21.08.2017 - 10:46 Uhr
Oberpfalz

Geldnot kann Trägerwechsel erzwingen Bangen um kirchliche Kindergärten

Ist ein Kindergarten für eine Pfarrei mittlerweile eine fast schon unkalkulierbare finanzielle Belastung? Oder ein unverzichtbares Instrument zur Zukunftssicherung? Und was überwiegt, wenn er beides ist?

Die an das Personal und die räumliche Ausstattung gestellten Anforderungen sind in der Kinderbetreuung hoch. Das kosten viel Geld. Deshalb stellt die Diözese Regensburg in einem Leitlinien-Papier grundsätzlich zur Disposition, sich gegebenenfalls aus Kindergarten-Trägerschaften zurückzuziehen.
von Markus Müller Kontakt Profil

Millionenbeträge müssen die Kirchenstiftungen immer dann aufbringen, wenn Generalsanierungen anstehen. Das fällt vor allem finanzschwachen Pfarreien schwer. Ein Beispiel dafür ist St. Georg in Amberg, wo man als Ausweg auf die Methode verfiel, einen Teil des Kindergartengrundstücks zu verkaufen, um Geld für die mittelfristig anstehende Sanierung des Christkönig-Kindergartens zu beschaffen. Das kam beim Elternbeirat gar nicht gut an. Er organisierte eine Protestaktion. Jetzt laufen Verhandlungen, den Verkauf rückgängig zu machen. "Das ist noch nicht entschieden", sagt Kirchenpfleger Hans Paulus auf AZ-Nachfrage. "Aber die Tendenz geht hin zu einer Rückabwicklung."

In Kastl wird sich die Diözese Eichstätt an der Generalsanierung des Kindergartens Marienheim nicht beteiligen, die Ausgaben werden wohl an der politischen Gemeinde hängenbleiben. In Kümmersbruck haben Pfarrei und Kommune Gespräche aufgenommen, wie man die Sanierung der Kindertagesstätte St. Raphael stemmen könnte. Mögliche Optionen: Die Gemeinde wird Eigentümerin des Grundstücks, die Kirche gibt die Trägerschaft der Einrichtung ab.

Viel Herzblut für die Kindergärten

So eine Entscheidung fällt keiner Pfarrei leicht. "Ihnen allen ist es ganz wichtig, Kitas zu betreiben", weiß Regionaldekan Ludwig Gradl nicht zuletzt aus den Gesprächen bei seinen Visitationen in den Pfarreien. Die Pfarrer und ihre Mitarbeiter kümmerten sich mit viel Herzblut um die Kindergärten, "weil sie sehen: Da wächst einfach was."

Diese positive Resonanz erfahre man auch von Kindern, die nicht katholisch seien, ebenso von Kindern aus Migrantenfamilien. "Schon wenn man zwei, drei Mal dort war, kennen sie einen und grüßen auf der Straße. Darauf kann man aufbauen." In Gradls Augen ist es für die Kirche deshalb "eine schöne Aufgabe", Kindergärten zu betreiben. Damit verbunden ist quasi das Versprechen oder zumindest die Hoffnung, "dass das Glaubensleben weitergeht".

Einen anderen Schwerpunkt setzen die Richtlinien für Kindertageseinrichtungen, die im Mai 2016 im Amtsblatt der Diözese Regensburg veröffentlicht wurden. In den Erläuterungen dazu, die vor ziemlich genau einem Jahr von der Bischöflichen Finanzkammer an die Pfarrämter gingen, ist von einer "Begrenzung der Gruppenzahl" die Rede, die sich als pädagogisch sinnvoll erwiesen habe und auch den Verwaltungsaufwand auf ein für Pfarrer und Ehrenamtliche in der Kirchenverwaltung tragbares Maß reduziere. Kirchliche Kindertageseinrichtungen und die damit einhergehende christliche Wertevermittlung lägen der Diözese weiterhin sehr am Herzen, heißt es darin. Eine Begrenzung der Gruppenzahl ermögliche jedoch, dass "allzeit ein hoher Qualitätsstandard der kirchlichen Kindertageseinrichtungen gewährleistet werden kann".

Einzelfallentscheidungen

Wie sieht nun die angesprochene Begrenzung konkret aus? Die Richtlinie ist da sehr klar: "Für eine Pfarrei ist dies in der Regel eine Einrichtung mit bis zu vier Gruppen. Bei Pfarreiengemeinschaften mit zwei Pfarreien soll die Gesamtgruppenzahl in der Regel sechs, bei Pfarreiengemeinschaften mit drei Pfarreien in der Regel acht Gruppen nicht überschreiten. Hort- und Krippengruppen werden entsprechend als Kindergartengruppen gezählt." Sollte die Katholische Kirchenstiftung der einzige Träger in einer Kommune sein, ist jeweils eine Gruppe über die genannten Zahlen hinaus möglich.

Einen Bestandsschutz für Einrichtungen mit höherer Gruppenzahl als im hier definierten Regelfall macht die Richtlinie von der Wirtschaftskraft der Kirchenstiftung und der Belastung für den Pfarrer abhängig. Dann seien Einzelfallentscheidungen einer eigens dafür eingesetzten Arbeitsgruppe herbeizuführen.

In den Richtlinien ist nicht davon die Rede, dass die Kirche grundsätzlich ihre Ausgaben reduzieren müsse. Auch die Vorgabe, dass jede Pfarrei nur noch einen Kindergarten betreiben dürfe, taucht nicht auf. Die Möglichkeit eines Trägerwechsels ist aber genannt: "Über die Abgabe von Kindertagesstätten in Bau- und/oder Betriebsträgerschaft einer Kirchenstiftung entscheidet grundsätzlich die Ordinariatskonferenz."

Was das in der Praxis bedeuten kann, zeigt das Protokoll einer Sitzung des Pfarrgemeinderates von Ludwig Gradls Pfarrei Hl. Dreifaltigkeit vom 21. November 2016. Hier wird informiert, dass man im Ordinariat eine Generalsanierung des Kindergartens Hl. Dreifaltigkeit beantragt habe, verbunden mit der Einrichtung einer Kinderkrippe (auf Anregung der Stadt Amberg).

Trägerwechsel?

Die Arbeitsgruppe im Ordinariat äußerte sich grundsätzlich positiv dazu, wollte aber mehrere Punkte beachtet wissen. Unter anderem, dass die Pfarrei sich an die Richtlinie über die begrenzte Gruppenzahl hält. Als Pfarreiengemeinschaft mit Hl. Familie dürfte man sechs Gruppen betreiben. Zusammen mit der neu hinzukommenden Krippe wären es aber acht. Deshalb erhielt laut Protokoll die Pfarrei die "Auflage, dass mittelfristig das Haus Nazareth an einen anderen Träger verkauft wird - bis dahin darf keine Generalsanierung durchgeführt werden". Haus Nazareth ist einer von zwei Kindergärten der Pfarrei. Pfarrer Gradl sieht keine Gefahr, dass hier sehr schnell ein Trägerwechsel ansteht. "Das Haus Nazareth bleibt mittelfristig auf jeden Fall bei der Pfarrei."

Es sei auch noch nicht klar, ob die Regel, dass jede Pfarrei nur einen Kindergarten betreiben dürfe, so strikt umgesetzt werde. Aber eine Generalsanierung sei natürlich eine enorme finanzielle Belastung, weshalb man darüber mit der Finanzkammer ins Gespräch kommen müsse, um individuelle Regelungen zu finden. Denn aus eigener Kraft sei das nicht zu stemmen.

Wenig Spielraum

Ein Darlehen könne die Kirchenstiftung nach den rechtlichen Vorgaben nur unter größten Schwierigkeiten aufnehmen, und ohnehin sei die Pfarrei ja nicht gerade reich: "Wir haben wenig Spielräume." Das gelte praktisch für alle Stadtpfarreien - im Gegensatz zu Pfarreien auf dem flachen Land, die nicht so viele hauptamtliche Kräfte finanzieren müssten. "Wir sind auf Spenden angewiesen", fasst Gradl die Situation von Hl. Dreifaltigkeit zusammen. "Große Sprünge machen können wir nicht."

Kommt dann also doch irgendwann ein anderer Träger für Haus Nazareth? Gradl weiß es nicht, weist aber darauf hin, dass auch unter einer anderen Trägerschaft eine Pfarrei weiterhin Kontakt zu einem Kindergarten halten kann, um dort religiöse Erziehung zu leisten. "Die Kirche ist damit nicht ausgesperrt."

Die Quote

Im Bistum Regensburg gibt es laut Pressesprecher Clemens Neck rund 400 (katholisch-)kirchliche Kindergärten. In Amberg sind es 12 (von insgesamt 18). Im Landkreis Amberg-Sulzbach sind von insgesamt 64 Kindertageseinrichtungen 27 in Trägerschaft von Pfarreien des Bistums Regensburg. (roa/ll)

Die Förderung

Wie die Förderung von Kindergarten-Generalsanierungen in der Diözese Regensburg derzeit geregelt ist, erläuterte auf AZ-Nachfrage deren Pressesprecher Clemens Neck:

"Für Kindertageseinrichtungen in Trägerschaft von Kirchenstiftungen stellen wir einen Zuschuss aus Kirchensteuermitteln zu Generalsanierungen, Ersatzbauten oder Erweiterungsbauten in Höhe von bis zu 16 Prozent der förderfähigen Kosten bereit. Voraussetzung hierfür ist der Abschluss unserer Mustervereinbarung mit der Mindestregelung, dass sich die jeweilige Kommune verpflichtet, zwei Drittel der tatsächlichen Investitionskosten zu übernehmen und sich für eine Laufzeit von 25 Jahren (Zweckbindung der staatlichen Fördermittel) verpflichtet, 80 Prozent eines eventuellen Defizits der Einrichtung zu übernehmen." Eine weitere Voraussetzung sei die Einhaltung der Kriterien zur Begrenzung der Gruppenzahl pro Pfarrei. (roa)

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