08.06.2017 - 20:10 Uhr
Oberpfalz

Immer öfter krachen Lastwagen in Warnanhänger Immer diese Laster-Fahrer

Die Gefahr ist immer und überall. Sekunden und Millimeter entscheiden über Wohl und Wehe - im Extremfall über Leben und Tod. Vor allem bei den Männern in Orange auf der Autobahn.

Leuchtend orange und mit vielen blinkenden LEDs versehen - die Fahrzeuge der Autobahnmeistereien fallen eigentlich auf. Dennoch krachen immer wieder Lastwagen hinein. Dieser Unfall ereignete sich im Herbst 2016 auf der A 6 bei der Anschlussstelle Sulzbach-Rosenberg. Der Mitarbeiter der Autobahnmeisterei wurde schwer verletzt. Die Reparatur des Lastwagens samt Anhänger kostete rund 150 000 Euro. Archivbild: gf
von Alexander Rädle Kontakt Profil

Amberg/Weiden. Donnerstag, 1. Juni: Auf der A 93 bei Pfreimd kracht ein Kleintransporter frontal in einen Sicherungsanhänger auf dem rechten Fahrstreifen. Der Fahrer hatte offenbar alle drei Vorwarntafeln übersehen. Die Bilanz: ein verletzter Straßenwärter sowie knapp 70 000 Euro Schaden an Warnanhänger und dem ziehenden Lastwagen. Dienstag, 9. Mai, auf der A 93 bei Windischeschenbach. Ein Sattelzug gerät zu weit nach rechts und knallt ins Heck eines Transporters der Autobahnmeisterei. Drei Arbeiter werden verletzt, einer von ihnen schwer.

Dienstag, 13. September 2016. Auf der A6 bei Sulzbach-Rosenberg. Ein Lastwagen der Autobahnmeisterei fährt mit seinem Warnleitanhänger auf die Fahrbahn Richtung Nürnberg. Er soll eine Wanderbaustelle absichern. Der Fahrer eines Sattelschleppers wird nach eigener Aussage so stark von der Sonne im Rückspiegel geblendet, dass er nicht rechtzeitig die Spur wechseln kann. Er prallt ins Heck des Lastwagens der Autobahnmeisterei, der Anhänger wird völlig demoliert. Der Straßenwärter muss einen Tag im Krankenhaus verbringen. Immer diese Lastwagen-Fahrer könnte man meinen - in Anlehnung an Heinz Erhardts "Immer diese Radfahrer".

Warnsignale wirkungslos

Tatsächlich sind an Unfällen fast ausschließlich Lastwagen und Kleintransporter beteiligt. Straßenwärter, Polizei und Rettungsdienste machen sich deshalb zunehmend Sorgen. Sie alle arbeiten nicht selten unter Lebensgefahr. Zwar sind die Autobahnmeistereien sicherheitstechnisch hochgerüstet. Doch all das nützt nichts, wenn sich Verkehrsteilnehmer unvorsichtig und unvernünftig verhalten. Selbst Warnsignale haben offenbar manchmal nur noch begrenzte Wirkung. "Sowohl Gelb- als auch Blaulicht werden ignoriert. Das haben auch die Rettungsdienste schon festgestellt", berichtet Friedrich Böhm, Leiter der Verkehrspolizeiinspektion Amberg.

Bei Tagesbaustellen etwa setzen die Meistereien inzwischen drei Vorwarntafeln und Warnanhänger ein - ab etwa 1400 Metern vor der Baustelle im Abstand von jeweils 400 Metern. Früher waren es nur zwei Tafeln. Moderne LED-Leuchten mit sich bewegenden Pfeilen weisen auf Fahrbahnverengungen hin. Dazu werden per CB-Funk Warnmeldungen in sieben Sprachen direkt in die Lastwagen-Cockpits gesendet. "Dadurch konnte eine deutliche Senkung der Unfallzahlen festgestellt werden", sagt Hans Schwemmer, Leiter der Autobahnmeisterei Lauterhofen/Schwandorf. Er ist zuständig für die A 6 zwischen Altdorf und Wernberg sowie die A 93 zwischen Luhe-Wildenau und Ponholz. "Die Fahrer haben alle Zeit der Welt, sich auf die neue Situation einzustellen", sagt Böhm. Das Problem: Viele tun es nicht. Und manche können es auch gar nicht.

Kuriose Ablenkung

Immer wieder driften Lastwagen teilweise um halbe Fahrspuren nach links oder rechts ab - manchmal über eine Distanz von mehreren hundert Metern. Steht dann rechts ein Gespann mit Warnleitanhänger kann es zum Crash kommen. Vor allem, wenn die Lkw in Kolonnen ohne ausreichenden Abstand unterwegs sind. Sicherungsfahrzeuge und Hindernisse können sie dann oft überhaupt nicht mehr sehen. Moderne Technik, etwa Abstandsassistenten oder eben die CB-Funkgeräte im Lastwagen helfen - aber nur, wenn sie auch eingeschaltet sind. Genau das ist nach Erfahrung von Böhm aber oft genug nicht der Fall. Ist dann ein Fahrer unaufmerksam, ist schnell etwas passiert. Sekundenschlaf oder die berühmte Wespe können Ursachen für Unfälle sein. Was aber Polizisten und Straßenwärter darüber hinaus an Ablenkungen erleben, taugt für ein Kuriositätenkabinett: Fahrer lesen ein Buch, spielen am Handy, kochen sich einen Kaffee oder heben eine heruntergefallene Brotzeit auf. Eindeutige Indizien gibt es auch fürs Pinkeln am Steuer. Regelmäßig sammeln die Mitarbeiter Flaschen mit Urin im Mittelstreifen auf. "Das ist gar nicht so selten", sagt Schwemmer. "Das ist für unsere Mitarbeiter eigentlich nicht zumutbar." Dabei sollte eigentlich klar sein: "Wo du hinschaust, da fährst Du auch hin", erklärt Böhm. Deshalb sollte der Blick immer nach vorne auf die Straße gerichtet sein.

Passiert tatsächlich ein Unfall, stellt sich für Rettungskräfte oft das nächste Problem. "Man stellt überall fest: Die Rettungsgasse wird nicht beachtet, wie es erforderlich wäre", bedauert Böhm. Bei stockendem Verkehr auf zweispurigen Richtungsfahrbahnen ist laut Straßenverkehrsordnung in der Mitte eine freie Gasse zu bilden. Bei drei Spuren ist der Bereich zwischen der linken und mittleren Spur freizuhalten. Das klappt offenbar selten reibungslos. Sind die ersten Rettungsfahrzeuge durch, schließt sich die Gasse wieder, berichten Böhm und Schwemmer.

Müssen dann weitere Polizeiautos, Sanitätswagen oder Fahrzeuge der Straßenmeisterei nachrücken, etwa bei größeren Unfällen, verlieren sie wertvolle Minuten, die eigentlich Leben retten können. Stattdessen Stop-and-Go. "Du kämpfst dich mit Martinshorn und Blaulicht durch", berichtet Böhm. "Die Rettungsgasse rettet Leben. Das ist mal sicher." Es gelte: Schon bei zähfließendem Verkehr an die Seite fahren und dort auch bleiben - bis sich der Stau auflöst oder die Polizei Anweisungen gibt. In der Gasse vorzufahren oder einfach umzukehren sei absolut tabu. Passieren dürften nur Polizei, Rettungskräfte, Abschleppdienst und die Autobahnmeisterei. Schwemmers Männer sind es, die nach der Räumung einer Unfallstelle die Fahrbahn wieder offiziell freigeben.

Die Rettungsgasse rettet Leben. Das ist mal sicher.Friedrich Böhm, Leiter der Verkehrspolizeiinspektion Amberg
Die Kollegen sind oft einem erhöhten Sicherheitsrisiko ausgesetzt.Hans Schwemmer, Leiter der Autobahnmeisterei Lauterhofen/Schwandorf

Bußgelder

Abstand: Lastwagen müssen ab Tempo 50 mindestens 50 Meter Abstand zum Vordermann halten, erklärt Friedrich Böhm. Wer sich nicht dran hält und erwischt wird, muss mit 80 Euro einem Punkt in Flensburg rechnen. Rettungsgasse: Wer die Bildung einer Rettungsgasse behindert, kann laut Böhm mit 20 Euro Verwarngeld zur Kasse gebeten werden. (räd)

Mehr Verkehr auf den Autobahnen

Der Verkehr auf Autobahnen hat in den vergangenen 10 Jahren deutlich zugenommen. Auf der West-Ost-Route A 6 zwischen Amberg-Süd und Amberg-Ost zählte die Autobahndirektion Nordbayern rund 50 Prozent mehr Fahrzeuge, die Zahl der Lastwagen stieg um etwa 40 Prozent. Der Schwerverkehrsanteil beträgt auf der A 6 rund ein Drittel. Auf der A 93 ist das gesamte Verkehrsaufkommen mit mehr als 43 000 Fahrzeugen täglich etwa doppelt so hoch. Zwischen Schwandorf-Nord und -Mitte verzeichneten die Zählstellen einen Gesamtzuwachs von etwa 15 Prozent. Der Lkw-Verkehr legte um 19 Prozent zu. In absoluten Zahlen sind auf der A 93 und der A 6 in etwa gleich viele Laster unterwegs - etwas mehr als 5000. Wegen des insgesamt geringen Verkehrs auf der A 6 ist dort allerdings der prozentuale Lkw-Anteil höher.

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