12.04.2018 - 18:37 Uhr
Oberpfalz

Kolumne: OTon Blinde Gewohnheit

Gewohnheit macht blind. Manchmal zumindest. Vor kurzem sind zwei Freundinnen von mir nach Amberg gezogen. Eine Stadt, in der wir zur Schule gegangen sind, arbeiten, einkaufen, feiern gehen. Und die wir jetzt trotzdem nochmal neu kennenlernen. Irgendwie mit anderen Augen betrachten.

Amberg von oben: Aus Gewohnheit werden wir manchmal blind und taub für die Schönheit unserer Heimat, die Dinge, die unseren Alltag so erleichtern, oder die Menschen, die immer für uns da sind.
von Miriam Wittich Kontakt Profil

Bei Spaziergängen haben wir Straßen und Läden gesehen, die wir vorher nicht wahrgenommen haben. Wir haben mal wieder vom Mariahilfberg den Ausblick über die Stadt genossen. Mal ein anderes Restaurant ausprobiert als das übliche Stammlokal. Beinahe wie Touristen in der eigenen Stadt.

Gewohnheiten können ganz wunderbare Entscheidungshilfen sein. Wir sparen dadurch Zeit. Dennoch sollten wir viel öfter mit offenen, wachen Augen durch unsere eigene kleine Welt laufen. Eine Welt in der wir scheinbar schon jedes kleine Detail kennen. Sonst werden wir blind für die Dinge und Menschen, die uns so selbstverständlich sind. Farben erblassen. Manchmal brauchen wir, um etwas oder jemanden wieder wertschätzen zu können, eine krasse Veränderung.

Nach einem Urlaub im ausgedörrten Süden sehen wir erst wieder wie saftig grün bei uns daheim die Wälder, Wiesen und Wegesränder leuchten. In der ersten eigenen Wohnung denken wir wehmütig an das täglich frisch gekochte Essen unserer Mama. Jetzt wären wir besonders dankbar dafür. Beim Ausflug in die Großstadt realisieren wir, wie sauber die Straßen daheim im Ort doch sind. Freunde vermissen wir dann, wenn sie zu beschäftigt sind, um täglich mit uns zu ratschen. Wir erkennen: Ihre Zeit, die sie uns schenken, ist nicht selbstverständlich. Gäste, die zu Besuch sind, erinnern uns: „Schön habt ihr es hier.“ Stimmt, schön haben wir es. Auch beim hundertsten Anblick sollten wir uns das hin und wieder bewusst machen und dankbar dafür sein. 

OTon

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. Im „OTon“ werden wir in losen Abständen über das berichten, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen. Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.

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