Interview mit dem Präfekten der Glaubenskongregation, Gerhard Kardinal Müller
Klare Worte aus Vatikan gegen "Feinde der Kirche"

Kardinal Gerhard Ludwig Müller. (Foto: dpa)
 
Kardinal Gerhard Ludwig Müller. (Foto: dpa)
 
Kardinal Gerhard Ludwig Müller beim Kötztinger Pfingstritt nahe Bad Kötzting. (Foto: dpa)

Für 1,3 Milliarden Katholiken in aller Welt definiert Gerhard Kardinal Müller, die Wahrheit im Glauben. Der ehemalige Bischof von Regensburg ist seit 2012 der Chefdogmatiker des Vatikans. Im Exklusiv-Interview mit Oberpfalz-Medien und onetz.de bezieht der Präfekt der Glaubenskongregation eindeutig Stellung.

Herr Kardinal, Sie üben in Ihrem Buch heftige Kritik an der "sozial zersetzenden Einstellung einer kleinen Finanz- und Unternehmerelite", die schließlich auch die politische Macht auf sich konzentriere, "um die Regeln der nationalen Ökonomie zu Ihren Gunsten zu manipulieren (…)". Bezieht sich diese Kritik auf Milliardäre,  internationale Großkonzerne und Banken? Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund den Ausgang der US-Präsidentschaftswahl?

Gerhard Kardinal Müller: Die ungerechte Verteilung der Güter der Erde und der Erträge der Volkswirtschaften ist eine Tatsache. Viele Millionen Menschen spüren das am eigenen Leib. Wenn in manchen Kontinenten mehr als die Hälfte der Bevölkerung unter dem Niveau der Menschenwürde ihr Dasein fristen muss, geht das auf moralisches Versagen zurück. Ohne auf die US-Wahlen direkt eingehen zu wollen, muss doch die ethische Dimension jeder Politik angesprochen werden. Es geht nie gut, wenn nur Geld und Macht das Maß aller Dinge sind. Wie brauchen Verantwortliche in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, in der Kultur und den Medien, die das Gemeinwohl zum Kriterium ihrer Analysen und Entscheidungen machen.
 
Sie stellen die außerordentliche Bedeutung Ungarns für das Christentum dar - und zitieren den Hl. Stephan, "Fremde und Ausländer ins Land zu holen, denn schwach und fragil ist das Reich, das nur eine Sprache und Sitte hat". Ist dieses Zitat eine Art Mahnung, denn aktuell schottet sich Ungarn durch Viktor Orban massiv gegen Flüchtlinge ab?

Gerhard Kardinal Müller: Die mittelalterlichen Herrschaftsgebilde waren nie oder selten Nationalstaaten, wie wir sie aus dem 19. Jahrhundert kennen und umfassten meist mehrere Stämme (Ethnien) und Sprachen. Siedlungsbewegungen und Bevölkerungsverschiebungen, wie z.B. der Deutschen in Gebiete östlich der Elbe, waren nicht ungewöhnlich und oft sogar friedlich. Heute stehen wir vor der Herausforderung, zwei legitime Prinzipien miteinander in Einklang zu bringen. Einerseits müssen wir aus christlichen und humanitären Gründen offen sein für Menschen, die als Flüchtlinge unsere Hilfe suchen und brauchen. Andrerseits gibt es das Anliegen, die gewachsene kulturelle Identität eines Landes und Volkes zu bewahren. Es können fremde Kulturen auch kreativ integriert werden, ohne dass die eigene Sprache und Lebensweise an den Rand gedrängt werden. Wir müssen bedenken, wie unseren östlichen Nachbarn die schreckliche Erfahrung präsent ist, dass z.B. ein Stalin durch einen radikalen Bevölkerungsaustausch ganze Kulturen und Staaten ausgelöscht hat. Bei der Kritik an unseren osteuropäischen Nachbarn sollten wir in Westeuropa zurückhaltender sein. Vor allem dürfen wir als Deutsche gegenüber Polen nie mehr als Oberlehrer auftreten. Auch hier ist es besser miteinander zu reden, als zu lautstarke öffentliche Erklärungen über andere abzugeben.
 
Die Migration stellt in ganz Europa ein zentrales, emotionales Thema dar. Sie plädieren für eine "verantwortliche Einwanderungspolitik". Was verstehen Sie darunter?

Gerhard Kardinal Müller: Das eine ist unsere Hilfe für Flüchtlinge. Da sind Menschen in unmittelbarer Not. "Erste Hilfe" ist gefragt, die jeder leistet, der das Gleichnis vom barmherzigen Samariter verstanden hat. Etwas anders ist eine gezielte Politik der Einwanderung von Menschen in unsere klassischen Nationalstaaten, wie sie sich im neuzeitlichen Europa herausgebildet hatten. Ihr Kennzeichen ist die weitgehende Übereinstimmung von ethnischer Herkunft und Staatsbevölkerung im Unterschied etwa zu den USA, Kanada und Australien. Da wir in Europa nach den Schrecken der Weltkriege uns immer mehr wie eine zusammengehörige Familie fühlen, wird das enge Zusammenleben von Deutschen, Polen, Italienern, Spaniern, Franzosen in einem einzelnen europäischen Land kaum noch als Problem empfunden. Schwieriger wird es, wenn es sich um Zuwanderer handelt, die sich in Religion, Kultur, Mentalität und dem moralischen Wertekanon erheblich von uns nicht nur unterscheiden, sondern die uns nicht verstehen können. So widerstreiten Kinderehen nicht nur unserer Kultur, sondern -nach unserer Auffassung- auch dem natürlichen Sittengesetz, das der staatlichen Gesetzgebung vorausgeht. Gegenüber einwanderungswilligen Personen aus anderen Kulturkreisen kann der Staat zu Recht Mindestforderungen, wie zumindest die Anerkennung unserer Verfassung und der Gesetze, stellen. Aber es kommt darauf an, diese neuen Mitbürger auch davon zu überzeugen. Das müssen alle lernen und innerlich akzeptieren: Man soll von der Religionsfreiheit nicht nur dann reden, wenn man sich in einer Minderheit befindet, sondern auch dann, wenn man einmal einer Mehrheit angehören sollte. Die grundlegenden Menschenrechte darf niemand nur funktional anerkennen, wenn sie einem gerade einen Vorteil bringen, sondern man muss sie prinzipiell sich zu eigen machen als moralische Maximen unter allen Bedingungen.
 
Sie beklagen eine "Leitkultur des Techno-Szientismus und des konsumorientierten Individualismus", die Aushöhlung von "säkularisierten Gesellschaften" durch "Trivialität und Vulgarität". Eine Gesellschaft, die sich nur über den "homo oeconomicus" definiere, habe sich "damit abgefunden, nur für den Wohlstand zu leben". Eine - pessimistische - Zustands-Beschreibung?

Gerhard Kardinal Müller: Es besagt nicht viel, ob man pessimistisch oder optimistisch ist oder genannt wird. Es kommt darauf an, auch angesichts bedenklicher und gefährlicher Entwicklungen nicht zu resignieren, bzw. sich in Illusionen zu flüchten. Jeder Christ hat sich das Wort Jesu zu eigen gemacht: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt." (Matthäus-Evangelium 4,4). Es ist klar, dass wir auch die materiellen Güter brauchen, weil wir leibliche Wesen sind. Wir beten im "Vaterunser" zurecht um das tägliche Brot, das wir brauchen. Nicht die Ökonomie und die Gestaltung unseres sozialen Lebens ist schlecht, sondern die Reduktion des Menschen auf seine gesellschaftliche Funktion oder gar Nützlichkeit. Der Mensch ist ein geistiges und moralisches Wesen, das die Notwendigkeiten der Daseinsfürsorge weit überschreitet. Jeder braucht und schenkt Freundschaft und Vertrauen, Güte und Liebe, die er sich auch für viele Milliarden Dollar nie kaufen kann. Erst die unendliche Barmherzigkeit Gottes macht das Leben eines jedes Menschen ohne Ausnahme hell und schön. Das ist die Botschaft des Evangeliums, die uns Papst Franziskus im gerade zu Ende gegangenen Heiligen Jahr vermitteln wollte.
 
Sie räumen eine gewisse Mitveranwortung der Kirche ein. So lasse "die theologoische Ausbildung vieler Kleriker zu wünschen übrig" und Sie "bekennen, das auch wir Theologen dazu beigetragen haben, Gott auf ein reines Instrument der Logik in den Händen der Philosophen zu reduzieren" (S. 19). Was setzen Sie dem entgegen?

Gerhard Kardinal Müller: Unter "Kirche" wollen wir nicht nur die Kleriker verstehen, sondern die von Christus berufene Gemeinschaft aller Christgläubigen, in der freilich der Papst, die Bischöfe, Priester, Diakone und Laien mit einer Beauftragung in Pastoral, Verkündigung und Caritas eine besondere Verantwortung tragen. Jeder muss sich selbstkritisch fragen, ob er den bequemen Weg der Anpassung geht, oder den mühsamen Weg der "Unterscheidung der Geister". Denn jede Zeit und Epoche hat ihre Herausforderungen, Chancen und Risiken. Es reicht einfach nicht, dagegen oder dafür zu sein, alles Neue abzulehnen oder rundweg zu übernehmen und umgekehrt das Bisherige kritiklos hochzuhalten oder niederzumachen. Nur ein Beispiel: Unter dem Eindruck des als absolut fortschrittlich geltenden mechanistischen Weltbildes im 18. Jahrhundert, das schon wieder überholt ist, hat man sich das Bild vom Uhrmacher-Gott oder vom harmlosen "Vater über dem Sternenzelt" aufdrängen lassen. Die ganze Dramatik des Menschenlebens in der Beziehung zum lebendigen Gott, der unser Dasein angenommen und in seinem Sohn Jesus Christus bis zum Tod am Kreuz geteilt hat, ist dabei in den Hintergrund getreten. Das Christentum ist dabei eingeschränkt worden auf Devotion gegenüber dem "höchsten Wesen" und ein bürgerlich-moralisches Wohlverhalten, über das am Ende buchhalterisch abgerechnet wird. Sind wir froh, dass der lebendige Gott der biblischen Offenbarung und der ganzen christlichen Verkündigung anders ist als diese Banalisierung des christlichen Glaubens, die der unkritischen Übernahme eines zeitbedingten Denkmusters geschuldet war.
 
Sie zweifeln massiv an der "westlichen Kultur", die "ihre Größe verloren" habe, weil sie Gott nicht mehr als "Fundament des Seins" brauche . Sie prangern einer "immer ausgedehnteren Götzenkult der Ideologien, des Sex, des Image oder der Nation" an. Reicht dafür die "christliche Hoffnung" aus, um gegenzusteuern?

Gerhard Kardinal Müller: Die christliche Hoffnung ist unüberbietbar, weil sie im wirklichen Handeln Gottes und seiner Zuwendung zu uns ihr unerschütterliches Fundament hat. Das ist die christliche Überzeugung, dass der Gott und Vater Jesu Christi unserem Leben Halt, Orientierung und Ziel gibt. Die geschaffenen Dinge sollen dem Menschen dienen. Wenn er sie vergötzt, wird er ihr Sklave. "Wenn wir beim Wort Christi bleiben, werden wir die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird uns frei machen" (vgl. Johannes- Evangelium 8,32)..
 
Sie erkennen "klare Zeichen des Niedergangs" darin, so viele Priester mit "Burnout-Syndrom" zu sehen, "das heißt sie leiden (…) in ihrem Amt unter Dauerstress", der sie müde, apathisch und benommen mache. Eigentlich müssten hier alle Alarmglocken in der römisch-katholischen Kirche schrillen, wenn der "zweite Mann" im Vatikan eine solche Feststellung trifft.

Gerhard Kardinal Müller: Schon Jesus hat angesichts der "Größe der Ernte" einen Mangel an Arbeitern festgestellt und die Jünger, d.h. uns die Kirche, aufgefordert, um Arbeiter für das Reich Gottes zu beten. Das muss das beständige Anliegen der Berufungspastoral in einer Diözese sein, sich um gute und genügend Mitarbeiter des Bischofs als Priester, Diakone und auch Laien im kirchlichen Dienst zu bemühen. Es gibt aber oft auch Belastungen in der Verwaltung, die das eigentliche pastorale und katechetische Wirken so überlagern, dass auch die spirituellen Quellen verschüttet werden können. Wichtig ist auch die Gelassenheit und das Gottvertrauen unserer Seelsorger, deren voller Einsatz nicht immer von sichtbarem Erfolg gekrönt wird. "Wir haben die ganze Nacht umsonst uns bemüht, Fische zu fangen", sagen die Apostel zu Jesus. Und als er sie auffordert, noch einmal die Netze auszuwerfen, sagten sie: "Auf dein Wort hin, wollen wir es erneut versuchen". Und dann wurde ihre Mühe reichlich belohnt. (Lukas-Evangelium 5,5).
 
Sie diagnostizieren die Dekadenz als "die wahre Krankheit", die unser Herz vergifte: "Ich meine damit die Auffassung des Christentums als eine Art archäologischer Stätte: Man lebt eingeschlossen und spaziert durch die Ruinen einer weit zurückliegenden, wenn auch glorreichen Vergangenheit, wie es die Katzen auf dem Forum Romanum tun". Ihre Kritik richtet sich nach innen?

Gerhard Kardinal Müller: Das wäre das Schlimmste, wenn unser Christ-Sein sich auf die Bestandteile christlicher Kultur beschränken würde, die man auch im Museum zeigen kann. Wer als Christ nach Rom kommt, wird das antike Rom mit all seinen Denkmälern erstaunlichster menschlicher Leistungen anders betrachten als das christliche Rom. Das hat zwar auch solche Sehenswürdigkeiten in Architektur und Kunst anzubieten. Aber es ist doch ein Ziel der Pilger, die mit den Aposteln Petrus und Paulus und all den Märtyrern aus der Verfolgungszeit den Weg zu Gott gemeinsam gehen wollen. Der christliche Glaube hat eine große Vergangenheit hinter sich und seine noch größere Zukunft vor sich. Er vermittelt jedem Menschen Zukunft in Gott.
 
Sie schildern in Ihrem Buch - an mehreren Stellen - ausführlich den Bekennermut von Christen quer durch die Jahrhunderte. Beim  Besuch am Tempelberg in Jerusalem legten der Münchener Erzbischof Reinhard Marx und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bedford-Strom, jüngst das Kreuz ab, um angeblich die Moslems nicht zu provozieren. Ist diese Geste als Unterwerfung zu verstehen? Bekennermut geht doch anders…

Gerhard Kardinal Müller: Ich finde es nicht richtig, Mitbrüder öffentlich zu kritisieren und tue dies auch nicht. Es geht um das richtige und angemessene Verhalten von Menschen unterschiedlicher Religion zueinander. Wir als Christen wollen niemanden mit unserem Glauben und den entsprechenden Symbolen provozieren. Aber wir können auch zurecht von Andersgläubigen, Nichtgläubigen oder Menschen ohne Religion erwarten, dass sie uns als Mitmenschen und unser christliches Denken und Handeln nicht nur passiv tolerieren, sondern auch aktiv achten. Ohne Respekt voreinander ist ein Zusammenleben nicht möglich. Bei einer interreligiösen Begegnung oder offiziellen Einladung muss jeder Amtsträger einer Glaubensgemeinschaft oder Religion den anderen so akzeptieren, wie es dessen Amt in Habitus und Kleidung entspricht. Sogar bei uns gibt es die extreme Intoleranz und Respektlosigkeit gegenüber den Christen, wenn verlangt wird, dass das Kreuz aus der Öffentlichkeit zu verschwinden habe. Man verwechselt hier die weltanschauliche Neutralität des Staates mit dem Monopolanspruch einer Religion oder Weltanschauung auf alleinige Geltung in der Gesellschaft. Religionsfreiheit heißt, dass der Glaube sich auch in der Öffentlichkeit darstellen kann und dass Christen das Recht haben, im Sinne ihres Menschenbildes am Aufbau einer gerechten und sozialen Gesellschaft in Politik und Kultur mitzuarbeiten.
 
Zur Sexualerziehung der Jugendlichen schreiben Sie: "Sie müssen dazu hinfinden, ihre Empfindungen und Gefühle im Licht ihrer jeweiligen Berufung zu interpretieren und die dahinterliegende Wahrheit zu entdecken?" Was ist darunter konkret zu verstehen?

Gerhard Kardinal Müller: Die Sexualität darf man nicht auf Physiologie und Biologie beschränken. Der Mensch als Mann oder Frau ist eine Ganzheit in Leib, Seele und Geist. So ist er in der Ehe auf eine personale Hingabe und Liebe hin geordnet, die alle Aspekte beinhaltet. Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer hat einmal die Ehe schön beschrieben als ganzheitliche Gemeinschaft des Leibes, des Lebens und der Liebe. Eine Erziehung und Begleitung dient jungen Menschen nur, wenn man sie in ihrer Person-Würde ernst nimmt und sie nicht zu Objekten von ausgeklügelten Erziehungsprogrammen macht.
 
Gestatten Sie eine persönliche Frage:  Wie sehen Sie rückwirkend Ihre Zeit als Bischof von Regensburg? Pflegen Sie noch Kontakte in die Oberpfalz und wann werden Sie Ihre frühere Diözese besuchen?

Gerhard Kardinal Müller: Niemand kann sich selbst beurteilen, weil dabei nur Selbstlob oder Abrechnung mit andern herauskommt. Überlassen wir getrost das Urteil über uns selbst und andere Gott allein. Wir sind nur Diener Christi und ich hoffe, dass ich in den zehn Jahren bischöflicher Arbeit im Weinberg des Herrn meine Pflicht und Schuldigkeit getan habe. Aber ich bin dankbar für die vielen Zeichen echten Glaubens im Bistum Regensburg und die gute Zusammenarbeit mit den Geistlichen, Ordensleuten und Laien zum Wohl und Heil aller, die meiner Hirtensorge als Bischof anvertraut waren. Ich fühle mich nach wie vor zuhause im Bistum und komme gerne, wenn es meine jetzigen Verpflichtungen und der Terminkalender erlauben, zu einer Predigt oder einem Vortrag nach Regensburg, wie kürzlich anlässlich des 10. Jahrestages des Papstbesuches 2005 zum Dom-Forum.
 
Bitte erklären Sie unseren Lesern kurz die wesentlichen Aufgaben als Präfekt der Glaubenskongregation im Vatikan. Wie sieht Ihr Tagesablauf im Vatikan aus, und pflegen Sie Verbindung zum emeritierten Papst Benedikt?

Gerhard Kardinal Müller: Natürlich besteht der private und offizielle Kontakt zum früheren Papst Benedikt weiter. Unsere Kongregation, die aus 25 Mitgliedern (Kardinälen und Bischöfen) und aus drei Arbeitsbereichen (Glaubensfragen, Disziplinarabteilung mit kanonischen Prozessen und der Abteilung zum sog. Privilegium Petrinum bei bestimmten Ehefragen) mit den entsprechenden wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern besteht, hat den Papst in seinem universalen Lehramt und Leitungsdienst für die Weltkirche zu unterstützen. Der Präfekt ist der Vorsitzende der ganzen Einrichtung und organsiert den Arbeitsablauf und hat die Ergebnisse dem Papst gegenüber zu vertreten. Darüber hinaus geht es um die Einheit und Koordination aller anderen Einrichtungen der römischen Kurie bei allen Themen der katholischen Glaubens- und Sittenlehre. Auch der wissenschaftliche Diskurs als Vorbereitung wichtiger Dokumente des päpstlichen Lehramtes ist bei uns angesiedelt, insofern der Präfekt die Internationale Theologenkommission und die Bibelkommission mit insgesamt 50 Professorinnen und Professoren aus allen 5 Kontinenten leitet. Wir haben Mitarbeiter aus 15 Nationen und geben so auch ein bescheidenes Beispiel, dass man trotz aller Unterscheide auch gut miteinander auskommen kann.

"Die Botschaft der Hoffnung"Wie kein anderer Oberhirte hat Gerhard Ludwig Müller als Bischof von Regensburg polarisiert. "Ich hoffe, dass ich im Weinberg des Herrn meine Pflicht und Schuldigkeit getan habe. Aber ich bin dankbar für die vielen Zeichen echten Glaubens im Bistum Regensburg und die gute Zusammenarbeit mit den Geistlichen, Ordensleuten und Laien zum Wohl und Heil aller, die meiner Hirtensorge als Bischof anvertraut waren", sagt er im Interview mit NT/AZ. Er fühle sich nach wie vor Zuhause im Bistum (Regensburg) und komme gerne, wenn es seine Verpflichtungen und der Terminkalender erlaubten.

Bei Herder erschien "Die Botschaft der Hoffnung" (Gedanken über den Kern der christlichen Botschaft), ISBN 978-3-451-38888-0. Das Buch basiert auf einem Gespräch von Gerhard Kardinal Müller mit dem Spanier Carlos Granados, Professor für Altes Testament an der kirchlichen Universität San Damaso in Madrid.

Die Lektüre der 276 Seiten ist alles andere als leichte Literaturkost. Redigieren hätte manchen Passagen zum Vorteil gereicht. So äußert sich der Kardinal auch zur Sexualerziehung der Jugendlichen: "Sie müssen dazu hinfinden, ihre Empfindungen und Gefühle im Licht ihrer jeweiligen Berufung zu interpretieren und die dahinterliegende Wahrheit zu entdecken." Die professoralen Worte lesen sich nicht gerade als praktische Hilfestellung. Wir fragten im Interview nach, was ist darunter konkret zu verstehen?

Dazu der Kardinal: "Die Sexualität darf man nicht auf Physiologie und Biologie beschränken. Der Mensch als Mann oder Frau ist eine Ganzheit in Leib, Seele und Geist. So ist er in der Ehe auf eine personale Hingabe und Liebe hin geordnet, die alle Aspekte beinhaltet. Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer hat einmal die Ehe schön beschrieben als ganzheitliche Gemeinschaft des Leibes, des Lebens und der Liebe. Eine Erziehung und Begleitung dient jungen Menschen nur, wenn man sie in ihrer Person-Würde ernst nimmt und sie nicht zu Objekten von ausgeklügelten Erziehungsprogrammen macht."

Der Präfekt der Glaubenskongregation zweifelt an der "westlichen Kultur", die "ihre Größe verloren" habe, weil sie Gott nicht mehr als "Fundament des Seins" brauche . Er prangert einen "immer ausgedehnteren Götzenkult der Ideologien, des Sex, des Image oder der Nation" an. Reicht dafür die "christliche Hoffnung" aus, um gegenzusteuern?

Müller: "Die christliche Hoffnung ist unüberbietbar, weil sie im wirklichen Handeln Gottes und seiner Zuwendung zu uns ihr unerschütterliches Fundament hat. Das ist die christliche Überzeugung, dass der Gott und Vater Jesu Christi unserem Leben Halt, Orientierung und Ziel gibt. Die geschaffenen Dinge sollen dem Menschen dienen. Wenn er sie vergötzt, wird er ihr Sklave." (cf)


Als Chefdogmatiker gegen Mainstream - Kommentar von Clemens FüttererÜber ihm steht eigentlich nur der Papst. Als Präfekt der Glaubenskongregation stellt Gerhard Kardinal Müller die letzte Instanz für alle Glaubensdogmen dar: "La Suprema", das Höchste der Kirchen-Ministerien. Seit vier Jahren bekleidet er einen der mächtigsten Posten im Vatikan. Sein Wort entscheidet in der (offiziellen) römisch-katholischen Weltkirche. Aber berühren und erreichen Glaubensdogmen wirklich noch die Mehrheit der Katholiken?

Seine Gedanken im neuen Buch "Die Botschaft der Hoffnung" - im Gespräch mit dem Alttestamentler Carlos Granados aus Spanien - wirken bemerkenswert offen. Schonungslos in der Innenansicht.

Der Kardinal gewährt hier einen geradezu intimen Einblick in kirchenpolitisches Denken. Und er rechnet mit dem Modernismus ab, mit dem "konsumorientierten Individualismus" als neuer Leitkultur, mit der "aggressiv laizistischen Welt", dem "postmodernen Relativismus", und er prangert die "Genderideologie" an. Dagegen setzt er die Familie als "eigentlich die wahre Quelle für den Reichtum eines jeden Landes"- "die persönlichen Tugenden werden innerhalb der Familie zu sozialen Tugenden".

Es greift zu kurz, Kardinal Müller in die rechte Ecke zu stellen. Der promovierte Dogmatiker stemmt sich mit theologischem Intellekt gegen den Mainstream. Da erinnert der 69-Jährige mit seinem rebellischen Beharren eher an den französischen Präsidentschaftskandidaten François Fillon, der als praktizierender Katholik ebenfalls die konservativen Tugenden beschwört.

"Jeder muss sich selbstkritisch fragen, ob er den bequemen Weg der Anpassung geht oder den mühsamen Weg der ,Unterscheidung der Geister'", meint Kardinal Müller im Interview. Dies ist beileibe nicht nur subjektiv zu interpretieren, sondern durchaus als Ermunterung zum christlichen Bekennermut zu sehen: Statt eines lauen Einknickens vor den Zeitgeist-Kapriolen.

 
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