Heiligabend in den Kirchen
Die Wahrheit über Weihnachten

Die stimmungsvolle Georgskirche bei der Christmette an Heiligabend: Diakon Thomas Meier machte sich in seiner Predigt laute Gedanken über den Sinn und den Wert von Weihnachten. Bild: Petra Hartl (3)
 
"Gott ist gerade an unseren dunklen Kammern interessiert. Er will das Dunkle in uns mit seinem Licht und seiner Botschaft erleuchten. Wenn wir ihn nur lassen!" Zitat: Diakon Thomas Meier

Weihnachten - ein einfaches Wort. Doch die Bedeutung dahinter ist so enorm, dass sie nicht in wenige Sätze verpackt werden kann. Pfarrer Joachim von Kölichen von der Paulanergemeinde und Diakon Thomas Meier, der in St. Georg predigte, machten sich an Heiligabend genau darüber Gedanken. Und näherte sich somit unaufhaltsam der Wahrheit über Weihnachten.

Schönste Zeit des Jahres oder Zwangsjacke aus Brauchtum und Erwartungen? Das mögen laut Joachim von Kölichen die beiden Extreme sein; doch dazwischen finde sich Platz für Abstufungen: "Pures Glück, Drama, leider auch immer wieder Tragödien." Der Geistliche stellte bei der Christvesper die Frage, ob man zu Weihnachten mehr aus der Hoffnung auf "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden" leben soll und feiern darf, oder ob all die Widersprüche, die es gegen den erhofften Frieden gibt, von Berlin bis Aleppo - ob all diese Widersprüche Weihnachten "nur als große Anklage gegen die Welt" zulassen dürfen.

Und das Gegenteil davon

Ein vielzitierter Satz, der dem ersten indischen Ministerpräsidenten Jawarhalal Nehru zugeschrieben wird, könnte, auf Weihnachten angewendet, laut Kölichen "die Mutter aller Weihnachtspredigten" sein. Angeblich soll Nehru einem westlichen Besucher folgende Feststellung mit auf den Weg gegeben haben: "Alles, was Sie über Indien sagen können, ist wahr. Und das Gegenteil auch." Der Pfarrer ersetzte "Indien" durch "Weihnachten": "Alles, was wir über Weihnachten sagen können, ist wahr. Und das Gegenteil auch." Natürlich seien neben ehrlichen Einschätzungen immer auch viel Zynismus, Eigensucht und Manipulation im Spiel.

Denn mit Weihnachten werde ja nicht nur an den Mensch gewordenen Gott gedacht, der aus Liebe zur Welt handelt, sondern: "An Weihnachten werden Geschäfte gemacht, Beziehungsdramen ausgelebt, Erinnerungen geweckt und verdrängt."

Über den Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin könne man Richtiges und Falsches sagen. Beides werde seit Tagen ausgiebig getan. Doch weder das Richtige noch das Falsche sei tröstlich, sondern schmerzlich, vor allem für die Opfer. Von Kölichen: "Aber Weihnachten ist die Geschichte, dass Gott Mensch wird, damit die Menschen aufhören können, Gott zu spielen. Denn das ist das Urdrama zwischen Mensch und Gott gewesen. Vorbei mit dem Kind in der Krippe." Diese Geschichte könne man glauben oder nicht, aber sie lasse eben kaum einen kalt. Genau wegen der erlösenden Botschaft: Wenn Gott Kind wird, dann hältst du am besten Kontakt mit ihm durch das Kind in dir. Deswegen sei alles, was über Weihnachten gesagt wird, inklusive dem Gegenteil, immer auch ein Anzeichen, "wie ich es mit dem Kind in mir halte". Bei Weihnachten handele es sich eben um keine Nachricht, die stimmt oder nicht, sondern um eine Glaubenserzählung.

Weihnachten - dieses Wort hat Diakon Thomas Meier vor den Ferien in der Schule an die Tafel geschrieben und gefragt, was Kinder damit in Verbindung bringen. Die Antworten: "Geschenke, Weihnachtsmärkte und gutes Essen." Schwieriger wurde es bei: " Worum geht es an Weihnachten? Was passiert an Weihnachten? Und: Inwiefern hat das mit mir und meinem Leben zu tun?" Die Bibel biete keine direkte Antwort: "Vielleicht fehlen uns aber einfach auch nur die Zeit und vor allem die Lust, diese kompakten Texte in unserem stressigen Alltag genau unter die Lupe zu nehmen, um deren Zeitlosigkeit und Aktualität zu erkennen." Meier näherte sich mit Blick auf Gott der Antwort auf seine Weise: "Wenn auch wir ihm die Türe öffnen und ihn bei uns einziehen lassen, dann müssen wir ihm auch unser Herz zur Verfügung stellen." Doch das Herz reiche Gott nicht aus: "Auch in unsere dunklen Kammern und unsere letzten Ecken will er einziehen. Er zieht sich nicht zurück, wenn wir krank, enttäuscht oder einsam sind. Ganz im Gegenteil: Gott ist gerade an unseren dunklen Kammern interessiert. Er will das Dunkle in uns mit seinem Licht und seiner Botschaft erleuchten. Wenn wir ihn nur lassen!"

In die Rumpelkammer

Einen dritten Raum gebe es, in den Gott einziehen möchte: In die Rumpelkammer. "Er will uns helfen, den Ballast aufzuräumen, der sich angesammelt hat. Lassen wir ihn entrümpeln und hinauswerfen, was wir unnötigerweise mit uns herumschleppen: Vorurteile, Ausflüchte, verdrängte Schuld, alte Verletzungen. Gott will die Finsternis in uns erleuchten." Gott wolle die Wunder eines offenen und gelungenen Lebens. Der Diakon: "Dann ist die Botschaft aktuell und es wird wirklich Weihnachten, dann wird Gott Mensch und wohnt mitten unter uns - 365 Tage im Jahr."

Gott ist gerade an unseren dunklen Kammern interessiert. Er will das Dunkle in uns mit seinem Licht und seiner Botschaft erleuchten. Wenn wir ihn nur lassen!Diakon Thomas Meier


Weihnachten ist die Geschichte, dass Gott Mensch wird, damit die Menschen aufhören können, Gott zu spielen.Pfarrer Joachim von Kölichen
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