Frührentner mit 33 Vorstrafen: Jetzt kommt Nummer 34
Fast wie beim legendären Rucksacksepp

Symbolbild: dpa

Der Mann ist eine Art Quelle der Inspiration für Gerichtsreporter. Andererseits aber kommt ihm der Ruf zu, bei der Polizei als ägyptische Landplage zu gelten. Wann immer er bisher bei seinen 33 Vorstrafen auftauchte, waren zwei Dinge im Spiel: Sein Fahrrad und der Alkohol.

Der Vergleich mit dem für Amberg nahezu legendären Rucksackseppp rückt allmählich in greifbare Nähe. Wobei der Sepp vor nun gut vier Jahrzehnten bei 31 Vorstrafen blieb und sich mehr auf den Diebstahl von Jahreskalendern an den Treppenaufgängen der Oberbürgermeister konzentrierte. An Schlitzohrigkeit aber kam er dem gleich, der ihn nun längst im Ahndungsregister überholt hat. In der Grundeinstellung freilich sind sich beide gleich geblieben: "Ich bin unschuldig, Euer Gestrengen!"

Da war er also wieder, der 62-Jährige. Angeblich grundlos vor die Justiz gezerrt wie immer und mit dem sich selbst bedauernden Spruch auf den Lippen: "Es kann sein wie es will. Ich bin immer der Depp." Verfolgt, trotz menschlicher Gutheit. An der langen Nase herumgeführt wie einst Cyrano de Bergerac von anderen und besonders von der Justiz. Wehrlos, der Ordnungsmacht schlicht ausgeliefert.

Worum handelte es sich bei diesem 34. Fall, der ihn vor die Amtsrichterin Sonja Tofolini führte? Eher marginal, aber dennoch aktenkundig wegen permanenter Resistenz gegen gültige Gesetze. Mit 1,81 Promille auf dem Fahrrad. Heftig am Malteserplatz gegen Mitternacht in die Pedale tretend wie ehedem Fausto Coppi. Was den Vergleich mit dem legendären Italiener mit sich brachte, war: Auch der Tour-de-France-Gewinner hatte einmal geäußert, mit seinem Drahtesel verheiratet zu sein. Unterhalb der Georgskirche schritten Polizisten gegen den Mann und seine "Gemahlin" ein. Sie holten den 62-Jährigen vom Bike, ordneten eine Blutentnahme an und bekamen 1,81 Promille attestiert. "Ich habe das Rad geschoben", behauptete der Angeklagte. Doch das verwies ein Uniformierter in den Bereich der Fabel und berichtete gleich auch noch, der Mann sei aggressiv und ausfällig geworden. "Niemals", entgegnete der Frührentner und lenkte den Blick der Richterin auf ein biblisches Ereignis: "Man nagelt mich immer ans Kreuz."

Dann folgten Ausführungen der sportlichen Art. Mit dem Fahrrad einst bis nach Barcelona, kein Problem auch die Strecke nach Stuttgart und zurück. Das Fahrrad als lebenslange Gefährtin. Nicht nur das. "Ich war Steilwandfahrer im Zirkus." Und mehr noch als Eintrag auf der Visitenkarte: "Ich räume jeden Käfer und Wurm aus dem Weg, bevor ich ihn überfahre." Ein Ausbund an Güte. Verfolgt und traktiert von staatlicher Missgunst. Die Richterin war erstaunt. Sie erinnerte sich an spektakuläre Anklagen aus der Vergangenheit. Der Mann leerte am frisch aufgeschütteten Grab eines Kumpels am Katharinenfriedhof einen Kasten Bier und ließ seltsam gröhlende Gesänge zum Ruhm des Verblichenen ertönen. Er kam mit herausgesprungener Fahrradkette gleich einem Marathonläufer beim ACC daher, ging einem Saufkumpan mit der Schere ans Ohr, rammte Gartenzäune und täuschte im April vergangenen Jahres eine Herzattacke vor, als man im Amtsgericht seine Vorstrafen verlas. Da kamen Notarzt und Sanitäter.

Und jetzt dieses neuerliche Spektakel. Inszeniert nach Meinung des 62-Jährigen durch unliebsame Zeitgenossen in Uniform. Nur um einen durch und durch anständigen Menschen in Misskredit zu bringen. Die Staatsanwältin verlangte wegen Trunkenheit ein paar Monate Haft ohne Bewährung, Verteidiger Jörg Jendricke beharrte auf einer weiteren Bewährungschance. Die bekam der 62-Jährige. Verbunden mit einer Auflage, die er argwöhnisch vernahm: Er muss zwei Jahre in eine betreuende Wohngemeinschaft. Man wird sehen, ob er dort Quartier nimmt. Doch gewiss ist: Sein Fahrrad, die Windsbraut der Fortwegung und auch mitunter als Gehhilfe dienend, muss mit.

Zur gerechten Bestrafung fiel dem Mann ein, man möge ihm fortan die Kette aus seinem Bike dauerhaft per Amtsanordnung entfernen. Zumal er seinen Drahtesel ohnedies nur noch als Stütze bei seinen Ausflügen brauche. Diesen seltsamen Wunsch machte die Richterin zur Bewährungsauflage: Der 62-Jährige muss Kette und Sattel entfernen.
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