mehr Kriegen dargestellt. "Dieses Bild existiert bereits seit dem 18. Jahrhundert - doch was ist wirklich dran an diesen Voraussagen?", heißt es in einer Presseinfo. Der Film wolle klären, wie realistisch solche Prognosen sind und "wer eigentlich zu viel auf unserer Erde ist".

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