In der Jury für das Jugendwort des Jahres
Wollen wir fly sein?

Mit Jugendwörtern ist es immer irgendwie komisch. Sobald sie bekannt gegeben werden, fragen sich die meisten, was der Begriff eigentlich bedeutet. Das aktuelle Jugendwort des Jahres ist "fly sein". Bei der Wahl im November in München saßen zwei Amberger in der Jury. Bild: Steinbacher
 
"Den konkreten Ausdruck "fly sein" gebrauche ich selbst offen gesagt nie." Zitat: Julian Prechtl
 
"Oder denkt heute noch jemand an die Flashmobs zu Gangnam-Style oder die Ice-Bucket-Challenge? So ist das auch mit den Jugendwörtern." Zitat: Maximilian Knab

Das Jugendwort des Jahres sind eigentlich zwei: "fly sein". Zwei Amberger saßen in München mit in der 20-köpfigen Jury, als es darum ging, diese harte Nuss zu knacken. Warum? Weil sie eingeladen wurden.

Amberg/München. Maximilian Knab (19) und Julian Prechtl (18) gewannen heuer beim bundesweiten Schülerzeitungswettbewerb einen Förderpreis in der Kategorie Gymnasium. Danach bekamen sie Post vom Langenscheidt-Verlag. Sie wurden angeschrieben, ob sie nicht Interesse daran hätten, in der Jury dabei zu sein. Sie hatten.

Warum wurden Sie für diese Aufgabe als besonders geeignet eingestuft?

Maximilian Knab: Das war wohl maßgeblich dem geschuldet, dass viele unserer Schülerzeitungsartikel einen sehr lockeren und jugendlichen Sprachstil pflegten. Über die Einladung haben wir uns natürlich sehr gefreut, weil es ja doch nur 20 Juroren aus ganz Deutschland sind. Grundsätzlich kann man sich aber auch für einen Juryplatz aus eigener Initiative bewerben.

Dann wissen Sie sicher, was das überhaupt bedeutet: "Fly sein"?

Knab: "Fly sein" ist ein Begriff aus der Rap-Sprache, was in etwa mit "besonders abgehen" übersetzt werden kann. Der Begriff wird bisher eher von bestimmten Gruppen und in größeren Städten von Jugendlichen benutzt. Dabei wird oftmals übersehen, dass bei dem Begriff auch ein wenig Ironie mitschwingt. Ironie beispielsweise über den inflationären Gebrauch von Jugendwörtern. Demnach kann mittlerweile so gut wie alles "fly" sein. Allgemein können mit "fly" leichte, luftige und positive Assoziationen verbunden werden.

Haben Sie für diesen Begriff gestimmt?

Knab: Dieser Punkt unterliegt doch dem Grundsatz geheimer Wahlen (lacht). Aber soviel: Manch andere Begriffe waren nicht wählbar: Hopfensmoothie für Bier beispielsweise. An sich ist das ein sehr schöner Begriff, der die um sich greifenden Fitness- und Veganer-Bewegung treffend karikiert, aber auf der anderen Seite wird Alkohol für Jugendliche, die dieses Hintergrundwissen nicht haben, verharmlost.

Julian Prechtl: Meine persönlichen Favoriten waren andere. Teilweise auch außerhalb der Top 10, die zur Auswahl standen. .

Benutzen Sie den Ausdruck eigentlich selber?

Julian Prechtl: Den konkreten Ausdruck "fly sein" gebrauche ich selbst offen gesagt nie.

Gibt es jemanden in Ihrem Bekanntenkreis, der ihn benutzt?

Julian Prechtl: Er ist mir von dem Ein oder Anderen zumindest bekannt, wenn auch nicht geläufig. Ich kann generell vor allem aus meiner Schulzeit sagen, dass - zumindest wir in unserem Umfeld - in der alltäglichen Kommunikation nur sehr vereinzelt bis gar nicht Wörter verwenden, die man wohl als "Jugendsprache" bezeichnen würde.

Was gab es denn sonst noch so zur Auswahl?

Knab: In den Top 5 landeten: fly sein, bae, isso, Bambusleitung und Hopfensmoothie.

Prechtl: Sehr kreativ finde ich die letzten zwei, die jedoch aus verschiedenen Gründen nicht unbedingt als Jugendwort des Jahres taugten.

Warum nicht?

Prechtl: Weil sie einfach niemand verwendet. Das ist auch generell die Krux der ganzen Wahl. Welche Wörter da unter den Top 10 landen, wer dafür abstimmt und vorschlägt, und nach welchen Kriterien dann gewichtet wird, das sollte man durchaus kritisch hinterfragen. Jedes Jahr wird in den Kommentaren und Medienberichten zur Wahl immer kritisiert wird, das Jugendwort verwende niemand: Das Jugendwort des Jahres erhebt auch keinen Anspruch darauf, automatisch das Wort zu sein, welches alle Jugendlichen kennen und gebrauchen. Der Verbreitungsgrad ist eines von vier Kriterien - nicht mehr, aber auch nicht weniger.

"Isso" hätte vermutlich den größten Verbreitungsgrad.

Prechtl: Im Grunde aber ist "isso" das "Wort", und Wort muss hier in Anführungszeichen stehen, das für mich und auch die meisten Jurymitglieder von Anfang an sofort raus fiel. Das ist ja eine reine sprachliche Verschleifung von "ist so", uralt und schon gar nicht nur von Jugendlichen verwendet.

A propos uralt: Benutzt man als Jugendlicher eigentlich noch so Wörter wie "cool" oder "Alter?

Prechtl: Auch auf die Gefahr hin, dass ich jetzt voll außerhalb des Trends liege (lacht): Ja, klar, aber eben nicht öfter als jedes gesprochene Wort. Die vermeintlichen Jugendwörter sind immer ein Hype, der naturgemäß auch wieder stark abfällt - oder einfach gesagt: Sie gehen in den Sprachgebrauch über, werden aber nicht mehr derartig inflationär, sondern nur noch selten oder passend gebraucht.

Was ist Ihrer Meinung nach ein typisch jugendlicher Ausdruck - oder gibt's so etwas gar nicht?

Prechtl: Ich würde eher dazu tendieren zu behaupten, dass es so etwas nicht gibt. Klar, es gibt viele Wörter, die kaum von älteren Erwachsenen, dafür ständig von Jüngeren gebraucht werden, aber die haben sich meistens genauso schnell wieder ausgenutzt, wie sie aufgekommen und exponentiell gehypt worden sind. Aber vor allem ist das Problem, dass die "Jugendwörter" sehr oft einen lokal begrenzten Hintergrund in der jeweiligen Gruppe und dem Umfeld - insbesondere der Schule - haben. Zudem werden oft einfach Wörter aus dem Englischen in ziemlich identischer Bedeutung im deutschen Sprachgebrauch verwendet.

Welche zum Beispiel?

Prechtl: Ein bisschen ist das sinngemäß auch bei "fly sein" der Fall. Aktuell fallen mir beispielsweise "safe" oder "lit" ein. Aber das sind auch wieder zwei Wörter, von denen man nicht sagen kann, ob die jetzt nur in der jeweiligen Gruppe, lokal oder doch national "typisch" von Jugendlichen verwendet werden.

Knab: Das ist auch meine Meinung. Im Allgemeinen kann man eher beobachten, dass im Internet durch ein bestimmtes Ereignis schnell irgendwelche Trends entstehen. Diese ebben oftmals aber auch genauso schnell wieder ab. Oder denkt heute noch jemand an die Flashmobs zu Gangnam-Style oder die Ice-Bucket-Challenge? So ist das auch mit den Jugendwörtern: Es entstehen kurzfristig Begriffe, die aber kaum den langfristigen Sprachgebrauch beeinflussen.

Jugendwörter2016: fly sein

2015: Smombie

2014: Läuft bei dir

2013: Babo

2012: Yolo

2011: Swag

2010: Niveaulimbo

2009: hartzen

2008: Gammelfleischparty



Den konkreten Ausdruck "fly sein" gebrauche ich selbst offen gesagt nie.Julian Prechtl


Oder denkt heute noch jemand an die Flashmobs zu Gangnam-Style oder die Ice-Bucket-Challenge? So ist das auch mit den Jugendwörtern.Maximilian Knab


Die JuryDer Langenscheidt-Verlag hatte zur Wahl des Jugendwortes eine 20-köpfige Jury aus der gesamten Bundesrepublik nach München geladen. Aus Amberg kamen die beiden Absolventen des Erasmus-Gymnasiums Maximilian Knab und Julian Prechtl. Knab war von der zehnten bis zur zwölften Klasse am Erasmus-Gymnasium Chefredakteur der Schülerzeitung "EGoist". Jetzt studiert der Lintacher im ersten Semester Jura an der Universität in Bayreuth. Prechtl war ebenfalls Chefredakteur des EGoisten. Das Produkt erhielt den Förderpreis im bundesweiten Wettbewerb der Jugendpresse und der Länder 2016. Aktuell studiert Julian Prechtl in Passau. (roa)


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